“Brennen für den Glauben”: Wien Museum behandelt Reformation

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Das Wien Museum widmet sich Zeit nach Reformation
Das Wien Museum widmet sich Zeit nach Reformation - © APA
Einem laut Kurator Rudolf Leeb “relativ unbekannten Kapitel der Wiener Stadtgeschichte” widmet sich das Wien Museum anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation. In der Sonderausstellung “Brennen für den Glauben. Wien nach Luther” wird ab morgen, Donnerstag, bis zum 14. Mai die Stadtgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts mit den damaligen religiösen Umbrüchen verwoben.

Tatsächlich ist Wien im kollektiven Gedächtnis nicht unbedingt als evangelische Hochburg bekannt. Doch bereits kurz nach der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers im Jahre 1517 brannten die Wiener für die Reformation – im doppelten Sinne, war Wien doch Residenz katholischer Kaiser und Landesherren und – weniger bekannt – Zentrum des protestantisch dominierten niederösterreichischen Adels. Bis zu 70 Prozent der damaligen Bevölkerung haben sich dem evangelischen Glauben angeschlossen, was von den regierenden Habsburgern teils rigoros bekämpft wurde. Dieser religiösen wie politischen Spannung widmet sich die Schau mittels zahlreichen Originaldokumenten.

Drei davon gelten als absolute Preziosen, die aus konservatorischen Gründen nur selten den Weg in Ausstellungen finden, schon gar nicht gleichzeitig, wie das Kuratorenteam Leeb, Karl Vocelka und Walter Öhlinger bei der Presseführung am Mittwoch betonten. Dazu zählt einer von wenigen erhaltenen Erstdrucken der Thesen, der sich in dem in rot gehaltenen Bereich der Schau befindet, der sich der Reformationsgeschichte an sich widmet. Ebenfalls zu sehen ist das Augsburger Bekenntnis von 1530 in seiner ältesten Abschrift in deutscher Sprache sowie das – stark mitgenommene – Originaldokument des Augsburger Religionsfriedens von 1555 mit der Unterschrift Ferdinand I.. Alle drei Dokumente stammen aus dem österreichischen Staatsarchiv.

Der Kern der Schau, der sich in verwinkelten Gassen dem Wien von damals optisch annähert, bietet interessierten Besuchern eine Reise durch zwei Jahrhunderte Stadtgeschichte: Das Wiener Neustädter Blutgericht von 1522, in dem u.a. der Wiener Bürgermeister Martin Siebenbürger hingerichtet wurde, die Verfolgung und Ermordung von Täufern sowie das “Auslaufen” der Wiener Bürger in die umliegenden evangelischen Gemeinden werden anhand zahlreicher Objekte wie Flugschriften, Kupferstichen und Büchern dokumentiert. Parallel dazu stellt man historische Einflüsse wie das Vordringen der Osmanen zur selben Zeit in den Kontext. Auch der schließlich erfolgreichen Gegenreformation und der darauffolgenden barocken Frömmigkeit wird Raum gegeben.

Für Wien-Museum-Direktor Matti Bunzl, der sich als Kulturwissenschafter mehr in der Moderne und der Gegenwart verhaftet sieht, stelle sich naturgemäß immer die Frage, was bei einer historischen Schau wie dieser “die Lehre für das Hier und Jetzt sein könnte”, wie er erläuterte. Das müsse diese “total faszinierende” Ausstellung zwar nicht leisten, dennoch werde für ihn dadurch deutlich, “wie Gegensätze entstehen und etwas verändern können”.

So sei das Christentum damals in sich äußerst fragil gewesen, während sich die westliche Welt heutzutage sogar als judeo-christliche Kultur in Opposition etwa zum Islam verstehe. “Eine Sichtweise, die es vor 60 Jahren so nicht gegeben hätte”, so Bunzl. “Jetzt verstehen wir uns als gemeinsame Kultur.” Er könne sich vorstellen, dass das Wien Museum in 100 Jahren mithilfe einer Ausstellung erklären werde müssen, warum der Islam zu Beginn des 21. Jahrhunderts “so anders” gewesen sei. Denn, so Bunzl im Vorwort zum Katalog: “Was vor 100 Jahren als selbstverständlich und immerwährend fremd erschien – aus ‘rassischen’, religiösen oder wie immer gearteten Gründen – wirkt mittlerweile als unwichtig und vor allem ungefährlich.”

(APA)

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