Beginn des Prozesses gegen Grazer Amokfahrer

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Für den Prozess wurden neun Tage anberaumt.
Für den Prozess wurden neun Tage anberaumt. - © APA/Erwin Scheriau
Im Grazer Straflandesgericht hat am Dienstag planmäßig der Prozess gegen Alen R. begonnen. Der 27-Jährige soll im Juni vorigen Jahres bei seiner Amokfahrt durch Graz vier Menschen getötet und mehr als hundert verletzt haben. Da er als nicht zurechnungsfähig eingestuft wurde, hat die Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingebracht.


Am 20. Juni 2015 war der Beschuldigte in der Grazer Innenstadt mit seinem Geländewagen unter anderem durch die Fußgängerzone in der Herrengasse gerast. Drei Menschen wurden von dem Wagen erfasst und waren sofort tot, darunter ein vierjähriger Bub. Bei den beiden anderen Opfern handelte es sich um eine 53-jährige Frau und einen 28-jährigen Mann.

Amokfahrt in Graz am 20. Juni 2015

Gutachter uneinig über Zurechnungsfähigkeit

Unter den über hundert im Einweisungsantrag als Opfer geführten Personen sind einige, die lebensgefährlich verletzt wurden. Viele wurden auch verletzt, als sie vor dem Auto auf die Seite sprangen und sich gerade noch retten konnten. Ein Mann starb Monate später im Spital. Er wurde zwar bei der Amokfahrt verletzt, Todesursache war jedoch ein Herzversagen, das laut Staatsanwaltschaft mit der Tat nicht in kausalem Zusammenhang stand.

Über den Geisteszustand von Alen R. waren sich die Gerichtspsychiater nicht ganz einig gewesen. Der Sachverständige Manfred Walzl befand, R. sei zurechnungsfähig, sein Kollege Peter Hofmann hielt ihn für nicht zurechnungsfähig. Also wurde als dritter Psychiater der Deutsche Jürgen Müller beigezogen, der ebenfalls auf nicht zurechnungsfähig entschied. Also wurde Alen R. nicht wegen dreifachen Mordes angeklagt, sondern es wurde nur seitens der Staatsanwaltschaft ein Antrag auf Einweisung eingebracht.

Liane Hirschbrich verspätete sich um zehn Minuten./APA/Erwin Scheriau Liane Hirschbrich verspätete sich um zehn Minuten./APA/Erwin Scheriau ©

Amokfahrer-Prozess: Täter-Anwältin verspätete sich

Die Verhandlung begann aufgrund der Verspätung von Anwältin Liane Hirschbrich mit zehnminütiger Verspätung. Alen R. war nicht wiederzuerkennen: Weißer Anzug, weißes Hemd, weiße Schuhe, die Haare kurz geschnitten, der Bart völlig abrasiert, eine Brille. Er sprach ein wenig zögernd, folgte aber den Ausführungen der Redner sehr aufmerksam.

Staatsanwalt Rudolf Fauler schilderte noch einmal die Wahnsinnsfahrt vom 20. Juni, die nur wenige Minuten dauerte, aber “für viele Menschen eine Zäsur darstellte”, meinte der Staatsanwalt. R. raste “mit bis zu 80 km/h durch die Herrengasse”, wobei sein Geländewagen zahlreiche Personen erfasste. Eine Frau und ein vierjähriger Bub waren sofort tot, ein Fußgänger war bereits zu Beginn der Fahrt niedergemäht und getötet worden. Ein weiteres schwerverletztes Opfer war einige Monate später an Herzversagen gestorben, was aber laut Staatsanwaltschaft nichts mit der Tat zu tun hatte.

Amokfahrer von Graz: “Habe mich verfolgt gefühlt”

Der zweite Staatsanwalt, Hansjörg Bacher, erklärte den Geschworenen in erster Linie das Problem mit den unterschiedlichen psychiatrischen Gutachten, von denen zwei R. als nicht zurechnungsfähig eingestuft hatten, während ihm ein Sachverständiger Zurechnungsfähigkeit bescheinigte. Bacher betonte allerdings, dass letztlich das Gericht und damit die Geschworenen entscheiden würden.

Alen R. betonte, er habe Panik gehabt, weil er sich verfolgt gefühlt habe. Angeblich hätte er Schüsse gehört, dann sei er geflüchtet. “Ich wollte niemanden überfahren, ich wollte nur weg, damit ich nicht erschossen werde”, gab er an. Auch technische Defekte seines Wagens führte er ins Treffen, doch das hatte der Gutachter im Vorfeld widerlegt. “Auf mich macht es den Eindruck, als hätten Sie die Menschen gezielt anvisiert”, meinte Richter Andreas Rom. “Ich habe mich verfolgt gefühlt”, kam es immer wieder vom Betroffenen.

“Gedacht, die Leute würden ausweichen”

Er habe “nicht gewusst, dass ich wen verletzen könnte, weil die Leute ja sowieso ausweichen.” Der Richter konfrontierte ihn mit Videos der Amokfahrt auf denen zu sehen ist, dass R. einige Menschen offenbar gezielt anvisiert hat. Er beteuerte immer wieder, er habe nur flüchten wollen.

