Blinde können erstmals selbst Autofahren

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Die Begeisterung für das Autofahren ist bei den Teilnehmern nun geweckt worden.
Die Begeisterung für das Autofahren ist bei den Teilnehmern nun geweckt worden. - © Walter Schweinöster/BSVS
Das erste Mal selbst Gas geben, spüren, wie ein Auto Geschwindigkeit aufnimmt und selbst hinter dem Lenkrad sitzen. Zwölf blinde und stark sehbehinderte Menschen haben das am Sonntag in Saalfelden bei der Aktion „Blinde fahren Auto“ ausprobiert. Wir waren mit dabei.




Für Sonja Schinwald ist es eine Premiere. Zum ersten Mal in ihrem Leben sitzt sie im Auto und hat selbst die Kontrolle über das Lenkrad.

Instruktor als einzige Orientierung

Vorsichtig tastet die 57-Jährige sich an die Pedale heran. Sie steigt erst zögerlich, dann mit mehr Selbstbewusstsein aufs Gaspedal und konzentriert sich auf die Stimme von Fahrtechnik Instruktor Johann Cantonati. Seine Anweisungen sind ihre einzige Orientierung, denn Sonja Schinwald ist seit ihrem siebten Lebensjahr blind. Für sie besteht die Welt aus Hell und Dunkel, Geräuschen und dem, was sie ertasten kann. „Ich war mir erst nicht sicher, ob ich mich das traue, aber jetzt habe ich mich beim Fahren doch recht sicher gefühlt“, schildert sie nach der Fahrt gegenüber SALZBURG24.

Blinde fahren erstmals Auto

Für die meisten Teilnehmer der Aktion „Blinde fahren Auto“ ist es das erste Mal, dass sie an diesem Sonntag am Steuer sitzen. Sie sind zwischen 14 und 80 Jahre alt und aus Salzburg ins Fahrtechnikzentrum des ÖAMTC nach Saalfelden (Pinzgau) gekommen. Organisiert haben die Aktion der Blinden- und Sehbehindertenverband Salzburg (BSVS) und der ÖAMTC Salzburg, der die Übungsfläche kostenlos zur Verfügung stellt. „Für viele geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung. In Salzburg gibt es sowas ja zum ersten Mal“, erzählt BSVS-Obmann Josef Schinwald. Drei Autos stehen zur Verfügung: Zwei Fahrschulautos der Fahrschulen Wimmer und Neumayr mit Gangschaltung, und ein Geländewagen mit Automatikgetriebe.

 „Wäre nicht gefahren, wenn ich mich fürchten würde“

„Anschnallen wär‘ halt auch kein Fehler“, sagt die 19-jährige Sarah Traugott und greift zum Gurt. Automatik ist sie schon gefahren, jetzt traut sie sich an die Gangschaltung heran. „Einer der Samariter, der uns in die Volksschule gefahren hat, hat uns manchmal schalten lassen“, erzählt die junge Frau. Auf der nassen Rutschfläche steigt sie richtig ins Gaspedal und legt dann eine Vollbremsung hin. Angst hat sie keine: „Wenn ich mich fürchten würde, dann wäre ich nicht gefahren.“ Mehr Spaß macht ihr das Fahren mit Gangschaltung, weil „das ist die größere Herausforderung.“

Walter Schweinöster/BSVS Sarah Traugott und Instruktor Johann  Cantonati kurz vor der ersten Fahrt. /Foto: Walter Schweinöster/BSVS ©

Trotz ihrer Blindheit geht Traugott Skifahren, macht Leichtathletik und Sportschießen und will eines Tages bei den Paralympischen Spielen antreten. Auch einen Helikopter durfte sie schon steuern: „Weil wir vom Ausblick ja nicht so viel haben“, sagt sie und grinst. Die Fahrerfahrung wird ihr auch im Alltag nützen: „Es hilft mir besser einzuschätzen, wie es den Autofahrern bei Regen geht.“ Aufhalten lässt sie sich von ihrem fehlenden Sehsinn nicht: „Wenn jemand sagt, ich kann etwas nicht, weil ich nichts sehe, dann probiere ich es erst recht.“

Fahrlehrer sind selbst blind gefahren

Die beiden Fahrtechnik Instruktoren Johann Cantonati und Werner Hubinka haben sich auf die ungewöhnlichen „Fahrschüler“ vorbereitet, indem sie selbst mit geschlossenen Augen gefahren sind. „Das Gefühl ist gewöhnungsbedürftig und es braucht großes Vertrauen. Das ist auch für uns spannend, man muss sich in die Leute hineinversetzen können und viel mehr Anweisungen geben“, erklärt Cantonati. Die Orientierung gehe verloren, meint Hubinka: „Und das, obwohl ich bei dem Gelände hier jede Bodenwelle kenne.“ Fahrlehrer Bruno Neumayr imponiert die Feinfühligkeit der „Fahrschüler“. „Ich bin beeindruckt von ihrem Gefühl und, dass sie sich so auf’s Gasgeben einlassen.“

3.000 Sehbehinderte in Salzburg

In Salzburg leben schätzungsweise 3.000 Menschen mit einer Sehbehinderung. Der Blindenverband geht davon aus, dass etwa 20 Prozent davon hochgradig sehbehindert oder blind sind. Von der Erfahrung des Autofahrens erhoffen sich die Veranstalter vor allem mehr Sicherheit im Straßenverkehr für die Teilnehmer. „Ein wichtiger Aspekt ist der Perspektivenwechsel. Wenn Blinde erstmals erfahren, wie ein Auto beim Gas geben und Bremsen reagiert, kann das im Alltag zu wesentlich mehr Verkehrssicherheit beitragen“, führt Aloisia Gurtner vom ÖAMTC Salzburg aus.

Die Teilnehmer waren jedenfalls allesamt begeistert und sind auf den Geschmack des Autofahrens gekommen.

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