Cannabis und Medizin in Salzburg: Das schwierige Verhältnis von Missbrauch und Hilfe

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Um den Stand von Cannabis in der Medizin wird noch gekämpft. (Themenbild)
Um den Stand von Cannabis in der Medizin wird noch gekämpft. (Themenbild) - © APA/AFP/Archiv
Cannabismedizin boomt in Salzburg wie im Rest Österreichs, die Zahl der Anträge steigt rasant. Das führt aber zu Konflikten zwischen Patienten und Krankenkassen. Ein aktueller Streit dreht sich um Inhalationen des Cannabismedikaments Dronabinol. Patrick Grabner, ein schwerkranker Patient aus Kuchl (Tennengau), kann laut seinen Angaben nur damit ein normales Leben führen. Bei der Salzburger Gebietskrankenkasse sieht man darin eine Art Kiffen auf Rezept und lehnt ab. Dahinter steckt nicht nur eine bewegende Krankheitsgeschichte, sondern auch ein Kampf, um die Grenzen zwischen Cannabismedizin und Drogenkonsum zu verschieben.




Patrick Grabner kämpft seit mehr als zwei Jahrzehnten mit schweren Krankheiten. Das ist ziemlich lange für einen 33-Jährigen. Mit elf Jahren musste er erstmals zur Dialyse, zwei Jahre später folgte die erste von zwei Nierentransplantationen. Weil die Nieren ihre Entgiftungsfunktion nicht erfüllen, werde laut Grabner der Rest des Körpers angegriffen: Ein chronisches Schmerzsyndrom, abbauende Knorpel, ein Hauttumor am Bauch, ein Mischtumor hinterm Ohr, grauer Star, beidseitig Hörgeräte, so ein Auszug aus der Liste. Dazu kommen Nebenwirkungen der 16 verschiedenen Medikamente, die er derzeit täglich einnehmen muss. Übelkeit etwa, oft muss sich der Kuchler mehrmals am Tag übergeben. So kam Grabner schon früh zum Cannabis, das ist seine Medizin.

Mit etwas THC im Blut kann er schlafen, hat Appetit, behält seinen Mageninhalt bei sich, kann ein normales Leben leben, sagt Grabner. Aber das Image von Cannabis ist verrucht, die Hanfmedikamente bereiten ihm immer wieder Probleme mit Krankenkassen und Co, er sieht sich in die Illegalität gedrängt. Dagegen kämpft er an, im Namen aller Cannabispatienten: Grabner ist Patientensprecher der „ARGE Cannabis als Medizin“ (CAM). Doch die Krankenkassen und Ärzte haben gute Gründe, beim Verschreiben von cannabisbasierten Medikamenten Vorsicht walten zu lassen. Um das nachvollziehen zu können, müssen wir in Grabners Krankengeschichte und dem Stand von Cannabis in der heimischen Medizin eintauchen. Eine Geschichte, die auf Ärzte- und Patientenseite die Nerven stark strapaziert.

Kiffen gegen Nierenprobleme

Erst konsumierte Patrick Grabner illegal Cannabis, noch im Teenageralter. Selbstmedikation im dunkelgrauen Gesetzesbereich sozusagen. Damit wollte er die damals schon vorhandene Niereninsuffizienz erträglich machen. Als der erste seiner beiden Söhne zur Welt kam, hörte er auf, als frischgebackener Vater wollte er nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Zwei Wochen später hätte sein Körper die Spenderniere abgestoßen, die schon fast zehn Jahre gehalten hatte, sagt Grabner im Gespräch mit SALZBURG24. Für ihn steht fest: Mit Cannabis geht es ihm nicht nur besser, sein geplagter Körper läuft ingesamt runder. Seit 2009 nimmt er das Cannabismedikament Dronabinol ein. Erst Kapseln, dann als Öl, später nach seinen Angaben drei Jahre lang in einer alkoholischen Lösung zur Inhalation. Damit geht es ihm gut, sagt er, genauso will er weitermachen. Genau das geht aber nicht so einfach.

Grabners Medikamenten-Cocktail, rechts sein Dronabinol./SALZBURG24/Gann Grabners Medikamenten-Cocktail, rechts sein Dronabinol./SALZBURG24/Gann ©

Dronabinol: “High” per Inhalation?

Patrick Grabner bekommt eine Menge Dronabinol auf Rezept. Vier Gramm in Reinform sind es monatlich, laut Salzburger Gebietskrankenkasse (SGKK) das 16-fache der vom Hersteller empfohlenen Höchstdosis. Aber der Frühpensionist ist aufgrund seiner vielen Leiden ein besonderer Patient, weiß man auch bei der Krankenkasse. Dronabinol, damit meint man das wirksamste der Delta-9-Tetrahydrocannabinole (THC). Das ist eines von dutzenden Cannabinoiden der natürlichen Hanfpflanze, die insgesamt um die 100 Cannabinoide in sich hat. Darunter andere Formen des THC und das kaum psychoaktive Cannabidiol (CBD). THC ist das, was bei einem Joint high macht, Dronabinol lässt sich also für berauschte Höhenflüge missbrauchen. Vor allem als Inhalation, ist man bei der SGKK überzeugt. Dronabinol inhalieren oder nicht, darüber werden sich Patient Grabner und die Krankenkasse nicht einig.

