Bergmeister Jörg Benesch im Sonntags-Talk: „Bergputzer ist ein Beruf, der stolz macht“

Akt.:
Bergmeister Jörg Benesch (links); während Kollegen von ihm sichern (rechts oben), seilen sich zwei weitere Bergputzer den Mönchsberg hinab (rechts unten).
Bergmeister Jörg Benesch (links); während Kollegen von ihm sichern (rechts oben), seilen sich zwei weitere Bergputzer den Mönchsberg hinab (rechts unten). - © SALZBURG24/Gann
Jörg Benesch ist seit drei Jahren Bergmeister. Als solcher koordiniert er die insgesamt 13-köpfige Bergputzer-Truppe in der Stadt Salzburg. Das ganze Jahr über ist die Mannschaft auf den Stadtbergen unterwegs, um die Salzburger vor gefährlichen Felsstürzen zu bewahren. Im Sonntags-Talk erklärt Benesch, was der Job abverlangt und was der Beruf mit dem verheerenden Salzburger Felssturz im Jahr 1669 zu tun hat.




Das Abseilen beim Häuserkampf hatte es Jörg Benesch aus Nußdorf (Flachgau) schon in seinem früheren Job beim Bundesheer angetan. Weil er es in Büros nicht aushält, er aber trotzdem sesshafter werden wollte, kam die Stelle bei den Bergputzern 2002 gerade recht. Seither säubert der 42-Jährige mit seinen Kollegen jedes Jahr 300.000 Quadratmeter Felsfläche, so viel wie 42 Fußballfelder. 40 bis 70 Kubikmeter Gestein werden dabei in Handarbeit eingesammelt. Das sind mehrere Lastwagenladungen Steinbrocken, die andernfalls über das Jahr verteilt nach unten donnern könnten.

SALZBURG24: Jörg, was ist für dich das Beste am Bergputzer-Job?

JÖRG BENESCH: Vor allem taugt mir, dass es nicht jeder macht. Es gibt Berufe, die ganz Salzburg macht. Von uns gibt es nur 13.

Wir haben auch einen einzigartigen Arbeitsplatz: Die Aussicht ist gewaltig. Wenn es Postkartenwetter hat, ist es optimal, aber es gibt die anderen Jahreszeiten auch. Bei Minusgraden oder Regen ist es bei uns nicht so schön.

Was braucht man, damit man Bergputzer werden kann?

Schwindelfrei muss man auf jeden Fall sein. Wenn neue Kollegen anfangen, nehmen wir sie auf den Berg mit und dann sieht man gleich, ob jemand Panik kriegt. Wer in Schockstarre verfällt, kann sich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Ein gesunder Respekt ist aber am Anfang normal, den hat bei uns jeder.

Man sollte handwerkliches Geschick und einen gelernten Beruf mitbringen. Welchen, ist egal. Wir haben auch einen Koch und einen Konditor. Aber eines sage ich gleich dazu: Zur Zeit sind wir komplett.

Ist Bergputzer ein Beruf, der stolz macht?

Ja. Bergputzer ist in Salzburg ein angesehener Beruf. Wenn man zu den Häusern der Anrainer kommt und sich anmeldet, freuen sich die meisten, dass wir da sind und die Felswände wieder sicherer machen.

Ihr seid auch über die Grenzen bekannt?

Ja, wir hatten schon etliche Touristen, die ein Foto wollten. Und Fernsehsender kommen aus der ganzen Welt zu uns, sogar aus Korea waren schon welche da. Für sie ist es interessant, weil es den Beruf sonst nirgends gibt.

Was sind die Herausforderungen in eurem Alltag?

Im Vorfeld muss viel koordiniert werden. Man muss sich mit Anrainern absprechen. Wenn man auf einem Hausdach ankommt, muss alles aufgesperrt sein, damit man wieder raus kann. Wir müssen schauen, dass niemand aus dem Haus rennt, wenn wir oberhalb arbeiten. Dazu haben wir Bodenleute.

