13. Oktober 2010 18:00; Akt.: 13.10.2010 18:00

"Arbeit billiger, Ressourcen teurer"

Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek über Nachhaltigkeit Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek über Nachhaltigkeit - © VOL Live/Steurer
von Iris Burtscher - VN-Klimaschutzpreis-Gastdozent Dr. Friedrich Schmidt-Bleek über die Notwendigkeit der Dematerialisierung.

Woran mangelt es unserer Wirtschaftsführung?

Friedrich Schmidt-Bleek: Das Hauptproblem sind die Ressourcenflüsse. Wir verbrauchen derartig viel Material, dass es nur auf Kosten der Armen und der Natur passieren kann. Hier ist keine Bremse eingebaut.

Was muss passieren?

Schmidt-Bleek: Wir müssen aufhören, den Menschen zu sagen, dass es eine weiche Landung gäbe. Ohne eine wirklich harte Dematerialisierung wird es keine Nachhaltigkeit geben. Die kann der Markt, wie er heute konstituiert ist, nicht schaffen. Das BIP sagt überhaupt nichts über den Zustand der Umwelt aus. Die Börse ist nichts anderes als ein Casino. Es müssen die Rahmenbedingungen verändert werden. Daher gehört mit Sicherheit eine Steuerumschichtung her: Arbeit billiger machen - was auch den Jobs zugute käme - und Ressourcen teurer. Alle Ressourcen.

Welche - durchaus auch unpopulären - politischen Entscheidungen wären dazu schon längst nötig?

Schmidt-Bleek: Die Preisarchitektur am Markt muss bewusst verändert werden. Der Druck aus dem Wählertum ist aber noch so gering, dass die Regierungen nichts tun, weil es zu risikohaft ist. Erst wenn es an die Haut geht, wird man andere Lösungen ernst nehmen.

Woran scheitert es?

Schmidt-Bleek: An der Nachhaltigkeit. Selbst wenn man alle Probleme, die mit dem Klimawandel zu tun hätten, morgen lösen könnte, hätten wir noch längst keine Nachhaltigkeit. Es gibt noch ganz andere Probleme, die genauso schwerwiegend sind, aber nicht so offenbar. Mit der Art, wie wir heute Verwaltung machen, Lehre gestalten oder Regierungen funktionieren, ist die Zukunft nicht machbar. Es wird immer nur im Einzelfall gedacht und immer nur dann eingegriffen, wenn irgendetwas schief geht. Es wird an Symptomen herumgefuchtelt, anstatt an den Kernproblemen zu arbeiten: die hohe Materialintensität und Zerfahrenheit der Zuständigkeiten. Alles ist aufgesplittert. Es gibt keine Stelle in Wien - und mit Sicherheit auch nicht in Vorarlberg - wo eine intelligente Gruppe von Leuten dafür sorgt, dass die Dinge, die im Land erledigt werden, auf die Nachhaltigkeit abgeklopft werden.

Auf welcher Ebene können diese Entscheidungen passieren?

Schmidt-Bleek: Dazu brauche ich keine Bundesregierung. Das kann ein Land locker alleine machen. Das kann auch Vorarlberg machen und es wäre dringend nötig. Die Region kann Systeme verändern, etwa im Bereich Mobilität. Man müsste nur neue Auflagen schaffen, etwa ein Abgabensystem: Die Leute, die die kleinsten Autos fahren, zahlen nichts, und die, die unbedingt einen Mercedes 500 fahren wollen, zahlen 30.000 Euro. Am Ende wird alles auf alle verteilt. So etwas geht. Aber dafür muss der Landeshauptmann ziemlich mutig sein.


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