“Es geht darum, das rechte Maß zu finden. Alles was zu viel und zu groß ist, fährt zur Hölle”, fasste Winter das zentrale Gedankengebäude von Kohr zusammen. Gerade in der weltweiten Finanzkrise habe sich die Aktualität der Thesen Kohrs gezeigt, zitierte Winter einen Satz des Salzburger Philosophen: “Der Kapitalismus ist aus sich heraus unreformierbar, er braucht den großen Bang.” Das vergangene Jahr habe bestätigt, dass niemand wirklich bereit sei, die Spekulationsgeschichten zu beenden, sagte Winter.
Wenn es um die Bewahrung und die Erlangung von Eigenständigkeit geht, wird Kohr gerne herangezogen. So habe sich beispielsweise der Stadtstaat Bremen, der in den vergangenen Jahren in Gefahr geraten war, von Niedersachsen “geschluckt” zu werden, geistig-philosophische Anleihen bei Leopold Kohr geholt, um die Eigenständigkeit zu bewahren, sagte Winter. Das sei auch gelungen.
Kohr hat im Jahr 1967 mitgeholfen, auf der winzigen Karibikinsel Anguilla einen unabhängigen Staat zu gründen. Auch bei der Entwicklung der Eigenständigkeit von Wales hatte der gebürtige Oberndorfer Kohr eine wichtige Rolle, betonte Winter: Er habe die keltische Nation immer gegen die englische Zentralregierung unterstützt und mit seinen Konzepten mitgewirkt, dass die Walliser ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung haben.
Neben diesen “großen” politischen Nachwirkungen gebe es viele kleine und regionale Initiativen, die sich an das Gedankengut Kohrs anlehnen. In seiner Heimat Salzburg wurden 1986 die Leopold-Kohr-Akademie sowie der Verein für Kultur- und Regionalentwicklung Tauriska gegründet, die seine Theorie der regionalen Eigenständigkeit in die Praxis umsetzten. “In kleinen Einheiten kann man das meiste selbst machen”, betonte Winter den Wert dieser regionalen Initiativen. Wurden die Dinge, wie ein Bauernmarkt in Hollersbach, früher belächelt und als verrückt abgetan, seien sie heute unumstritten und fixe Bestandteile der regionalen Identität, bilanzierte Winter.
Zu den wichtigsten Werken Kohrs gehören “Das Ende der Großen”, “Die Lehre vom rechten Maß” oder “Weniger Staat”. 1983 erhielt der gebürtige Oberndorfer, der unter anderem in Amerika, Puerto Rico und Wales gelebt und gelehrt hatte, den Alternativen Nobelpreis für sein Lebenswerk. In seinen letzten Lebensjahren – 1994 starb Kohr im Alter von 84 Jahren nach einer Herzoperation – war der Philosoph wieder oft in seiner Heimat. Er wollte sogar zurück nach Oberndorf übersiedeln, doch dazu kam es nicht mehr.
Anlässlich des 100. Geburtstags von Leopold Kohr veranstaltet die Leopold-Kohr-Akademie am 3. Oktober von 9 bis 18 Uhr auf der Edmundsburg in der Stadt Salzburg eine Tagung zum Thema “Stadt und Verkehr zurkunftsfähig planen”. http://www.leopold-kohr-akademie.at