Suchhundeführerin Carolin Scheiter im Sonntags-Talk: “Eine Person lebend zu finden ist wie ein Sechser im Lotto”

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Carolin Scheiter und ihre Luca.
Carolin Scheiter und ihre Luca. - © Lawinenhundestaffel Salzburg
Seit zehn Jahren sind Carolin Scheiter aus dem Pongau und ihre Flat Coated Retriever-Dame Luca ein Team in der Lawinen- und Vermisstensuchhundestaffel Salzburg. Gemeinsam holten die beiden Ende Jänner im Pitztal in Tirol den Staatsmeistertitel. Luca ist somit Österreichs bester Lawinenhund. Doch bei der Suche nach Vermissten liegen Erfolg und Leid ganz nah beisammen. Im Sonntags-Talk mit SALZBURG24 spricht die 40-Jährige über ihr ehrenamtliches Engagement, das Training mit den Hunden und warum tote Menschen zu finden, für Luca nichts anderes als ein Spiel ist.




SALZBURG24: Wann kommst du mit deinem Hund zum Einsatz?

CAROLIN SCHEITER: Wir suchen im Winter nach Lawinenverschütteten und im Sommer nach vermissten Bergsteigern. Aber auch nach dementen Personen oder Schwammerlsuchern, die sich im Gelände verirrt haben. Ebenso kommen immer wieder Hunde unserer Staffel im Bereich des Mantrailing (Personenspürhunde, Amk. der Redaktion) im städtischen Bereich zum Einsatz. Es kommt sehr häufig vor, dass wir gar nichts finden. Und bei einem Lawinenabgang im Winter ist es wie ein Sechser im Lotto, wenn man eine Person lebend findet. Viele Menschen überleben schon den Stillstand der Lawine nicht mehr. Sie werden von den Schneemassen mitgerissen, über Felswände hinuntergeschleudert, oder durch Bäume durch. Und wenn die Lawinenopfer dann noch leben, dann haben die Retter noch gut 15 Minuten Zeit.

Das heißt, wenn die Hunde kommen, ist es meistens schon zu spät?

Ja – leider. Und deswegen ist die wirkungsvollste Hilfe bei einem Lawinenabgang die Kameradenrettung. Die, die vor Ort sind und genau wissen, wo die Lawine abgegangen ist, müssen sofort aktiv werden. Sie können mit dem Verschüttetensuchgerät gleich mit der Suche anfangen und die Person dann ausgraben. Und daher ist es ganz wichtig, dass man bei Skitouren die notwendige Ausrüstung nicht nur dabei hat, sondern sich auch – und das im Stress – mit der Technik auskennt. Denn wenn man nur einen halben Meter an der Person vorbeigräbt, dann gräbt man bis zum Erdkern. Das ganz genaue Lokalisieren ist wirklich sehr wichtig.

Carolin und Luca besuchten uns zum Sonntags-Talk in der Redaktion./SALZBURG24/Naderer Carolin und Luca besuchten uns zum Sonntags-Talk in der Redaktion./SALZBURG24/Naderer ©

Kann das Auffinden einer toten Person trotz der schrecklichen Umstände als „Erfolg“ gewertet werden?

Luca hat bisher noch keine lebende Person gefunden, nur tote. Und es ist wirklich immer sehr schwierig den Fund eines toten Menschen als Erfolg zu bezeichnen. Das ist ja kein Erfolg. Es ist sehr, sehr traurig und für die Angehörigen mit riesigem Schmerz verbunden. Andererseits kann das Auffinden eines Vermissten – auch wenn die Person nur mehr tot gefunden wird – für die Familie erleichternd sein und Klarheit bringen.

Ein Erfolg ist es jedenfalls für die Ausbildung der Hunde. Es zeigt, dass das, was wir im Training nur simulieren können, im Einsatz auch tatsächlich funktioniert.

Wir trainieren ja auch nicht mit Toten. Sondern wir können in der Ausbildung nur versuchen, Szenarien bestmöglich nachzustellen, um dem Hund die verschiedenen Opferbilder zu lernen: Zum Beispiel Personen, die bewegungslos im Wasser treiben oder im Wald liegen. Aber auch bei Betrunkenen, wimmernden oder aggressiven Menschen müssen die Hunde wissen, was sie zu tun haben: Nämlich zwei Schritte zurückgehen und sich mit Bellen beim Hundeführer melden.

