Elisabeth Fuchs im Sonntags-Talk: “Ich bin nicht kindisch, habe aber ein Kind in mir erhalten”

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Die Kinderfestspiele feiern heuer ihr zehnjähriges Jubiläum.
Die Kinderfestspiele feiern heuer ihr zehnjähriges Jubiläum. - © Facebook/Kinderfestspiele/Screenshot
Elisabeth Fuchs ist erfolgreiche Dirigentin und leitet die Philharmonie Salzburg, die sie noch in ihrer Studienzeit gegründet hat. Das Allround-Talent organisiert Konzerte für Erwachsene und Kinder. Wir haben uns mit der energiegeladenen Mutter von zwei Kindern getroffen und mit ihr über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Stärken und Schwächen und ihre Liebe zur Musik gesprochen.




1998 gründete Elisabeth Fuchs die Philharmonie Salzburg, seit 2007 gibt es auch die Kinderfestspiele. Seit ihrer Gründung hat sich in der klassischen Salzburger Musikszene viel getan. Jedoch nicht nur beruflich, sondern auch privat beschäftigt sich die ausgebildete Lehrerin mit Kindern. Einen Sohn und eine Tochter zieht die Power-Frau alleine groß.

SALZBURG24: Wie lässt sich Familie und Beruf für dich vereinbaren?

ELISABETH FUCHS: Grundsätzlich stehen die Kinder an erster Stelle, das ist mir ganz wichtig. Kinder sind das höchste Gut und wenn ich das verhaue, ich ihnen kein gutes Heim und keine Geborgenheit biete, dann schaffen sie das Leben nicht. Das heißt aber nicht, dass jeder, der bis zehn Jahre kein gutes Leben führen kann, es nicht schafft. Ich lege sehr großen Wert darauf und ich nehme mir dafür auch Hilfe. Meine beiden Kinder sind mit einem Jahr in die Krabbelstube gegangen, da ich ja alleinerziehend bin.

Wie ist es für dich, alleinerziehend zu sein?

Alleinerziehend zu sein ist schon anstrengend. Zwar beneiden mich manche meiner Freundinnen. Ich habe ja nicht einmal einen Ex-Partner, zu dem die Kinder alle zwei Wochen hinkönnen. Da sind wirklich nur ich und die Großeltern. Aber es ist für mich okay, alleine mit den Kindern zu sein. Der Vater ist vollkommen außen vor. Das ist eine Schwäche – die ich in der Vergangenheit beleuchten und schauen musste, wie ich sie kompensieren kann. Wir haben das Glück, dass in der Schule meines Sohnes nächstes Jahr der einzige männliche Lehrer die erste Klasse übernimmt und es für meinen Sohn gut wäre, wenn er einen Mann als Vorbild hat.

Grundsätzlich ist es ja bei Alleinerziehenden so, dass es keinen Zweiten gibt. Der fehlt schon als Spielpartner, aber auch als jemand, der eine andere Sichtweise einnimmt. Was meiner Meinung nach fatal ist, ist wenn Alleinerziehende ihre Kinder bis zu vier Jahren alleine zu Hause betreuen. Das bringt zu sehr nur eine Blickrichtung.

Wie sieht euer Alltag aus?

Es läuft ganz klassisch ab. Von Montag bis Freitag sind meine Kinder in der Krabbelstube und Vorschulklasse mit Hort, wo sie von 8 bis 15 Uhr gut betreut sind. Natürlich könnte ich sie um halb eins abholen und sie zu Hause niederlegen, weil man zahlt ja im Prinzip dafür, dass die Kinder schlafen. Aber es ist ein Unterschied, ob das Kind zu Hause schläft und man als Mama auf Standby ist oder man weiß, dass man noch bis zehn vor drei Zeit hat und voll arbeiten und alle Termine in Ruhe machen kann.

Ich nehme keine Termine zwischen 15 und 18.30 Uhr an, weil in dieser Zeit bekomme ich auch keinen Babysitter. Dann gehe ich auch nicht ans Telefon, außer es ist gerade eine sehr stressige Zeit. Dann sitze ich mit ihnen im Garten, sie gatschen und ich mache ein paar Handysachen, aber die Kinder gehen vor. Die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, hat eine hohe Qualität – zwar nicht zu 100 Prozent, aber etwa zu 90 Prozent und bei zehn Prozent ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mir denke: ‚Was können die Kinder dafür, dass ich Stress habe?‘ Ich treffe auch keine großen beruflichen Entscheidungen, wenn die beiden da sind – diese treffe ich in aller Ruhe.

