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Allerheiligen: Die Erfahrungen eines weltlichen Trauerredners

Für den Salzburger Schriftsteller geht es darum, dem toten Menschen gerecht zu werden. Für den Salzburger Schriftsteller geht es darum, dem toten Menschen gerecht zu werden. - © APA/Gindl
“Geschichten sind wichtiger als das Gebet.” Das sagt Walter Müller, Salzburger Schriftsteller und der wohl am meisten beschäftigte Trauerredner der Stadt.

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Nachdem Müller eine Reihe vielbeachteter Romane vorgelegt hat, in denen der Tod eine zentrale Rolle spielt, spezialisierte er sich vor einigen Jahren auf die Recherche über Verstorbene, Begleitung der Hinterbliebenen und Persönlichkeitsporträts auf den Salzburger Friedhöfen. “Muss man über Gott reden, wenn der im Leben eines Verstorbenen nicht wichtig war?”, fragt Müller. “Für mich geht es zuallererst um Würde. Und darum, dem toten Menschen gerecht zu werden. Dabei sind die Liebe und das abgelaufene Leben das Wichtigste. Am Grab und in der Trauerhalle sollte nicht soviel gelogen, sondern mehr authentische Geschichten erzählt werden. Nichts ist schlimmer als Routine und Standardformulierungen, in denen nur der Name des Toten ausgetauscht oder ein Lebenslauf aus kalten Daten heruntergerasselt wird”, sagt Müller und erzählt, dass sogar das Wort “Jesus” an einem Grab würde- und pietätslos gewirkt habe. “Der Pfarrer hat die Mutter einer verstorbenen 35-jährigen Frau recht kühl darauf hingewiesen, das Jesus ja auch nicht älter geworden ist. Das darf man nicht.”

Auf der anderen Seite seien scheinbar banale, saloppe Alltagswörter, ja, durchaus Schimpfwörter, oft krampflösend, erläuterte Müller. “Ich habe einmal einen Kellner, ein Original seiner Zunft, einen Schmähführer der alten Schule, mit dessen verbürgtem, anstrengenden Kaffeehausdamen gegenüber formulierten Ausdruck ‘Schaastrommeln’ zitiert. Das wurde von der Trauergemeinde als wahrhaftig und befreiend empfunden, weil dieser Mann ‘eben so war’. Pietät ist halt etwas durchaus relatives”, so Müller, der in seiner Laufbahn als weltlicher Grabredner mehr als 160 Tote charakterisiert hat.

In Konkurrenz zu den Priestern und Pfarrern will sich Müller dennoch nicht sehen. “Es ist egal, wer die Wahrheit sagt, die dem Toten gerecht wird, wer nichtssagende Lebensläufe durch Geschichten ersetzt und wer die Düsterkeit von Gruften und Kapellen mit hellem Licht austauscht und den Lebenden die heitere Gelassenheit zurückbringt.” Auch von Glaubensverlust könne nicht geredet werden, sagt Müller: “99 Prozent der Menschen glauben. Irgendwie. Zwar nicht an die Amtskirche oder an einen Gott und die Auferstehung im festgelegt-christlichen Sinn. Aber ein richtiger Atheist, der die Möglichkeit eines Schöpfers und einer Welt nach dem Tod kategorisch verweigert hätte, ist mir bisher kein einziges Mal untergekommen.”

Auffallend sei außerdem, dass sich besonders jüngere Menschen wieder stärker an Traditionen orientieren würden. “Gerade die Jüngeren wollen einen Eichensarg und sehr häufig Gebete. Auch wenn viele im Alltag mit dem ‘Vater unser’ nichts zu tun haben, scheint das Ritual doch irgendwie Sicherheit zu geben. Wichtig ist es auch, die Angehörigen in die Abschiedsfeier einzubeziehen, sodass etwa der letzte Brief an den Opa, das Gedicht für die Mutter oder die Erinnerung an die letzte Begegnung mit dem Bruder formuliert werden könne, so Müller. “Tränen sind das Natürlichste bei einer Abschiedsfeier. Der einzige, der nicht weinen darf, ist der offizielle Trauerredner, auch wenn das manchmal schwer fällt.” (APA)



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