Eva Walkner: “Freeriden ist nicht Golfspielen”

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Walkner stürzt sich fast blind über Felsvorsprünge hinab. (Archivbild)
Walkner stürzt sich fast blind über Felsvorsprünge hinab. (Archivbild) - © Fabrice COFFRINI / AFP
Extrem-Skifahrerin Eva Walkner aus Kuchl (Tennengau) erzählt vor dem Saisonfinale der Freeride World Tour in Verbier, warum sie wahrscheinlich mit dem Profi-Sport aufhören wird, Freeriden nicht Golfspielen ist und, warum die Risikolust offenbar in der Familie Walkner liegt.

APA: Sie kämpfen beim Tour-Finale in der Schweiz um ihren dritten Weltmeistertitel. Was muss passieren, damit das gelingt?

WALKNER: Am besten gewinnen. Es gibt auch andere Varianten. Aber am liebsten würde ich über das Sportliche gar nicht reden.

Warum?

Ich habe mir lange Gedanken gemacht, ob ich überhaupt dorthin fahre. Wenn es aber wirklich mein letzter Bewerb werden sollte, möchte ich alle Leute nochmals sehen. Außerdem mag ich den Berg extrem. Er ist wie auf mich zugeschnitten. Steil, ausgesetzt, angsteinflößend. Es ist mit Abstand der schönste Berg der World Tour. Ein richtiger Big-Mountain-Berg. Ich möchte eine gute Linie fahren und schaue überhaupt nicht aufs Resultat.

Offenbar erlebt der Freeride-Sport gerade eine Richtungsänderung. Zuletzt wurden Freestyle-Elemente besonders gut bewertet. Stimmt der Eindruck?

Ja. Und das wird auch der Grund sein, dass ich wahrscheinlich aufhöre. Ich bin eine Big-Mountain-Skifahrerin, keine Freestylerin. In Andorra war ich das einzige Mädel, dass sich eine bestimmte Linie getraut hat. Am Ende stand aber ein 360er über eine Windlip über dem, ein steiles Couloir runterzufahren, bei dem du großes Risiko gehst und dich schwer verletzen kannst. Die Jury legt nicht mehr ganz so viel Wert aufs ursprüngliche Skifahren. Auch in Fieberbrunn bin ich um mein Leben gefahren.

Da wurden sie Zweite. Trainieren sie jetzt auch Freestyle-Tricks?

Man will offenbar mehr eine Mischung in die neue Richtung. Wenn diese Veränderung kommt, kommt sie. Aber ohne mich. Ich bin eine Skifahrerin und keine Freestylerin. Da bleibe ich mir treu. 360er zu üben, macht mir keinen Spaß.

Was macht für Sie die Faszination Freeriden aus?

Du musst dich mit dem Berg, dem Schnee, dem Wetter und der richtigen Line beschäftigen. Das ist spannend. Manchmal investiere ich in eine Abfahrt einen ganzen Tag.

Sind Freerider die “besseren” Skifahrer?

Freeriden ist nachhaltiger, qualitativer. Auf der Piste bist du einer von Tausenden und ständig nur am Ausweichen. Am Berg wird es nie fad. Und wenn doch, probierst du etwas Neues, springst höher und weiter, fährst noch steiler. Das ist mit dem richtigen Material eine Riesen-Gaudi.

Aber auch nicht ganz ungefährlich, oder?

Da muss man differenzieren. Wir sind Profis. Die, deretwegen die Bergrettung ausrücken muss, sind meist Hobby-Tourengeher, die nicht immer über das größte Wissen verfügen. Es wundert mich manchmal, dass nicht mehr passiert. Es ist also Aufgabe von uns allen, die Leute dafür zu sensibilisieren, dass Freeriden nicht Golfspielen ist.

Wie kann man das in die Köpfe der Winter-Tourengeher oder jener, die einfach abseits der gesicherten Pisten fahren, bringen?

Es gibt einerseits Vorreiter-Skigebiete mit sicheren Freeride-Varianten. Wenn ich selbst wenig Ahnung habe, suche ich mir eben einen Führer oder ich belege Kurse. Ich hüpfe ja auch nicht auf die Rallye-Enduro meines Bruders, nur weil ich Motorrad fahre. Die äußeren Gefahren sind echt happig. Man sollte den Lawinenlagebericht nicht nur anschauen, sondern auch verstehen. Die bestmögliche Ausrüstung ist obligatorisch. Und man sollte nicht jeder Spur blind folgen, das Gelände ändert sich stündlich.

Ihr angesprochener Matthias Bruder ist Dakar-Sieger. Risikolust und Gewinnen ist offenbar in der DNA der Walkners, oder?

Sagen wir so. Wir sind nicht gut behütet in einer Stadtwohnung mit maximal einem Kinderspielplatz, sondern am Berg im letzten Haus aufgewachsen und als Kinder auf 20-Meter-Bäume geklettert. Es gab praktisch keine Verbote im “Tal der Gesetzlosen”, wie mein Bruder immer sagt. Wir hatten alle Freiheiten, sind angstbefreiter.

Wie trainiert man für die Freeride-Tour?

Das körperliche Training beginnt im Spätsommer. Freeriden ist viel anstrengender als Pistenskifahren, Fitness also auch eine Verletzungsprophylaxe. Man geht dann auch bei schlechtem Wetter Ski fahren, da lernt man am meisten. Im guten Pulver kann jeder fahren.

Aber das “blinde” Springen über senkrechte Felswände kann man nicht wirklich üben, oder?

Fast jedes Skigebiet hat einige Freeride-Möglichkeiten. Ich mache meist zunächst von unten Fotos vom Berg und versuche das dann einzuschätzen. Bei der Fahrt musst du die Orientierungspunkte rasch finden, man soll ja nicht langsamer werden oder gar stehen bleiben. Gute Freerider haben daher einen guten Orientierungssinn. Man orientiert sich an Bäumen, Felsen, Windverwehungen. Jeder einzelne Schwung ist geplant, da ist nichts Zufall. Erfahrung hilft da sehr. Es gibt viele kleine Zeichen, die man verstehen muss. Es ist sehr komplex.

Nochmals zu den Gefahren. Auch Sie drehen Tiefschnee-Filme. Einige Kolleginnen von ihnen sind bei derartigen Filmdrehs schon umgekommen. Stellt man sich da nicht die Sinnfrage?

Freeriden ist definitiv gefährlicher als Fußballspielen. Aber ich mache das seit zehn Jahren, es ist ein Profisport. Wir sind keine kiffenden, partymachenden, lustigen Hobbysportler. Willst du den Sport auf diesem Level betreiben, musst du hart arbeiten und trainieren. Unfälle, wie sie etwa Matilda Rapaport passiert sind, kannst du nie ausschließen. Aber das kannst du auch nicht, wenn du im Auto auf dem Weg zur Arbeit bist.

(APA)

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