Ich habe viele Abendtermine, etwa 150 im Jahr. Meine Kinder kennen das seit Anfang an nicht anders, aber in dieser Zeit ist eine andere Bezugsperson, etwa die Oma, für sie da. Sie schätzen sehr, wenn ich am Abend zum Einschlafen da bin und freuen sich sehr darüber. Ich schlafe dann auch mit meinen Kindern in einem Bett. Am Wochenende, wenn nicht gerade ein Kinderkonzert oder Proben sind, habe ich immer frei. Da sind nur wir. Ich versuche nicht, eine Event-Mama zu sein, wir bleiben manchmal auch einfach nur zu Hause, machen eine Radtour oder gehen um die Ecke zum Minigolf oder auf den Spielplatz. Ich versuche die Zeit sehr einfach zu halten.

Wie verbindest du deine Arbeit und die Kinder miteinander?

Ich versuche meinen Kindern meine Arbeit näher zu bringen. Für die Kinderfestspiele haben wir zum Beispiel Planeten gebastelt. Okay, mein Hauptberuf ist nicht Bühnenbildnerin, aber es ist Teil des Geschehens und sie fragen auch danach. Michael sitzt dann auch wirklich alleine bei allen sechs Konzerten. ‚Ich komm mit dir mit und bleibe bis du gehst‘, sagt er dann immer. Zwischen den Konzerten trinken wir Kakao und essen Pizza. Er weiß, dass er jederzeit zu mir kommen kann und ich integriere das dann auch in das Konzert – er weiß, dass ich da bin.

Die Zeit mit den Kindern stärkt mich – zugegeben, manchmal schlaucht sie mich, wenn ich sowieso schon fertig bin und sie nach einer Stunde noch immer nicht schlafen und ich weiß, ich muss noch was am Computer machen. Da finde ich die Zeit mit den Kindern nicht so gut. Aber grundsätzlich ziehe ich aus der gemeinsamen Zeit sehr viel heraus.

Ich bin nicht kindisch, habe mir aber ein Kind in mir erhalten. Ich spiele total gerne und veranstalte auch gemeinsame Spieleabende mit Freunden, weil es in meinen Augen einen wahnsinnigen Lebenswert hat. Natürlich müsste ich noch Wäsche aufhängen, putzen, zusammenräumen und den Geschirrspüler ausräumen – das ist eine riesige Liste. Aber das kann ich morgen auch noch machen, das rennt mir leider nicht davon. Sich einfach mal Zeit nehmen und dem Kind in sich Raum geben.

Mein zweites Elixier ist definitiv die Musik. Ich könnte nicht nur organisatorisch tätig sein Ich brauche die Musik, den Austausch mit meinem Orchester, den Austausch mit meinem Publikum und auch verschiedene Arten von Musik. Es gibt die Kinderwelt und es gibt die Musikwelt. Das ist für mich wie ein Abtauchen. Ich bekomme ich so viel zurück. Nach drei Stunden Probe sind die Musiker müde und ich total aufgeladen. Mein ganzes Team ist ein Traum. Sie sind so unterschiedlich, jeder ist anders und man von jeder Begegnung auch lernen. Die Energie kommt aus der Begegnung.

Wo liegen deine Stärken und deine Schwächen?

Man muss erkennen, wo seine Stärken und Schwächen sind. Wenn ich eine Schwäche erkenne und dann versuche viel Energie darauf anzuwenden, damit ich nicht mehr so schwach bin, dann leidet das System darunter.

Kochen zum Beispiel ist eine meiner Schwächen. Ich bin nicht anspruchsvoll beim Essen, habe aber zwei Kinder, die ich gut ernähren muss. Es war für mich von Anfang an klar, dass meine Kinder in der Krabbelstube und im Hort essen. Dort bekommen sie zumindest fünf Mal in der Woche etwas anderes als Mama-Küche. Ich hole mir diese Hilfe, weil es mir nicht wert ist zwei Stunden in der Küche zu stehen, damit meine Kinder ein tolles Abendessen haben und sie es dann eh nicht mögen.

Meine Methode ist es, die Schwächen zu beleuchten und dann ganz klar und gezielt zu kompensieren, damit sie keine Schwächen mehr sind. Mein Leben verbringe ich mit meinen Stärken.

Ist das österreichische Schulsystem mehrheitlich darauf ausgelegt, Schwächen zu finden, als Stärken zu fördern? Wie siehst du das als ausgebildete Lehrerin und Mutter?