Richter Andreas Rom meinte, er sei “verwundert” über das überaus gepflegte Aussehen des mutmaßlichen Amokfahrers. “Die Zeit in der Unterbringung hat Ihnen offenbar gut getan”, befand der Vorsitzende. Ein wichtiges Thema waren die Eheprobleme mit seiner mittlerweile geschiedenen Frau, die er bedroht und zum Tragen der Burka gezwungen haben soll. “Das stimmt nicht, sie war Muslima, ich bin Christ”, erklärte er. Die beisitzende Richterin Eva Cesnik hakte nach: “Seit wann sind Sie Christ? Sie haben immer angebenen, dass Sie Muslim sind. Wann wurden Sie getauft?” “Nie”, meinte der 27-Jährige. “Dann sind Sie kein Christ”, befand die Richterin. “Kein getaufter”, räumte der Befragte ein.

Amokfahrer: “Ich hatte ein erfülltes Leben”

Am 20. Juni wollte er sich angeblich mit einer Frau treffen, weil er sich bereits nach einer neuen Partnerin umsah. Doch die Internetbekanntschaft erschien nicht. “Mein Schwiegervater wollte mich dorthin locken”, vermutet er heute. Dann hörte er Schüsse und raste los. “Der Tag war für Sie schrecklich, und zwar nicht in Bezug auf die Fahrt. Ihre Frau und ihre Kinder waren im Frauenhaus, beruflich lief nichts und die Frau ist nicht erschienen. Da haben Sie sich ins Auto gesetzt und gedacht, ich habe doch noch die Macht”, mutmaßte Richter Andreas Rom. “Nein, ich hatte ein erfülltes Leben”, entgegnete der Befragte.

Auf den Videos sah man, dass er immer wieder direkt auf Passanten zugefahren ist. “Sie sagen, Sie sind kein geübter Fahrer. Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck, mit so einem schweren Fahrzeug in einem so engen Radius zu wenden ist nicht einfach”.

“Immer nur Stress mit den Frauen”

Vorgespielt wurde auch ein Video von der Einvernahme am 21. Juni 2015, einen Tag nach der Tat. Damals war er weit weniger zuvorkommend und höflich als bei der Verhandlung nun ein Jahr später, sondern weigerte sich sogar, den Namen seiner Frau zu nennen. “Weil mir das alles auf die Nerven geht”, sagte er damals. Mit den Frauen – er war zwei mal verheiratet – habe es “immer nur Stress gegeben.”

Amokfahrer: “Wollte nur schnell zur Polizei”

Der 27-Jährige gab außerdem an, er habe bei seiner Fahrt durch die Grazer Innenstadt keine Menschen gesehen: “Ich konnte nichts erkennen, ich wollte nur schnell zur Polizei”, gab er an. Er sei in Panik gewesen “wegen der Schüsse”. Dann schilderte er wieder, dass ihn seine Ehefrau immer eingesperrt habe. Er bezeichnete sich selbst als “eher sehr ruhigen” Menschen.

Die Anwälte der Opfer hinterfragten nochmals die Einzelheiten der Amokfahrt. Der 27-Jährige hatte unter anderem bei der Polizei angegeben, er habe seinen Schwiegervater in der Herrengasse gesehen und sei auch deswegen in Panik geraten. Zuvor erklärte er, seine Ehefrau habe ihn immer eingesperrt, er habe alles getan, was sie wollte. Warum sie dann mit den Kindern ins Frauenhaus gegangen war, konnte er nicht beantworten.

“Sind Sie ein gewaltbereiter Mensch?”, fragte Richter Andreas Rom und konfrontierte den Betroffenen mit einem Foto, auf dem er mit einer Schusswaffe abgebildet ist. “Nein, ich bin ein friedlicher Mensch, das war nur zur Abschreckung”, antwortete der Befragte.

Bei der Hausdurchsuchung wurde festgestellt, dass alle Festplatten bei dem 27-Jährigen leer waren. “Warum haben Sie alles gelöscht?”, interessierte den Richter. “Die Festplatten waren alt, ich habe nur neue gekauft”, rechtfertigte sich der Mann.

Grazer Bürgermeister als Zeuge vor Gericht

Als erster Augenzeuge wurde der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) befragt. Er schilderte, wie er mit seiner Vespa knapp dem Geländewagen des Amokfahrers entkommen ist. “Ich habe durch den Helm hindurch einen lauten Knall gehört und gesehen, wie der Wagen mit großer Geschwindigkeit zwei Personen überfahren hat.” Die beiden lagen “wie Puppen auf dem Gehsteig”, beschrieb der Bürgermeister die Situation.

Bei dem Prozess sind 130 Zeugen geladen, darunter auch drei psychiatrischen Sachverständigen und andere Gutachter. Der Prozess ist für neun Tage anberaumt.

(APA)

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