“Die Verdammten” feierte Premiere in der Josefstadt

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Das Stück überzeugte dank starker Ensembleleistung
Das Stück überzeugte dank starker Ensembleleistung - © APA (THEATER IN DER JOSEFSTADT)
1969 inszenierte Luchino Visconti in seinem opulenten Film “Die Verdammten” den Verfall einer Familie vor dem Hintergrund des Untergangs einer vom Nationalsozialismus vergifteten Gesellschaft. Heruntergebrochen auf die Bühne des Theaters in der Josefstadt und in einer Zeit des Rechtsrucks in der westlichen Welt entfaltet sich das Grauen umso wirkungsvoller. Am Donnerstag war umjubelte Premiere.

Ihren Ausgang nehmen Viscontis Film wie auch Ulf Stengls Theaterfassung in den Jahren der Machtergreifung der Nationalsozialisten, konkret in der Nacht des Reichstagsbrands vom 27. auf den 28. Februar 1933. Was in Deutschland den Weg für die Verfolgung politischer Gegner bereitet, setzt in der von der Dynastie Krupp inspirierten, deutschen Industriellenfamilie von Essenbeck die Unterdrückung oder gar Vernichtung “schwacher” Familienmitglieder im Kampf um den Machterhalt in Gang.

Mit einer Aufstellung fürs Familienporträt in der Mitte der schlichten, von wenigen Tischen und Stühlen gesäumten Bühne beginnt Elmar Goerdens Inszenierung der Tragödie. In der schicksalhaften Nacht wird der Geburtstag des geistig noch in der Kaiserzeit verharrenden Patriarchen Joachim von Essenbeck (Heribert Sasse) gefeiert. Man nimmt sich vor, nicht zu politisieren, tut es dann aber freilich doch. Der opportunistische Sohn Konstantin (Peter Kremer) mahnt als Direktor der Essenbeck Stahlwerke Kooperation mit der NS-Regierung ein, denn: “Geht es Deutschland gut, geht es Unternehmern gut”, und umgekehrt. Der Schwager Herbert (Peter Scholz) ist mit seinen mahnenden Worten gegen Adolf Hitler, “an den sich in ein paar Jahren niemand mehr erinnern wird”, allein – und wird nach dem plötzlichen Mord am Familienoberhaupt sogleich zum Schuldigen erklärt.

Während Herbert flüchtet, bricht im bröckelnden Macht- und Familiengefüge ein beispielloser Kampf um die Nachfolge des Barons aus. Konstantin bricht seinem Sohn und Cellisten Günther (Meo Wulf) die Hand, damit der die Familienpflicht über schöngeistigen Irrsinn stellt. Die angeheiratete, manipulative Sophie (groß: Andrea Jonasson) intrigiert gegen den eigenen Sohn, den in Travestiekreisen umtriebigen Alleinerben Martin (Alexander Absenger), um ihren machthungrigen Geliebten Friedrich (André Pohl) an die Spitze des Imperiums zu hieven. Und Joachims Cousin, der gelackte Hauptsturmführer Wolf von Aschenbach (Raphael van Bargen), pflanzt die gewaltverherrlichende Ideologie ungebremst in die Köpfe der kleinen Töchter des abwesenden Herbert und der erstarrten Elisabeth (Bettina Haunschild).

Unter Vorwand von “Werten” wie Zusammenhalt, Anstand oder Moral wird im weiteren Verlauf immer brutaler miteinander umgegangen und die Familie immer kleiner. Die schnelle Abfolge an Konfrontationen und Absprachen in verschiedenen Konstellationen wird vereinzelt mit absurden Momenten wie besessenem Synchron-Schuhputzen und dem Verrücken der Möbel gebrochen. Das Stück selbst, das anfangs blass und schemenhaft wirkt, gewinnt im letzten Drittel an Dynamik und Brisanz. Dabei lässt Regisseur Goerden keinen Zweifel daran, wer droht, die Tragödie heute fortzusetzen: Sein Hauptsturmführer trägt die Kornblume am Revers und antwortet auf Sophies Vorwurf der “mangelnden Vorstellungskraft” der “lauten” Nazis mit einem Satz von FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer, der im Wahlkampf für Aufregung gesorgt hat: “Man wird sich noch wundern, was alles möglich sein wird.”

So zurückhaltend die Reaktion des Publikums auf den Sager war, so begeistert war der Applaus nach zweieinhalb Stunden Ensembletheater auf hohem Niveau. Hervorgehoben wurden da vor allem die Jungen, deren Darstellungen nahe gehen: Meo Wulf wurde für sein physisch wie emotional intensives Spiel als Günther, der unter Martins Fittichen seine lange unterdrückte homosexuelle Neigung endlich auslebt, energisch beklatscht. Während der verletzliche junge Mann an der Tyrannei zerbricht, wird Martins Widerstand gebrochen – und Alexander Absenger dafür zu Recht gefeiert.

(APA)

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