THC-Haltiges auf Rezept und das Junkie-Eck

Das Cannabismedikament Dronabinol ist im österreichischen Gesundheitssystem längst angekommen: Krebs-, HIV- und Multiple-Sklerose-Patieten kommen häufig damit in Berührung. Es kann Schmerzen lindern, den Appetit fördern, manchmal gegen Depressionen helfen, Ängste lindern und Spasmen lösen. Verschreiben kann Dronabinol jeder Hausarzt, es muss aber von den Krankenkassen-Chefärzten freigegeben werden.

Bei welchen Krankheitsbildern es eingesetzt werden darf, ist von den Kassen genau festgelegt. Auch die Form, in der es eingenommen wird. Genau hier scheiden sich die Geister zwischen Cannabispatient Grabner und dem SGKK-Chefarzt Peter Grüner. Grabner will inhalieren, Grüner hält das für gefährlich.

Patrick Grabner verträgt nur die alkoholische Lösung, behauptet er. Diese wird verdampft und dann inhaliert. Bei der SGKK sieht man das nicht gern. „Mit der Inhalationstherapie sind wir sehr nahe beim Rauchen“, stellt SGKK-Sprecherin Karin Hofer im Gespräch mit S24 einen Bezug zum Kiffen her. Bei den Krankenkassen fährt man deswegen laut Hofer eine klare Linie: Inhalationen werden generell nicht verordnet, das sind „österreichweite Spielregeln bei allen Kassen“, so Hofer. Grabner widerspricht hier und meint, in Wien würden Inhalationen von der GKK verschrieben, bei der dortigen Kasse kann man das auf Anfrage aber nicht bestätigen.

Meist wird Dronabinol in Kapseln oder in öliger Form verschrieben, Grabner hat nun letztere am Rezept stehen. Das Problem: Oft tritt bei ihm rasch Übelkeit auf. Nur die Inhalation wirkt schnell genug dagegen, sagt Grabner. Sein Magen würde dazu Fettiges wie das Öl nicht vertragen. „Von der Uni-Klinik und allen anderen Beteiligten wurde bestätigt, dass eine Inhalation nicht nötig ist, daher wurde sie nicht mehr verschrieben“, begründet Hofer von der SGKK, „außer in einer kurzen Übergangsphase“.

Das schnelle Anfluten, also die fast unmittelbar zu spürende Wirkung des THC, ist aber genau das, was Chefarzt Grüner und andere Spezialisten stört. Stichwort: Suchtgefahr. Doktor Grüner schickte Patient Grabner daraufhin zur Suchtberatung. Grabner, intensiver Cannbiskonsument einerseits, angewiesen auf diese Medizin andererseits, fühlt sich ins Junkie-Eck gestellt.

Suchtgefahr, Boom und Ärzte als „Cannabispäpste“

„Es ist traurig, dass Ärzte nicht zwischen Leuten unterscheiden können, die sich den Kick holen wollen, und denen, die es wirklich brauchen“, ärgert sich Grabner über seinen Pflichttermin beim Suchtberater. „Wenn Substanzen schnell anfluten, ist das Suchtpotenzial hoch“, bestätigt der in der Salzburger Suchtberatung tätige Arzt Hannes Bacher die Gefahr bei Inhalationen: Durch das rasche Andocken an den Rezeptoren im Gehirn würde es zu einer intensiveren Wirkung kommen – ein wohliges, leichtes Gefühl des Betäubtseins, beschreibt das Bacher. Er rät daher von Inhalationen ab, auch Grabner habe er empfohlen, diese Art der Einnahme zu überdenken.

Prinzipiell sei er ein Befürworter von Cannabis in der Medizin, sagt Bacher. Er nimmt aber einen Boom war, dem er kritisch gegenübersteht. „Cannabismedizin ist etwas, mit dem man berühmt werden kann. Wenn man diese Rezepte ausstellt, kann man Patienten lukrieren, die diese gerne hätten“, erklärt Bacher ein wenig kryptisch. Was sich etwa auch so darstellen ließe: Für Ärzte ist es ein gutes Geschäft, es gibt Klienten, die es gerne haben wollen und beide Seiten nehmen es unter Umständen mit dem medizinischen Zweck dahinter nicht allzu genau. Vor allem in Wien werde Dronabinol besonders häufig verschrieben und sitze locker bei den Kassen, in Mengen, die deutlich über dem Salzburger Durchschnitt liegen, lässt sich aus den Gesprächen vernehmen. Die angesprochenen Doktoren würden von Personen, die eine Legalisierung von Cannabis fordern, „als Päpste gepriesen“, meint Suchtmediziner Bacher. Als einen solchen Papst kann man den Wiener Kurt Blaas beschreiben. Kaum eine Geschichte über Cannabismedizin kommt ohne ihn aus.

