Bhutans Politiker klagen in Wien über Finanzsorgen

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Bhutan setzt auf Bruttonationalglück
Bhutan setzt auf Bruttonationalglück
Das Himalaya-Königreich Bhutan geht mit seinem weltweit einzigartigen Konzept des “Bruttonationalglücks” alternative Wege. Dennoch leidet das Hochplateau zwischen Indien und China unter den globalen Auswirkungen des Klimawandels, Landflucht sowie wachsenden Wirtschaftsproblemen. Die APA traf Wirtschaftsminister Norbu Wangchuk und Parlamentssprecher Jigme Zangpo in Wien zum Gespräch.


“Das Bruttonationalglück ist sehr wichtig für Bhutan. Es ist das Herzstück unseres Wertesystems – für Bhutans Überleben und das Glück unserer Menschen. (…) Wir denken, dass Bhutan für sein Überleben und das Glück in perfekter Harmonie mit der Natur leben muss”, betont Wirtschaftsminister Wangchuk auch das Bestreben, die Kultur und Identität Bhutans und seiner 700.000 Einwohner zu bewahren. 72 Prozent der Landesfläche Bhutans sind Wälder – die Verfassung schreibt mindestens 60 Prozent vor.

Dennoch spürt die Erbmonarchie die negativen Auswirkungen des Klimawandels. “Unsere Gletscher schmelzen, Seen treten über die Ufer und verursachen Überschwemmungen, wir haben neue Krankheiten, die wir vorher nicht kannten, das Trinkwasser verschwindet auf einmal. Wir wissen mit Sicherheit, wir haben den Klimawandel nicht verursacht. Alle Menschen sind miteinander verbunden, wir müssen lernen, in Harmonie mit der Natur zu leben und den Wohlstand mit denen zu teilen, die weniger Glück hatten. (…) Es gibt keine andere Wahl. Unser Planet ist in Gefahr. (…) Wir sehen uns nicht in der Rolle, Ratschläge zu erteilen, aber es ermutigt uns, wenn wir (für unser Gesellschaftskonzept, Anm.) Unterstützung erhalten”, so Wangchuk.

Bhutan kämpft mit seinen hohen Staatsschulden. “Wir sind kein reiches Land. Viele Staatsausgaben gehen in die Risikominimierung (aufgrund des Klimawandels, Anm.). Wir haben Probleme mit der Trinkwasserversorgung, der Infrastruktur, sozialen Mitteln, der Qualität der Bildung, Straßen und Infrastruktur. Die Kinder brauchen Schulen, die Dörfer Trinkwasser”, erläutert Wangchuk.

“Wir habe einen riesigen Auslandskredit von rund 100 Milliarden. Etwa 60 Prozent werden von Landesprojekten aufgebracht, aber der Rest muss von internationalen Quellen kommen”, spricht Parlamentssprecher Zangpo auch die Schere zwischen Importen und Exporten an. Vor allem Nahrungsmittel werden aus dem Nachbarland Indien importiert, die durch den Umfang der Stromexporte nicht wettgemacht werden können. “Die Kosten der Agrarproduktion steigen. Eine Landwirtschaft zu betreiben ist nicht leicht und nicht kosteneffizient. Selbst wenn das Produkt gut ist, ist der Markt nicht vorhanden. Alle strömen in die Stadt, nur die alten Landbewohner bleiben. (…) Etwa die Hälfte der Bewohner Bhutans, vor allem im Osten, wollen in die Städte immigrieren”, sucht Zangpo nach Gegenmaßnahmen.

Rund 60 Prozent der Bevölkerung lebt bereits in den drei Ballungszentren des Landes. Dadurch leidet nicht nur die Nahrungsmittelproduktion, sondern auch junge Bhutaner, die keine Arbeit finden. “Was machen wir mit den vielen jungen Menschen ohne Arbeit? Wie schaffen wir neue Arbeitsplätze?”, klagt Zangpo über die steigende Jugendarbeitslosigkeit Bhutans. “Wir müssen unsere Wirtschaft und Unternehmerstruktur ausbauen. Dazu brauchen wir internationale Unterstützung.”

Auch österreichische Wirtschaftstreibende seien hierbei eingeladen, Investitionsmöglichkeiten in Bhutan zu erkunden. Besonders in der Wasserkraft, im Tourismus und in Rechtsfragen unterstützt Österreich das Land. “Wir wollen mehr Austausch auf persönlicher Ebene: mehr Bhutaner, die in Österreich studieren und mehr österreichische Touristen in Bhutan”, plädiert Wirtschaftsminister Wangchuk. Parlamentssprecher Zangpo betont die Parlamentskooperation, besonders an der Arbeitsorganisation der Ausschüsse und bei Gesetzentwürfen sei Bhutan interessiert – auch an der Regulierung und Nutzbarmachung sozialer Medien. Erst 1999 waren Fernsehen und Internet in dem kleinen Land – das etwa halb so groß wie Österreich ist – zugelassen worden, 2003 wurde ein Mobilfunknetz eingerichtet.

Seit 1953 gibt es ein Parlament (Tsongdu) in Bhutan. Erst 2008 konnten die Bhutaner erstmals ihre Volksvertreter wählen. Bereits bei der zweiten Parlamentswahl der Landesgeschichte 2013 wurde die Regierungspartei wegen Korruptionsaffären und Misswirtschaft in die Opposition verbannt. Der damalige Innenminister und Parlamentssprecher wurden wegen Korruption verurteilt. “Es war ein Missbrauch von Macht, nicht von öffentlichen Mitteln. Eigentlich war es ein administrativer Lapsus”, relativiert Zangpo. Positiv sieht er das Anwachsen der Parteienlandschaft Bhutans von zwei auf fünf Parteien und das Interesse junger Landesbürger an einer politischen Partizipation.

Österreich und Bhutan begehen dieser Tage das 25-Jahr-Jubiläum ihrer bilateralen Beziehungen. Bereits in den 1980er Jahren habe Bhutan Österreich bei Waldökologie, der Nutzung der Wasserkraft und im Tourismus konsultiert. Die gesamten öffentlichen Entwicklungshilfeleistungen Österreichs (ODA) an Bhutan betrugen nach Angaben der Austrian Development Agency (ADA) zwischen 1995 und 2012 67,05 Mio. Euro.

Das Gespräch führte Viola Bauer/APA

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