Der Beruf geht auf den großen Felssturz in der Gstättengasse von 1669 zurück, bei dem 220 Menschen gestorben sind. Kannst du mir erklären, wie er genau entstanden ist?

In der Gstättengasse sind die Häuser meistens zur Hälfte im Berg drinnen. Man sagt, dass damals beim Aushöhlen des Berges übertrieben worden ist. Sie haben ihre Stollen immer weiter in den Berg gegraben. Irgendwann hat das Ganze nachgegeben, im Bereich Gstättengasse und Ursulinenplatz soll der ganze Berg runtergekommen sein. Der Schuttkegel soll so groß gewesen sein, dass man darauf fast auf den Mönchsberg raufgehen hätte können.

Das war der große Anfang der Bergputzer. Es hatte auch vorher schon sporadisch Bergputzerarbeiten gegeben, aber ab 1669 wurde das regelmäßig in der Stadt Salzburg gemacht.

Wer waren die ersten Bergputzer?

Die ersten waren Halleiner Salinenarbeiter, weil sie durch den Bergbau in der Steinbearbeitung geübt waren. Sie hießen Hauser, Jager und Brandauer.  

Die Namen Hauser und Jager werden auch heute noch verwendet, das ist eine Tradition. Der eine Abfahrer sagt auch heute noch Hauser, wenn er mit dem Seil wegfahren will, und wenn man wieder Hauser sagt, hält der Seilhalter das Seil an. Der zweite Abfahrer gibt die gleichen Befehle mit dem Begriff Jager.

Wie hat sich die Arbeit seit den Anfängen weiterentwickelt?

Früher hatte man kein Klettergeschirr, sondern einen “Holzschimmel”. Das war ein kleines Holzbrett, das man am Ende des Seils montiert hatte. Die Bergputzer hatten den Schimmel zwischen den Beinen eingeklemmt. Um den Bauch kam noch ein Ledergurt, auf den Kopf ein Filzhut, und so ist man abgefahren.

Eine andere Vorstellung von Arbeitssicherheit als heute.

Das könnte man sich heute nicht mehr vorstellen. Wir haben heute eine moderne Ausrüstung. Es gibt zwei Seile, die unabhängig voneinander gesichert sind. Wenn der Seilhalter umfällt oder ohnmächtig wird, hält das trotzdem. Im Winter haben wir etwa die letzten drei Meter ein Stahlseil. Das kann man mit der Motorsäge fast nicht durchschneiden. Es ist alles doppelt abgesichert.

Ist schon mal ein Unfall passiert?

In meiner Karriere nicht. Vor einigen Jahren soll im Bereich der Gstättengasse einer abgestürzt sein. Aber der war offenbar ungesichert herumgelaufen. Sonst ist selbst mit der alten Seiltechnik nichts bekannt, dass einer mal vom Seil abgestürzt wäre.

Man hat angeblich gesagt, dass die frühen Bergputzer kühne Helden waren. Seid ihr auch heute noch Helden?

Nein, das sind wir nicht (lacht). Aber wer ist heutzutage ein Held? Dann wäre der Berufsfeuerwehrler, der Polizist oder der Rettungssanitäter genauso ein Held. Jeder macht in seinem Bereich seine Arbeit, unterstützt die anderen Leute und sorgt für Sicherheit. Bei uns ist das genauso.

Der gewohnte Anblick: Bergputzer in luftigen Höhen./SALZBURG24/Gann Der gewohnte Anblick: Bergputzer in luftigen Höhen./SALZBURG24/Gann ©

Gibt es eine Stelle in eurem Revier, die besonders schwierig zum abputzen ist?

