"Tristan und Isolde" feierte am Mittwoch in Salzburg Premiere. - © Salzburger Landestheater/Jürgen Frahm
Das Publikum des Landestheaters und ihres Partners, der Salzburger Kulturvereinigung, hat diese Produktion zu Recht mit einhelligem Applaus bedacht – auch das Regieteam um Eike Gramss. Aber nach einem Vorhang war Schluss, und das lag nicht nur an der allgemeinen Müdigkeit nach fünf Stunden tonnenschwerem Liebesdrama.
Ganz vorne soll diesmal das Mozarteumorchester und sein Dirigent Leo Hussain stehen. Die Musiker haben organische Tempi gewählt. Sie ließen ihren “Tristan” durchaus wuchtig und an anderer Stelle fein, zart und quasi kammermusikalisch klingen. Ein paar kleine Unsicherheiten im Holz waren wahrzunehmen, dafür auch strahlende Schönheit an andere Stelle.
Die hemmungslose orchestrale Leidenschaft schien kontrolliert und nie gänzlich losgelassen. Aus gutem Grund, Hussain hat die Kontrolle über diese gigantische Partitur nie aufgegeben und die Musiker an der kurzen Leine gehalten – immerhin, diese Literatur ist seit Jahrzehnten nicht auf den Pulten des Mozarteumorchesters gelegen. Unterm Strich: disziplinierter, professioneller und passagenweise sogar großer Wagner-Klang. Respekt.
Der gebührt auch Eike Gramss und seinem Ausstatter Christian Floeren. Die beiden haben den “Tristan” nicht eigentlich interpretiert, sondern ausgestattet, ästhetisiert und abstrahiert. Klare Bilder, großflächige Stimmungen in Grautönen (was sonst) und dezente Video-Projektionen prägen den Salzburger “Tristan”. Im ersten Akt sind es senkrechte Seile, die die Darsteller wie Marionetten ihrer Schicksale auf schwankenden Holzpritschen wirken lassen. Später wird die Szenerie in die ungemütliche Atmosphäre einer nassen, halbverfallenen Burg verwandelt. Tristan und Isolde sterben neben einer Pfütze, aber der Blick aufs große weite Meer mit Cornwall im Hintergrund ist technisch geschickt umgesetzt. In Sachen Personenregie aber tut sich so gut wie nichts – der Regisseur hat sich mit der dramaturgisch trägen Wagner-Kiste erst gar nicht angelegt.
“Tristan” Michael Baba hat mit dem Singen ohnehin genug zu tun. Um es kurz zu machen: Babas Tenor klingt schön, aber zu klein für diese Partie. Immer wieder wird er von der Musik übertönt, was meistens nicht am Orchester liegt. Auch “Isolde” Jeanne-Michele Charbonnet drückt ihn in manchen Duett-Passagen in die Unhörbarkeit. Charbonnet selbst verfügt über deutlich mehr Kraft, allerdings kippt ihr Sopran immer wieder ins metallisch Klirrende. Frode Olson gibt seinen “König Karke” mit angenehm wenig Vibrato und bemerkenswerter Deutlichkeit der Sprache, und “Kurwenal” Detlef Roth ist ein hell strahlender Bariton, den man gerne noch öfter hören würde: Klangschön, kräftig und ausgewogen. Katharine Goeldner in der großen Partie der “Brangäne” und “Hausbariton” Simon Schnorr als “Melot” haben ihre Aufgaben gut bewältigt, und dasselbe gilt auch für Franz Supper und Einar Gudmundsson in den kleinen Rollen von “Hirt” und “Steuermann”.
Alles in allem: Das Salzburger Landestheater hat einen ästhetisch anspruchsvollen Wagner mit sehr gutem Orchester präsentiert. Das muss ein Haus dieser Größe erst einmal hinkriegen. Dass die wesentlichen Solisten nicht ganz mithalten konnten, hat den Gesamteindruck erheblich gedämpft. Aber das ist dem Theater und Vertriebs-Partner Kulturvereinigung nicht vorzuwerfen. Das liegt wohl schlicht und ergreifend am Budget. (APA)