Da habe ich ein Paradekind. Mein Sohn hat lange schlecht gehört und hat bis zum Schuleintritt schlecht gesehen. Das hat aber keiner bemerkt. Da denkst du dir zuerst, was bin ich für eine schlechte Mutter. Aber der Augenarzt hat dann gesagt, so schlecht ist es gar nicht, weil mein Kind jetzt ganz andere Fähigkeiten erlernt hat. Er ist zwar beim Sprechen, Lesen und Schreiben schwach, dafür ist er technisch überbegabt. Nur dass das in unserem Schulsystem nicht gefördert wird. Wenn nur die Schwächen hervorgehoben werden, vergeht aber die Freude an der Schule und das Selbstbewusstsein wird untergraben.

Die Volksschule ist das wichtigste. Machen wir uns nichts vor, bis zehn Jahren wird so viel gelegt. Danach ist es nicht mehr so tragisch. Im ganzen Leben werden wir Menschen haben, mit denen wir schwer zusammenkommen. Grundsätzlich macht lernen Freude und vor allem in der Volksschule müsste so sein.

Ein Kind versucht den Schwächen auszuweichen und das ist in Ordnung. Ein bisschen muss man schon an seinen Schwächen arbeiten, damit man sich nicht versteckt. Da kann man zum Kind sagen, jetzt üben wir das noch etwas und dann können wir wieder das machen, was du gerne machst. Ganz klar, das Leben soll Spaß machen.

Abseits von der klassischen Musik, was hörst du gerne?

(überlegt) Also, ich höre gerne U2, Nirvana, Norah Jones, aber auch von Amy Winehouse gibt es ein paar Songs, die mir extrem gut gefallen und Tracy Chapman, diese Ü40-Party-Musik quasi.

Gibt es in Salzburg einen Ort, an dem du dich ganz besonders wohl fühlst?

Ich finde den Fuschlsee wahnsinnig klasse und die Mandlwand im Hochkeilgebiet. In der Stadt selbst haben sich die Plätze in den letzten Jahren etwas geändert, aber der Spielplatz Leopoldskron-Moos und die Bühnen zählen dazu. Die Felsenreitschule find ich auch sehr cool, da gehe ich rein und denk mir wow, wann kann ich da das nächste Projekt machen. Manchmal nehme ich mir Zeit und mache Stopp in der Franziskanerkirche.

Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ja, da war ich mit 17 mit dem Schulchor beim Papst und haben gesungen. Und beim Zurückfahren sind wir in Assisi stehen geblieben und irgendwie bin ich da geläutert worden. Wir sind dort in die Kirche rein gegangen – man muss wissen, ich war immer so eine Partymaus, die nach drei Minuten auf einen Kaffee oder auf ein Achterl Wein gegangen ist. Damals war gerade Fastenzeit und ich habe beschlossen, nichts zu trinken.

In dieser Kirche habe ich mir die Bilder angesehen und da ist etwas mit mir passiert. Definitiv habe ich dort meinen Gottglauben gefunden – auf einmal. Zu dieser Zeit habe ich auch angefangen zu überlegen, ob vielleicht ein Kloster für mich etwas als Wirkungstätte wäre. Ich habe Franz von Assisi einfach gut gespürt. Jesus spür ich nicht so gut, finde ihn aber ganz okay. Gott spüre ich, wenn ich musiziere und auch in der Natur.

Ich bin mit der Musik so im Einklang und das ist auch so etwas göttliches.  Und auch in der Begegnung ist es das. Der Mensch ist einfach auch so etwas Göttliches – ich weiß nicht, wer ihn erschaffen hat, ob das der Knall war oder Gott – der Mensch ist einfach so genial, das ist unglaublich wie so ein kleiner Samen mit so einem Ei, was da raus kommt und wie perfekt und wie komplex der Mensch ist, das ist verrückt und unglaublich. Es ist unbegreiflich einfach. Jedes Problem hat eine Lösung und wenn es jetzt keine Lösung gibt, dann wird sich diese irgendwann auftun. Da bin ich extrem gelassen.

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss haben wir noch ein paar Entweder-Oder Fragen:

Lederhose oder Dirndl? (überlegt lange) Weder noch

Fisch oder Fleisch? Fisch

Rock oder Schlager? Von beidem etwas

Berg oder Meer? Beides. im Sommer bin ich eineinhalb Wochen in den Bergen und eineinhalb Wochen am Meer

Kaffee oder Tee? Ganz klar Tee, ich trinke keinen Kaffee

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