Die schwierigste Stelle bei uns ist der Anton-Neumayr-Platz. Da führen etliche Verkehrswege hin, jede Menge Fußgänger sind unterwegs, es gibt zwei Lokale und viele O-Busse fahren dort vorbei. Das fordert einen großen logistischen Aufwand. Statt zwei brauchen wir vier bis fünf Bodenleute, die in alle Richtungen absichern.

Und selbst da ist es nicht immer sicher, dass die Leute nicht reinlaufen. Es wird mit Gittern abgesperrt, es sind Fußgänger-Gehverbote dort, Tafeln weisen auf die Felsräumarbeiten hin. Aber viele Leute haben nicht die Geduld stehenzubleiben. Sie steigen über die Gitter und Bänder drüber und laufen rein. Dass sie dabei ihr Leben riskieren, bedenken viele nicht. Das macht die Arbeit an dieser Stelle schwierig.

Und was sind deine Lieblingsorte für Arbeitseinsätze?

Da ist einmal ein Überhang oberhalb vom Café Niemetz. Dort muss man sich am Seil bis zu 15 Meter rausschaukeln, um wieder an die Wand zu kommen. Auch oberhalb des Friedhofes St. Peter bin ich gerne, da ist es ganz malerisch.  

Ihr habt auch schon Tiere gerettet. Was ist bei diesen Einsätzen passiert?

Da war ein junger Uhu in Hellbrunn. Kurz bevor er flügge war, wurde er von Krähen so lange traktiert, bis er auf den Boden gefallen ist. Dort haben sie ihn weiter bearbeitet. Nachdem ihn die Zoo-Mitarbeiter wieder aufgepäppelt hatten, haben wir ihn wieder in seine Felsnische gebracht, damit ihn die Altvögel wieder aufnehmen. So weit ich weiß, hat er das gut überlebt und kann jetzt eine neue Uhu-Familie gründen (lacht). Auch mit Nasenbären und einem Bussard hatten wir schon Rettungseinsätze. Das sind kleine, nette Highlights.

Was wäre das Schlimmste, was passieren kann, wenn ihr euren Job nicht richtig macht?

Das Schlimmste, was sein könnte, ist, dass es wieder zu einem großen Felssturz kommt. Oder dass sich Felsen lösen und Personen gefährden.

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es in dem Bereich nie. Das Konglomerat des Mönchsbergs ist im Prinzip ein zusammengepresster Schotter aus der Eiszeit und kein massives Gestein. Selbst wenn wir das drübergeputzt haben, kann sich ein Stein von der Wand lösen, gerade nach einem Starkregen oder Sturm. Wir tun unser bestmögliches, damit alles sicher ist. 

Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass du in deiner Freizeit einen Ausgleich und nicht unbedingt Berge brauchst. Wo in Salzburg findest du Entspannung und Ruhe?

Ich bin gerne am Obertrumer See, wir haben dort einen Seegrund. Ich surfe gerne oder schwimme eine Runde mit den Kindern. Das ist mein Ausgleich. Ich gehe auch mal auf eine Alm, aber Seil und Klettergeschirr lasse ich in der Freizeit weg.

Danke für das Gespräch.

Gerne.

 

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- Pflegeregress: 362 Mio. Euro M... +++ - Caritas: Salzburger Logistikze... +++ - Salzburg-Wahl: Mayr und Konrad... +++ - ÖVP-Haslauer: "Rauchverbot kom... +++ - Cannabis, Crystal-Meth, Ecstas... +++ - Breitband-Vollversorgung: Inve... +++ - Kältewelle lässt Salzburger Se... +++ - Salzburgs Kreative feiern "Nac... +++ - "Schatz" bzw. "Schatzi" belieb... +++ - So schützt ihr euch vor der ei... +++ - Österreichs bestes Hochzeitsvi... +++ - Bischofshofen: Vermummter über... +++ - Tipps für sicheres Fahren bei ... +++ - Polarluft: ÖAMTC gibt Kältetip... +++ - Ein Schwerverletzter bei Alkoc... +++
0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen