Chef der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg im Sonntags-Talk: “Die Rahmenbedingungen werden für uns immer schwieriger”

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Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg, Mike Leprich, hat sich mit uns zum Interview getroffen.
Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg, Mike Leprich, hat sich mit uns zum Interview getroffen. - © Freiwillige Feuerwehr der Stadt Salzburg
40.000 Arbeitsstunden pro Jahr leisten die 190 aktiven Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg – ehrenamtlich. Jener Mann, der sich für die Einsatzkräfte, die Koordination und die Organisation verantwortlich zeichnet, ist Michael Leprich. Im Sonntags-Talk mit SALZBURG24 spricht der 46-jährige Kommandant über die Herausforderungen der Zukunft, die Probleme mit Gaffern und die immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen für die Freiwilligen.




Neben der Berufsfeuerwehr rückt auch die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Salzburg mit ihren vier Löschzügen Gnigl, Itzling, Bruderhof in Schallmoos und Liefering zu Bränden oder Unfällen im Stadtgebiet aus und hilft bei Unwettern, Hochwasser oder dem Katastrophenschutz mit. Pro Jahr zählen die Freiwilligen rund 150 Einsätze plus 100 Brandsicherheitswachen.

Mike Leprich kennt das Feuerwehrwesen seit rund 30 Jahren. Seit 2009 übernimmt er Führungsfunktionen als Kommandant, Stellvertreter oder Ausbildungsleiter der Freiwilligen Feuerwehr und im Februar 2016 wurde ihm schließlich endgültig das Kommando übertragen.

SALZBURG24: Herr Leprich, was ist denn aus Ihrer Sicht das Besondere an der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg?

MIKE LEPRICH: Ich möchte vorausschicken, dass sowohl das berufliche als auch das freiwillige Feuerwehrwesen seine Berechtigung hat. Es würde in der Stadt Salzburg nicht ohne Berufsfeuerwehr funktionieren, aber eben auch nicht ohne Freiwillige Feuerwehr.

Besonders ist sicher der enorme Teamgeist, der bei uns herrscht, und das große Engagement der Mitglieder. Ohne dem, würde es die Freiwillige Feuerwehr so nicht geben. Dann ist es bei uns ist es so, dass wir aufgrund unserer hohen Mannschaftsanzahl innerhalb von zehn Minuten realistisch 80 bis 90 Personen aktivieren können, wenn es notwendig ist. Das betrifft in erster Linie den Katastrophenschutz oder wenn viele Einsätze gleichzeitig abzuarbeiten sind.

Inwiefern haben sich die Einsätze im Laufe der vergangenen Jahre verändert?

Die Einsatzstatistik der letzten Jahre zeigt deutlich, dass die Zahl der Großbrände im Stadtgebiet stark zurückgegangen ist. Da greift der vorbeugende Brandschutz wirklich sehr gut. Wenn ich zurückdenke, haben wir Ende der 1980er-Jahre alle 14 Tage einen Bauernhof gelöscht und sind oft zwölf, 14 oder 24 Stunden lang dort gewesen. Das gibt es heute nicht mehr. Dafür nehmen Extremwettersituationen wie Sturm und Hagel stark zu. Das spüren wir sehr. Oft sind es auch schon sehr kurze, aber heftige Unwetter, die Feuerwehreinsätze auslösen.

Wie hat sich die Feuerwehr auf diese veränderte Situation eingestellt?

Wir haben uns dahingehend natürlich adaptiert. Bei neuen Autos legen wir beispielsweise darauf Wert, dass zwei statt einer Pumpe drauf sind. So können wir flexibler reagieren. Vor Kurzem haben wir auch einige Sandsäcke in unser Katastrophenschutzlager übernommen, weil wir immer wieder Anfragen von Salzburgern bekommen, die einfach nur das Sackerl brauchen. Wir reagieren darauf, indem wir die Ausrüstung ein bisschen anpassen.

Was sind die Herausforderungen der Zukunft für die Freiwillige Feuerwehr?

Zum einen sind es sicher die Extremwettersituationen, aber auch die neue Technik. E-Autos zum Beispiel. Zunehmend schwieriger werden für uns aber die Rahmenbedingungen.

Was genau meinen Sie damit?

Zum einen betrifft das die Wirtschaftsbedingungen. Der Druck im Wirtschaftsleben ist für Arbeitnehmer und Arbeitgeber enorm. Deswegen ist es nicht selbstverständlich, dass die Arbeitgeber im Fall eines Einsatzes den Mitarbeitern frei geben. Bis heute wird diskutiert, ob es in solchen Fällen eine Entschädigung geben soll und seit Jahren hört man in den Sonntagsreden immer wieder gute Ideen, aber zu einer greifbaren Umsetzung kommt es nicht.

Auf der anderen Seite sind es auch Vorschriften und gesetzliche Bestimmungen, die uns das Leben schwer machen. Ich denke zum Beispiel an die Datenschutzgrundverordnung, die aus Sicht einer Freiwilligen Feuerwehr ein Horror ist. Da schießt man mit Kanonen auf Spatzen und trifft diejenigen, die keine große Rechtsabteilung im Hintergrund haben, um sich das alles zu organisieren. Aus Sicht einer ehrenamtlichen Organisation, wo ich mich eigentlich mit etwas anderem beschäftigen möchte, ist das nicht wirklich zufriedenstellend.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Da gibt es einen ganzen Korb an Dingen. Ein einfaches Beispiel wären vielleicht die Autowracks, die wir manchmal für unsere Übungen bekommen. Wenn wir diese länger als eine Woche bei uns auf dem Vorplatz stehen haben würden, bräuchten wir eigentlich einen Gewerbeschein dafür. Das ist relativ sinnlos.

Was würde in diesem Fall die Arbeit der Feuerwehr leichter machen?

Dass man endlich klare Entscheidungen trifft und nicht immer nur darüber spricht. Dass man sagt, jetzt setzen wir uns einmal alle an einen Tisch und stehen erst dann wieder auf, wenn wir Lösungen gefunden haben. Ich bin schon für strikte Rahmenbedingungen und Spielregeln, an die wir uns halten müssen, aber die Spielregeln müssen für eine ehrenamtliche Organisation, wie wir es sind, auch zumutbar sein.

Fehlt dazu die Bereitschaft der Politik?

Das kann ich so nicht zu 100 Prozent beantworten. Ich finde, dass wir als Feuerwehr diese Dinge, die uns stören und schon lange in uns schwelen, auch in der Öffentlichkeit noch klarer auf den Punkt bringen sollten.

Ein Thema, in das die Politik eingegriffen hat, sind die Gaffer. Schaulustige die Rettungseinsätze behindern oder Handyfotos von Unfallopfern machen, müssen künftig mit einer Geldstrafe von bis zu 500 Euro rechnen. Bei besonders erschwerenden Umständen droht sogar einwöchige Haft. Haben Sie auch schon Erfahrungen mit Gaffern gemacht?

Dass ich durch einen Gaffer nicht zum Einsatzort gekommen bin, das ist mir noch nie passiert. Was ich aber schon bestätigen kann, ist, dass die Zahl derjenigen, die mit dem Handy in der Hand herumlaufen, sehr zugenommen hat.

Beim letzten großen Verkehrsunfall mit einem Lkw auf der Autobahn sind selbst andere Lkw-Fahrer auf der Gegenspur vorbeigefahren und haben den Unfall gefilmt. Ich kann einfach nicht verstehen, wie man sich daran ergötzen kann, dass ein anderer ein Leid hat.

Ich kenne Feuerwehren in Salzburg, die große Probleme mit Gaffern und Schaulustigen haben. Die mussten sich deswegen auch schon eigene Ausrüstungsgegenstände anschaffen. Das ist ein Bogen zum Aufspannen, damit niemand mehr zuschauen kann. Es ist ein Wahnsinn, dass man sich als Feuerwehr so etwas überhaupt kaufen muss, zumal jede Feuerwehr ein fixes Budget hat und damit auskommen muss. Früher hat man Decken genommen, aber das reicht heute nicht mehr.

Sie sind seit neun Jahren Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg – wie sind Sie eigentlich zur Feuerwehr gekommen?

Ich habe das Feuerwehrfieber seit 1987 in mir. Zur Feuerwehr gebracht hat mich mein damaliger Nachbarsfreund. Wir waren beim Fußballspielen, und dann musste er plötzlich weg, weil ein Bauernhof gebrannt hat. Ich war neugierig und eine Woche später war ich bei meiner ersten Feuerwehrübung dabei. Seither ist die Feuerwehr mein Leben.

Die Feuerwehrjugend ist ein wichtiger Teil der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Salzburg. 50 Mädchen und Burschen sind aktuell dabei./Freiwillige Feuerwehr der Stadt Salzburg ©

Was fasziniert Sie daran so sehr?

Natürlich sind es eine großartige Kameradschaft und viele Freunde, die man in der Feuerwehr gewinnt. Insgesamt gesehen finde ich aber, dass Salzburg etwas fehlen würde, wenn es kein Ehrenamt gäbe. Da spreche ich jetzt nicht nur von der Feuerwehr. Durch das Ehrenamt kann man Menschen glücklich machen, weil man jemandem hilft aber dadurch auch sehr viel zurückbekommt. Durch die Dinge, die man erlebt, kann man für sich auch sehr viel lernen.

Gibt es Einsätze, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ja, da gibt es ein paar – sowohl positive als leider auch sehr traurige. Ich denke da an einen schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn vor vielen Jahren. Da musste ich Kinder in einen Sarg einladen, weil sie an der Unfallstelle verstorben sind. Das beschäftigt mich bis heute. Ich werde schon damit fertig, aber das sind eben Erlebnisse, die hängen bleiben und einem zeigen, dass man selbst vergänglich ist. Man kommt ins Nachdenken.

Gab es da auch schon so etwas wie psychologische Betreuung?

Nein. Zu dem Zeitpunkt gab es das noch nicht. Da ist man nach Hause gefahren und hat das hinuntergeschluckt. Ich weiß noch, dass ich ein paar Tage nicht schlafen konnte und ich dann auch das Gespräch mit den Kollegen gesucht habe.

Heute sind Sie Kommandant, wie gehen Sie vor allem mit ihren jungen Mitgliedern um, die einen solchen Einsatz erleben müssen?

Zunächst gehören solche Situationen nicht zu unserem Tagesgeschäft. Aber wenn so etwas Tragisches passiert, achten wir darauf, dass wir unsere Leute dosiert hinschicken. Das heißt, wir lassen die Jungen eher im Auto. Dazu kommt, dass wir heute jetzt Gott sei Dank das Peer-System haben. Das bedeutet, wir haben zwei ausgebildete Mitglieder, die mit den Kameraden Gespräche führen und dann auch herausfiltern, ob das Gespräch reicht oder ob professionelle Hilfe eingeleitet werden muss.

Und zum Abschluss noch ein positives Erlebnis?

Sehr gerne. Da gibt es eine Dame, die unglaublich viele Katzen in ihrem Haus gehabt hat. Wir hatten Hochwasser und eigentlich hätten wir diese Dame evakuieren müssen. Die Frau war völlig aufgelöst, hatte große Angst um ihre Katzen und ließ sich nicht mitnehmen. Wir hatten keine Chance. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die ganze Sache umzudrehen. Wir haben daraufhin die ganze Kraft in das Haus investiert, damit wir es halten und die Katzen gerettet werden können. Als die Dame das gemerkt hat, war sie so unglaublich dankbar. Das war ein so schönes Erlebnis, die ganze Mannschaft war gerührt. Spätestens dann weiß man wieder, warum man das alles macht.

Ein wunderschönes Schlusswort. Herr Leprich, vielen Dank für das Interview und weiterhin der gesamten Mannschaft alles Gute.

Vielen Dank.

 

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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