Anja Hagenauer: “Salzburg vor Pflegekollaps”

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Die Stadt Salzburg schlägt Alarm: Weil immer mehr Pflegekräfte fehlen, droht das System zu kollabieren, erklärt Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ). Betroffen davon ist die mobile Pflege für daheim genauso wie teilstationäre Tageszentren, Kranken- oder Seniorenwohnhäuser. Der Wegfall des Pflegeregresses habe die Situation deutlich verschärft.

„In Salzburg reden alle vom Wolf, aber niemand kümmert sich um die Großmutter“, bringt es Hagenauer auf den Punkt. „Die Pflege geht uns alle an. Egal ob in der Familie, wo man daheim Unterstützung braucht, in den Tageszentren, wo sich pflegende Angehörige Entlastung holen können, oder in den Seniorenwohnhäusern und Spitälern, wo die Menschen auf höchstem Niveau ganztags umsorgt werden – wir brauchen überall mehr Pflegerinnen und Pfleger“, betont sie am Donnerstag bei einem Pressetermin.

Dringlichkeit für Seniorenwohnhäuser verdreifacht

Bezeichnend für die aktuelle Situation sei, dass die Zahl der Bewerber bei der Stadt Salzburg von rund 30 pro Monat in den letzten beiden Jahren auf zuletzt vier bis fünf zurückgegangen sei. Durch den Wegfall des Pflegeregresses habe sich gleichzeitig die Dringlichkeitsliste für einen Platz im Seniorenwohnhaus von etwa 60 auf 190 Personen mehr als verdreifacht. Dazu komme, dass sich immer mehr Menschen bei Servicestellen und in Sprechstunden wegen überlanger Wartezeiten auf dringend benötigte Pflege beschwerten.

Hagenauer: Pflegenotstand seit Jahren vorhergesagt

Hier nimmt Hagenauer das Land in die Pflicht: „Es kann nicht sein, dass mit der Pflegeprognose 2013 schon seit acht Jahren bekannt ist, dass 2020 rund 600 Pflegerinnen und Pfleger im Krankenbereich und über 300 im Sozialbereich fehlen werden – und nichts passiert. Wir brauchen dringend eine Ausbildungsoffensive und eine Aufwertung des Berufsbildes.“

Regelrechter Wettkampf um Pflegekräfte

„Für den ständig steigenden Bedarf an Pflege sind dringend genügend ausgebildete Leute nötig“, sagt auch der Zentrale Pflegedienstleiter der Stadt Christoph Baumgärtner. „Aktuell kommt es unter den diversen Einrichtungen zu einem regelrechten Wettkampf um neue Mitarbeiter. Es gibt derzeit ja ein dreistufiges Berufsbild aus Pflegeassistenz, Pflegefachassistenz und Diplomkräften. Aktuell saugen die Kliniken die Pflegeassistenten ab und schulen sie zu Fachkräften auf. Da bleiben für Sozialeinrichtungen kaum welche über. Wir suchen händeringend nach fünf bis acht Pflegeassistent für das Seniorenwohnhaus Itzling und fünf weiteren für andere Häuser aufgrund von Pensionierungen.“

Hagenauer fordert zudem eine bundesweit gesicherte Finanzierung auch der stundenweisen Pflege: „Ich weiß nicht, ob eine verpflichtende Pflegeversicherung der Weisheit letzter Schluss ist. Vernünftig eingesetzte Vermögenssteuern hätten den gleichen Effekt – und könnten jene in der Gesellschaft entlasten, die nicht reich sind.“

Pflegebedürftigkeit: Zahlen steigen an

Dass eine durchdachte Finanzierung notwendig ist, zeigen die Zahlen. Im Bundesland Salzburg stieg die Anzahl der Pflegegeldbezieher in zehn Jahren um rund ein Drittel: Von 18.190 (2007) auf 26.087 (2017). Österreichweit mussten im Vorjahr für 456.000 Menschen 2,6 Milliarden Euro aufgewendet werden. Der Fiskalrat warnt, dass laut Schätzung des Wirtschaftsforschungsinstituts die Zahl bis 2050 auf 750.000 steigen wird. Damit werden sich die jährlichen Kosten für das Pflegegeld auf 4,2 Milliarden Euro erhöhen.

„Jede und jeder von uns ist wahrscheinlich eines Tages auf gute, fachgerechte Pflege angewiesen. Da sollten wir doch alles daran setzen, dass sie in Zukunft sicher und in ausreichender Zahl angeboten wird“, erklärt Hagenauer abschließend.

ÖVP fordert Dienstwohnungen für Pflegekräfte

Die ÖVP ist bei der Suche nach neuen Mitarbeitern für die städtischen Seniorenwohnhäuser für neue Wege abseits von gut gemeinten Inseraten und Informationsgesprächen. „Eine der wichtigsten Fragen, die sich neue Mitarbeiterinnen von auswärts stellen, ist die Frage, wo sie in der Stadt rasch und zu halbwegs vernünftigen Preisen eine Wohnung finden. Hier könnte die Stadt mit auf das Dienstverhältnis befristeten Dienstwohnungen enorm punkten. Gerade weil die Pflegeberufe ja ohnehin nicht überbezahlt sind“, betonen ÖVP-Klubobmann Christoph Fuchs und ÖVP-Seniorensprecher Gemeinderat Albert Preims in einer Aussendung.

Mit Verwunderung reagiert NEOS Klubobmann und Sozialsprecher Sebastian Huber auf die Warnungen von Hagenauer: „Noch in meiner letzten Anfragebeantwortung zu diesem Thema wurde mir mitgeteilt, dass im letzten Jahr – also 2017 – die Anzahl des diplomierten und nicht diplomierten Pflegepersonals in den städtischen Seniorenwohnhäusern gestiegen sei. Ähnliches wurde auch dem Sozialausschuss am 21.09.2017 berichtet, in dem von einer ,guten‘ Lage bei Bewerbungen für den Bereich der Pflege in den städtischen Seniorenwohnhäusern gesprochen wurde“, stellt Huber fest.

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