Luca im Einsatz./Lawinenhundestaffel Salzburg Die zehnjährige Luca in Aktion./Lawinenhundestaffel Salzburg ©

Du wohnst im Pongau und arbeitest hauptberuflich im Nationalpark Berchtesgaden. Für die Lawinen- und Vermisstensuchhundestaffel bist du 24 Stunden am Tag erreichbar. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

(lacht) Richtig. Ich muss 24 Stunden am Tag erreichbar sein. Wenn ich nicht erreichbar – also auf Urlaub oder krank – bin, muss ich das meinem Einsatzkoordinator melden. Ich habe das große Glück, dass mich mein Arbeitgeber, sofern es möglich ist, bei Einsätzen freistellt und ich dann ausrücken kann. Aber die Hundestaffel ist schon ein sehr zeitintensives Ehrenamt. Ich hatte früher viele andere Hobbies wie Volleyball oder Reiten, mittlerweile ist nur noch das Alpine übrig geblieben.

Was ist deine Motivation dahinter? Warum engagierst du dich bei der Vermisstensuchhundestaffel?

Mit dem was ich mache, möchte ich versuchen, die Welt ein bisschen besser oder die Berge ein klein wenig sicherer zu machen. Und das eben mit Hilfe meines Hundes. Ich war immer schon viel in den Bergen unterwegs – im Sommer wie im Winter – und habe auch schon ein paar sehr brenzlige Situationen miterlebt. Ich möchte den Menschen, die auch oft unverschuldet am Berg in Not geraten, einfach helfen. Denn es ist nicht immer nur Leichtsinn, es ist nicht immer nur Selbstüberschätzung. Manchmal ist es wirklich einfach nur Pech.

Und für den Hund ist das eine der besten Beschäftigungen, die es gibt. Luca kommt bei dieser Arbeit ihren natürlichen Trieben nach, sie kann Suchen, Verfolgen und Finden. Und auch das Training und die Ausbildung machen großen Spaß. Richtig ernst wird es dann beim Einsatz. Und wenn dann dein Hund beim Einsatz genau das abrufen kann, was man immer trainiert, ist das einfach ein gutes Gefühl.

Luca ist zehn Jahre alt und so lange ist sie auch schon mit dir bei der Lawinen- und Vermisstensuchhundestaffel. Wie geht sie mit dem „Job“ um?

Sie ist eigentlich vom Temperament her ein richtiger Zappelphilipp. Aber was Stress betrifft, wie Hubschrauber, Pistengeräte oder andere laute Geräusche, ist sie die Ruhe in Person. Und das ist für die Rettungshundearbeit wirklich super. Sie ist sehr konzentriert und weiß ganz genau, was zu tun ist, wenn wir beim Einsatz sind. Im Alter von zwölf Wochen ist sie schon zum ersten Mal mit dem Hubschrauber geflogen, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht.

Wie reagiert Luca auf tote Menschen?

Grundsätzlich macht der Hund seine Arbeit. Und die macht ihm Spaß. In der Ausbildung wird der Hund immer von der Person, die sich versteckt, belohnt. Die Freude an der Arbeit vermittelt dem Hund damit also das „Opfer“ und nicht ich als Hundeführer. Im Einsatz ist es so: Der Hund saust durch den Wald und findet eine verunglückte Person und bellt. Bei einem erfahrenen Einsatzhund kannst du am Bellen erkennen, ob die Person noch lebt oder schon tot ist.

Luca und ich hatten diese Situation letztes Jahr. Sie hatte einen Fund, die Person war verstorben und ich erkannte schon an der Art wie sie gebellt hat, dass die Person tot sein muss. Sie wird dann auch ein bisschen unsicher und das Bellen ist einfach anders. Aber der Hund empfindet kein Mitleid mit der Person, und ist auch nicht sozial.

Was war das prägendste Erlebnis, das du in der Lawinen- und Vermisstensuchhundestaffel hattest?

