Ari Rath im Alter von 92 Jahren in Wien gestorben

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Ari Rath war 1938 vor den Nazis aus Wien geflüchtet
Ari Rath war 1938 vor den Nazis aus Wien geflüchtet - © APA (BKA/Wenzel)
Der frühere Chefredakteur und Herausgeber der “Jerusalem Post”, Ari Rath, ist Freitag früh 92-jährig in Wien gestorben. Der spätere Publizist war 1938 vor den Nazis nach Palästina geflüchtet. 2007 nahm er wieder die österreichische Staatsbürgerschaft an, als seine Heimat bezeichnete er dennoch Israel. Dort will er laut der Online-Ausgabe der Tageszeitung “Der Standard” auch begraben werden.

Während eines Israel-Besuchs waren Herzprobleme bei Rath aufgetreten, im Wiener AKH sei er dann operiert worden, es seien jedoch noch Probleme mit der Lunge dazugekommen, so der “Standard”. Seinen 92. Geburtstag hatte der nach Eigendefinition “fast exzessive Optimist”, der stets für ein friedvolles Zusammenleben von Israelis und Palästinensern eingetreten war, erst am 6. Jänner gefeiert.

Ari – eigentlich Arnold – Rath wurde 1925 in Wien-Alsergrund geboren. Von 1975 bis 1989 war er Herausgeber und Chefredakteur der “Jerusalem Post”, die unter Rath eine liberale Linie vertrat. 2007 wurde er erneut österreichischer Staatsbürger, 2011 mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Im Oktober erschienen 2012 seine Memoiren unter dem Titel “Ari heißt Löwe” im Zsolnay Verlag, die zwei Jahre später vom Fischer-Verlag auch als Taschenbuch und eBook editiert wurden.

Raths Leben war von den Wirren sowie Irrlehren und -läufen des 20. Jahrhunderts gezeichnet. Die Ausgrenzung bekam er schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im März 1938 zu spüren. Am Gymnasium in der Wasagasse im 9. Wiener Gemeindebezirk, das auch Stefan Zweig, Erich Fried, Erwin Chargaff und Friedrich Torberg besucht hatten, wurde er bereits 1934 in eine sogenannte “Judenklasse” gesteckt.

Die Segregation hatte der damalige christlichsoziale Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg angeordnet, der Österreich später nach der Ermordung von Engelbert Dollfuß bei einem Nazi-Putschversuch im Juli 1934 bis zum Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 als Bundeskanzler autoritär regierte.

Seinen Lebensabend verbrachte Rath im Wiener Maimonides-Heim. Ob er sich wieder als Österreicher fühle, wurde er einmal gefragt. “Nein. Alles, was mir lieb war, wurde mir 1938 genommen, weil ich Jude war”, lautete die Antwort. Diesen Satz schrieb er auch im Prolog zu seinen von Stefanie Oswalt aufgezeichneten Lebenserinnerungen. Ab März 1938 galt er gemeinsam mit rund 190.000 anderen Wiener Juden als “vogelfrei”. Rath erinnerte sich: “‘Saujud, fahr nach Palästina!’, hat man mir auf der Straße nachgerufen. Für mich war es eine Beleidigung, denn von Palästina wollte ich nichts wissen. Ich war ja ein gebürtiger Wiener.”

Dennoch kam er im November 1938 im Alter von 13 Jahren mit einem Kindertransport über Triest nach Palästina. In der erzwungenermaßen neuen Heimat gründete er mit Gleichgesinnten den Kibbuz Hamadia nahe Bet She’an im Norden Israels, wo er dann auch immerhin 16 Jahre seines Lebens verbrachte. Zudem studierte Rath Zeitgeschichte und Volkswirtschaft und wurde schließlich Journalist. Knapp über 30 Jahre alt heuerte er 1957 als Redakteur der “Jerusalem Post”an und legte den deutschen Vornamen Arnold endgültig ab, um künftig als Ari Karriere zu machen.

Ari Rath zählte zum engeren Kreis rund um den ersten israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion und war auch mit dem erst vor wenigen Monaten verstorbenen Shimon Peres (Präsident von 2007 bis 2014) und dem 1995 ermordeten Präsidenten Yitzhak Rabin in engstem Kontakt. Bei der “Jerusalem Post” arbeitete Rath bis 1989, später betätigte er sich gelegentlich als freier Publizist und Schriftsteller.

In den Jahren 2013 und 2014 trat Rath bei der zeitgeschichtlichen Produktion “Die letzten Zeugen” von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater in Erscheinung. Diese wollte die Novemberpogrome 1938 thematisieren und verarbeiten. Sie wurde auch beim Berliner Theatertreffen gezeigt. Dabei wurde auch über die Scham und Trauer diskutiert, selbst überlebt zu haben, während Millionen andere gestorben waren.” Ari Rath sagte dazu: “Ich habe mein ganzes Leben meinen eigenen Shoah-Komplex, ein Schuldgefühl.”

Der Tod Rath wurde von der österreichischen Politik mit Bestürzung aufgenommen. “Ari Raths Berichte haben nicht nur den Antisemitismus vor 1945 umfasst. Er schilderte auch den über viele Jahre beschämenden Umgang Österreichs mit der NS-Zeit in der Zweiten Republik”, erklärte SPÖ-Nationalratspräsidentin Doris Bures. Ihr Parteikollege, Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ), betonte: “Er war im besten Sinn ein Mann der Aufklärung, der selbst unter den widrigsten Umständen niemals bereit war, die Hoffnung aufzugeben oder für sie einzutreten.”

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) erklärte: “Ari Rath hat immer den Kontakt zu den jungen Menschen gesucht, um sie für seinen engagierten Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie zu gewinnen. Als Angehöriger der jüngeren Generation ist es mir ein besonderes Anliegen, Ari Raths Andenken auch dadurch zu ehren, dass wir seinen Einsatz für Toleranz und Verständigung weiterführen. ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner stellte fest: “Ari Rath hat mit ganzer Kraft gegen Antisemitismus und Rassismus gekämpft und gerade auch jungen Menschen vorgelebt, wie man die richtigen Lehren aus der Geschichte zieht.”

Oskar Deutsch, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde, teilte mit: “Ich habe Ari Rath als einen unermüdlichen Kämpfer für Toleranz und Versöhnung gekannt, er wird uns sehr fehlen.” Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger ließ wissen: “Ari Rath vermochte auf unnachahmliche Weise Zuversicht zu vermitteln, ohne jemals die finsteren Zeiten seiner Jugend im nationalsozialistischen Wien und die komplexe Gegenwart auszublenden. Ari war ein Löwe, ein menschenfreundlicher, aufmerksamer, hellwacher Löwe. Wir werden ihn sehr vermissen.”

(APA)

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