Armut und Ungleichheit rückläufig, aber noch viel zu tun

Der Anteil der allerärmsten Menschen an der Weltbevölkerung, die mit weniger als 1,90 Dollar (derzeit 1,77 Euro) pro Tag leben müssen, ist ebenso rückläufig wie auch die Ungleichheit insgesamt. Dennoch bleibe noch viel zu tun, denn es sind immer noch weit über 700 Millionen Menschen davon betroffen – zur Hälfte Kinder, sagte Weltbankpräsident Jim Yong Kim am Donnerstagabend in Wien.

Etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung falle heute unter diese Armutsschwelle, 1990 war es noch ein Drittel der Menschheit. Einen Löwenanteil an der Verbesserung hat China, wo alleine 700 Millionen Menschen aus der Armut herausgekommen sind. Man müsse anerkennen, dass dies nur möglich ist, wenn man einigen erlaube, reich zu werden, sagte Kim in der Vortragsreihe “Finanz im Dialog”, zu der Finanzminister Hans Jörg Schelling einlädt. Zugleich wisse man heute, dass es niemals eine Welt ohne Armut geben könne, dazu müsste man Naturkatastrophen und ähnliche Einflüsse verhindern. Eine “Restarmut” von rund drei Prozent werde wohl nicht zu verhindern sein.

Zwar sei die Ungleichheit in einzelnen Ländern gestiegen, weltweit gesehen habe sie aber abgenommen, da die armen Länder ein stärkeres Wachstum hatten als die reichen.

Um die beiden Ziele zu erreichen – weniger Armut und weniger Ungleichheit – brauche man drei Schritte: Nachhaltiges Wachstum ankurbeln, in die Ausbildung der Menschen investieren und die Widerstandskraft gegen Krisen erhöhen. Kim geht davon aus, dass die Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitsprozesse auch in der Dritten Welt einen Großteil der heutigen Arbeitsplätze vernichten wird. In Ländern wie Nigeria oder Indien zwei Drittel, in Äthiopien sogar 85 Prozent. Für China erwartet die Weltbank, dass 77 Prozent der heutigen Jobs in naher Zukunft nicht mehr existieren – das Land sei aber relativ gut vorbereitet. Von 900 Millionen arbeitenden Menschen haben 150 Millionen eine technische Ausbildung und könnten daher mit dem Umbruch besser umgehen.

Der Maßstab dazu ist die Unterentwicklung von Kindern in den ersten Lebensjahren (auf englisch: Stunting). Bleiben Kinder in dieser Zeit wegen mangelhafter Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zurück, dann bleibt auch ihr Gehirn zurück, sie haben weniger neuronale Verbindungen – ein Rückstand, den sie nicht mehr aufholen können. In Indien sind davon 38 Prozent der Kinder betroffen – in China heute nur mehr 9 Prozent.

In die Kinder zu investieren ist auch wirtschaftlich sinnvoll, betonte Kim. Könnte man die Unterernährung beseitigen, dann wäre die Wirtschaftsleistung Afrikas um neun Prozent, die Südostasiens um zehn Prozent höher.

Am Weg zu einer besseren Entwicklung suche die Weltbank immer nach neuen Ansätzen, ihr Geld zu investieren. In Peru habe man den Anteil unterentwickelter Kinder innerhalb von sieben Jahren von 29 Prozent auf 14 Prozent halbiert, als man begonnen habe, Frauen Geld zu geben – aber nur wenn sie an Gesundheitsprogrammen teilnahmen. Die Kombination habe den Erfolg gebracht, nachdem jahrzehntelang erfolglos Einzelprogramme gemacht worden waren.

Manchmal zeigten auch unerwartete Mittel Erfolge: Der Bau einer Maut-Autobahn im Senegal, die als elitär und schlecht für die armen Menschen kritisiert worden war, schlug als großer Erfolg ein: Auch mittelständische Unternehmen hätten bald erkannt, dass sich der rasche Transport lohnt und das Geschäft ankurbelt – und alle anderen Straßen wurden entlastet, weil ein Teil des Verkehrs wegfiel. Damit profitierten alle, da das Projekt privat finanziert war, kostete es den Staat kein Geld. Ähnlich wurde ein Flughafen in Jordanien völlig privat finanziert, der Staat erhielt Lizenzgebühren und musste keinen Dollar investieren. “Sobald eine Investitionen Einnahmen generiert, lohnt sich die private Investition”, so Kim. Die Weltbank wiederum habe mit ihren Mitteln ermöglicht, dass die Kosten für eine Kilowattstunde Solarstrom in Zambia von 20 Cent auf 4,7 Cent fiel. Zum Vergleich: In Europa liegen die Kosten bei 10 bis 12 Cent.

(APA)

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