“Alberto Giacometti” im Leopold Museum

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Wagen aus Giacomettis Serie "Chariot"
Wagen aus Giacomettis Serie "Chariot"
Selten kommt eine Ausstellungspräsentation ohne Superlative aus, aber im Leopold Museum scheinen sie diesmal angebracht: “Alberto Giacometti. Pionier der Moderne” wird am Donnerstag eröffnet und zeigt bis zum 26. Jänner 2015 laut Interimsdirektor Franz Smola “den ganzen Giacometti”. Dabei sei man auch kaufmännisch an Grenzen des Machbaren gegangen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.


Selbstverständlich ist “ganz” nicht mit “alles” gleichzusetzen, aber was das Haus in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich zusammengetragen hat, zeichnet ein umfangreiches Bild von den Wurzeln des Schweizer Künstlers (1901-1966), dessen Vater bereits Maler war, über seine Stationen beim Kubismus und Surrealismus, gefolgt von einer Schaffenskrise bis hin zu jenen Skulpturen, bei denen laut Sammlerin Elisabeth Leopold “jedes Kind sagen kann: Schau, das ist ein Giacometti!”, wie sie bei der heutigen Presseführung schmunzelte.

Und tatsächlich wird so mancher Besucher überrascht sein, im Untergeschoß des Leopold Museums nicht ausschließlich jene hageren, unheimlich in die Länge gezogenen Figuren vorzufinden, für die Giacometti schlussendlich bekannt wurde und die bei Auktionen für Rekorde sorgen, wie etwa 2010, als “L’Homme qui marche I” rund 104 Millionen Dollar (82 Mio. Euro) erzielte. Die Plastik “Chariot” soll bei einer Sotheby’s-Versteigerung im November den Rekord vielleicht sogar brechen. Ein Wagen aus der Serie ist auch in Wien zu sehen.

Welchen Wert Giacomettis meterhohe schreitende Männer und stehende Frauen haben, hat man im Leopold Museum nicht verhehlt. So sind die Wände in jenen Räumen, auf denen diese markanten Skulpturen auf von unten beleuchteten Podesten präsentiert werden, bis zur Decke in sattem Bronze bemalt und verströmen so in Kombination mit den Kunstwerken eine düstere, aber edle Aura. Ganz anders jene Kapitel, die sich Giacomettis Jugend widmen, wo nicht nur Gemälde seines Vaters Giovanni – laut Philippe Büttner vom Kunsthaus Zürich in der Schweiz nach wie vor ein geschätzter Künstler – gezeigt werden, sondern auch frühe Ölbilder Albertos. Darunter auch ein stilistisch an Paul Cezanne gemahnendes Selbstbildnis aus dem Jahr 1923.

Es folgt ein Streifzug durch Giacomettis kubistische Phase ab der Mitte der 1020er-Jahre, wo den Skulpturen auch Werke von Zeitgenossen wie Constantin Brancusi oder Juan Gris gegenübergestellt werden. Scheibenplastiken wie die “Liegende Frau” oder “Blickender Kopf” sind der surrealistischen Phase zuzuordnen, in der Giacometti Anfang der 30er Jahre in die Surrealisten-Gruppe rund um Andre Breton aufgenommen wurde. Eingerahmt werden diese Arbeiten von Werken Miros, Magrittes oder auch Max Ernsts.

Das berühmte Spätwerk schließlich erschließt die Faszination, die Giacomettis Arbeiten entgegenschlägt. In den Fokus gerückt werden neben den Skulpturen auch Gemälde, Zeichnungen und Skizzen, die die Skulpturen vorwegnehmen oder erweitern. Besonders stolz ist man auch auf jenes Selbstporträt, das Giacometti nur wenige Monate vor seinem Tod anfertigte.

Dem Künstler selbst wird schließlich mit zahlreichen Fotografien gehuldigt, die eine vielschichtige Annäherung bieten – stammen sie doch von Größen wie Henri Cartier Bresson, Man Ray oder auch der Österreicherin Inge Morath (1958). Meist ist Giacometti auf den Schwarzi-Weiß-Bildern in seinem Pariser Atelier mit seinen Skulpturen zu sehen. Aber auch im bewegten Bild kann man Giacometti kennenlernen, etwa in einem 50-minütigen Film von Ernst Scheidegger oder zwei Dokumentarfilmen von Jean-Marie Drot und Michel van Zele.

Dass diese Ausstellung, die insgesamt 146 Werke zeigt (davon 87 von Giacometti, darunter 36 Skulpturen), überhaupt zustande kam, ist zwei Jubiläen zu verdanken, wie Smola ausführte. Einerseits dem 20-Jahr-Jubiläum der Gründung der Stiftung Leopold, andererseits dem 25-Jahr-Jubiläum der “Schiele-Kooperation” mit dem Kunsthaus Zürich, wo einst die erste große Schiele-Schau mit Werken aus der Sammlung Leopold stattfand und wo seit dem 10. Oktober die Schau “Egon Schiele / Jenny Saville” mit wichtigen Werken aus der Wiener Sammlung läuft.

Einen Zusammenhang zwischen Giacometti und Schiele gibt es übrigens auch: Im Jahr 1964 besuchte Giacometti gemeinsam mit Francis Bacon die von Wolfgang Georg Fischer in der Marlborough Fine Art Galerie in London organisierte Schiele-Ausstellung. Laut einem Tagebuchauszug Fischers sei Giacometti vor dem “Herbstbaum” (1912) gestockt und habe gesagt: “Das ist außerordentlich!”

(S E R V I C E – “Alberto Giacometti. Pionier der Moderne” im Leopold Museum. 17. Oktober bis 26. Jänner 2015. Zur Ausstellung ist im Brandstätter Verlag ein gleichnamiger, zweisprachiger Katalog erschienen: Hrsg. von Franz Smola und Philippe Büttner, 232 Seiten, 29,90 Euro.)

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