Blaas arbeitet seit 1998 mit Dronabinol und Co. Er ist kein bedingungsloser Cannabisbefürworter, wie er in einem früheren Interview mit dem Standard meinte. Eine generelle Cannabisfreigabe? Er ist dagegen. Blaas wünscht sich aber intensiveren Einsatz in er Medizin, vor allem von natürlichem Cannabis. In einem Bericht der Wiener Zeitung spricht er sich dafür aus, dass Fachärzte nicht gleichzeitig diagnostizieren und verschreiben dürfen, was einer Geschäftemacherei entgegenwirken könnte. Während man in Salzburg die Art und Mengen der Verschreibungen in Wien kritisch betrachtet, spricht Blaas von einem Ost-West-Gefälle im Informationsstand um Cannabismedizin. Sinngemäß also: Salzburg und alles westlich davon habe das medizinische Potenzial von Cannabis noch nicht verstanden. Als Einnahmeform empfiehlt Blaas in dem Standard-Interview die Inhalation, auf die Grabner zurückgreifen will. Wie Grabner ist auch Blaas Vorstand bei „Cannabis als Medizin“, die Initiative tritt auch für die Legalisierung der getrockneten Cannabisblüte (also Marihuana, Anm) für medizinische Zwecke ein. So geht von Wien ein gewisser Druck aus, um den Stand von Cannabis in der Medizin grundlegend zu verändern.

Cannabis und Medizin: Bei Gesetzen tut sich wenig

„Jeder Mensch soll die bestmögliche Behandlung bekommen“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium (BMGF). Das erfordere eine Abwägung der Ärzte zwischen Suchtpotenzial und Nutzen, wie ein Sprecher gegenüber SALZBURG24 mitteilt. Im Ministerium finde ein intensiver Austausch über Cannabismedizin statt. Vor allem nach Deutschland schaue man gespannt, wo seit Anfang des Jahres Cannabisblüten oder -extrakt auf Rezept ausgegeben werden, wie es vom BMGF weiter heißt. Etwas, das auch Grabner helfen würde, weil er von der nach seinen Angaben schwer verträglichen öligen Einnahme wegkäme. Eine Gesetzesänderung in Richtung einer ähnlichen Liberalisierung wie im Nachbarland, ist laut Ministerium hierzulande aber nicht in Sicht.

In der Salzburger Gebietskrankenkasse sieht man sich ein wenig zwischen den Stühlen. Man hat mit einem rapiden Anstieg bei den Anträgen um Cannabismedizin zu kämpfen. Im Vergleich zu Jänner würden mittlerweile 20 Mal mehr Anträge auf seinem Schreibtisch landen, zitiert krone.at SGKK-Chefarzt Grüner. Wenn eine Wirkung für ein Krankheitsbild erwiesen sei, würde man auch verschreiben, meint SGKK-Sprecherin Hofer. 40 Prozent der Anträge werden aber abgelehnt. Wenn etwas boomt, werde oft nicht mehr so genau darauf geschaut, ob die belegte Wirkung dazu passt. Es gehe schließlich auch um Risiken für die Patienten, so Hofer weiter.

Patrick Grabner (links) schildert gegenüber S24 seine Probleme./SALZBURG24/Winkler Patrick Grabner (links) schildert gegenüber S24 seine Probleme./SALZBURG24/Winkler ©

„Werde kämpfen, bis ich Tod umfalle“

Zwei Seiten stehen sich in dem Fall mit legitimen eigenen Interessen gegenüber: Einerseits ein Patient, der von seiner Krankheit im Alltag möglichst wenig spüren möchte, gleichzeitig aber für eine Initiative antritt, die Freiheiten für Cannabis in der Medizin fordert, die gesetzlich noch nicht gedeckt sind. Andererseits die Krankenkasse, die Regeln und mögliche langfristige Auswirkungen des Medikaments im Auge behalten muss. Am Ende für beide Seiten ein nervenaufreibender Kampf, alle Beteiligten stehen unter Druck. Grabner unter dem Leidensdruck seiner Krankheit, die SGKK unter dem Druck Grabners Kampagne und anderen Cannabisbefürwortern. Das Gesundheitsministerium, das in der Gesetzgebung aktiv werden kann, hält sich derzeit raus. Nun wird die Geschichte wohl vor Gerichten ausgetragen. Würde das für Grabner entscheiden, wäre es womöglich ein Präzedenzfall. Bei der SGKK ist man sich aber sicher, dass die Ablehnung der Inhalation wasserdicht ist. Grabner macht mit seinem Fall auf jeden Fall Druck und glaubt zahlreiche anderen Patienten mit ähnlichen Anliegen hinter sich: „Ich werde vor Gericht gehen und für mein Recht kämpfen, bis ich tot umfalle.“

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