Ein bestimmtes Erlebnis gibt es nicht. Abgesehen von den Einsätzen, die ja mit sehr viel Leid, vor allem für die Angehörigen verbunden sind, ist das Prägendste für mich die Dankbarkeit der Menschen vor Ort. Man darf nicht vergessen, wenn die Hunde zum Einsatz kommen, wird ja immer jemand vermisst. Man weiß nichts über das Schicksal dieses Menschen. Wo ist diese Person, wo hält sie sich auf, lebt sie noch? Die Dankbarkeit der Angehörigen prägt einen wirklich sehr.

Du bist ja seit fünf Jahren auch Hundetrainerin in der Staffel. Auf was kommt es bei der Ausbildung der Hunde ganz besonders an?

Das Thema Motivation ist mit Abstand das wichtigste. Die Tiere sollen mit Freude nach Verschütteten suchen. Je höher die Leistungsstufe, desto schwieriger und komplexer werden die Szenarien. Es kommt dann auch mehr Stress auf den Hundeführer zu.

Wie oft trainiert ihr?

Trainiert wird im Schnitt mehrmals die Woche. Im Winter sind die Trainings jedoch meist sehr aufwendig und dauern deshalb auch mehrere Tage. Im Jänner haben wir vier Tage lang mit insgesamt 18 Hundeführerteams in St. Martin im Tennengebirge den Ernstfall geprobt. Wir brauchen dafür immer ein Skigebiet, das uns unterstützt, ein Lawinenfeld baut und uns Pistengeräte zur Verfügung stellt. Im Sommer trainieren wir ein bis zwei Mal in der Woche eintägig oder abends.

Was ist für dich als Ausbildnerin die größte Herausforderung?

Mir liegen meine Jungen wahnsinnig am Herzen. Ich möchte, dass sie die Fehler, die ich in der Ausbildung gemacht habe, nicht machen. Und das ist für mich die größte Herausforderung. Denn das ist oftmals gar nicht so einfach. Die Hunde sind alle anders, die Menschen sind alle anders. Und wenn man mit einem Tier in einem Team arbeitet, dann geht es einfach mal zwei Schritte vor und wieder drei zurück. Man hat in der Ausbildung immer wieder Tiefschläge. Wir arbeiten mit Tieren, die nicht jeden Tag gleich funktionieren – so wie wir Menschen auch nicht jeden Tag gleich gut drauf sind.

Welche Typ Mensch und welche Hunderasse sind denn am besten für diese Aufgabe geeignet?

In Wahrheit scheitert die Ausbildung oft am Menschen. Es ist nicht immer der Hund. Beim Hund gibt es keine bestimmte Rasse, die sich als Suchhund besonders eignet. Wichtig ist, dass die Hunde gut zu motivieren sind, sich gerne bewegen, gehorsam und mit anderen Hunden sozial verträglich sind.

Und beim Hundeführer ist es ganz wichtig, dass er körperlich fit ist. Sowohl im Sommer, als auch im Winter. Man sollte ein guter Skifahrer und Tourengeher sein. Und auch der Umgang mit Seil und Knoten sollte nicht fremd sein. Aber er braucht natürlich kein ausgewiesener Alpinist sein.

Nehmt ihr noch Leute auf?

In unserer Ausbildung geht Qualität vor Quantität, weshalb wir jedes Jahr auch nur ein bis zwei neue Leute mitaufnehmen. Es ist eben eine richtige Ausbildung über drei Jahre und keine Hundeschule. Interessierte können sich gerne auf www.lawinenhunde.at umschauen oder auch via Facebook nehmen wir Kontaktanfragen an. Mit dem potentiellen Hundeführer gehen wir dann zuerst einmal auf einen Kaffee. Denn in erster Linie ist der Hundeführer für diese Arbeit entscheidend und nicht der Hund.

Liebe Carolin, ich bedanke mich für das Gespräch und deine Zeit.

Sehr gerne, vielen Dank für die Möglichkeit, die Arbeit der Lawinen- und Vermisstensuchhundestaffel Salzburg vorzustellen.

 

Ab sofort veröffentlichen wir jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at

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