Extremismustagung in Salzburg

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Diskutiert werden auf der Tagung Lösungsansätze gegen Extremismus.
Diskutiert werden auf der Tagung Lösungsansätze gegen Extremismus. - © St. Virgil Salzburg
Ist Extremismus in unserer Gesellschaft salonfähig geworden? Lassen sich Anhänger radikaler Positionen – egal ob rechts, links oder religiös motiviert – noch mit Argumenten überzeugen, von ihren Standpunkten abzurücken? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Auftakts-Diskussion der Extremismus-Tagung in Salzburg. Für Jugendliche gibt es seit Jahresanfang in Salzburg eine eigene Beratungsstelle zu dieser Thematik.

“Wir dürfen die Rechtsextremen nicht dämonisieren. Das sind normale Menschen, die von nachvollziehbaren Ängsten getrieben sind. Warum überlassen wir diese Ängste der Peripherie, warum holen wir sie nicht in die Mitte?”, fragte etwa die Wiener Soziologin Edith Schlaffer. “Wenn wir diese Leute nicht abholen, dann tun das andere. Auch die islamistischen Rekrutierer schauen sich um. Wo sind die leeren, trostlosen Gesichter, wo ist die Verzweiflung?”

“Exit B” hilft Salzburger Jugendlichen

Seit Anfang dieses Jahres gibt es eine Extremismus-Beratung für Jugendliche, deren Eltern, Freundinnen und Freunde und auch für Lehrerinnen und Lehrer. Die Beratung wird aus dem Ressort von Landesrätin Berthold unterstützt. Diese multiprofessionelle Plattform trägt den Namen “Exit B”. Das Team besteht aus Mitarbeitenden des Vereins Viele, des Vereins Spektrum, von akzente Salzburg, Nedzad Mocevic, der Kinder- und Jugendanwaltschaft und des Referats Jugend, Generationen und Integration des Landes. “Exit B” ist Ansprechpartner, wenn der Eindruck besteht, dass sich Kinder oder Jugendliche einer fanatisierten religiösen Gruppierung oder einer politisch extremen Gruppe angeschlossen haben könnten oder mit rechtsextremen oder radikal

Faszination Extremismus

“Vor allem in der sensiblen Phase der Identitätsfindung können extremistische Gruppen schnell eine starke Anziehungskraft auf Jugendliche ausüben. Vor allem dann können die Verheißungen extremistischer Gruppierungen eine besondere Faszination ausstrahlen. Hier braucht es Prävention und Information, die dagegen steuert. Mit ‘Exit B’ wurde im Land Salzburg zuletzt ein gutes Beratungsangebot für Jugendliche und Eltern geschaffen”, so Landesrätin Martina Berthold (Grüne) bei der Eröffnung der Extremismustagung.

“Fakten dagegen halten”

Es sei dabei nicht zielführend, Extremisten medial zu etikettieren, es brauche vielmehr einen aktiven Zugang. “Wir müssen hinhören und schlagfertig argumentieren. Wir müssen mit Fakten dagegen halten, wir müssen entemotionalisieren, wir müssen furchtloser werden. Wir dürfen nicht mit Freunden Diplomatie exerzieren, die Feinde sind gefragt.”

Doch dafür könnte es möglicherweise zu spät sein. “Ich fürchte, dass viele schon jenseits eines Punktes liegen, wo man mit faktischen Diskussionen noch irgendwelche Veränderungen herbeiführen kann”, betonte Adelheid Kastner, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie in Linz. “Es geht nicht mehr um Aufklärung, um das Abwägen von Argumenten, um das Für und Wider. Es geht um Emotion.” Alle Lügen eines Donald Trump im Zuge seines Wahlkampfes seien von den Medien permanent mit Fakten widerlegt worden – ohne große Wirkung.

An Problemen vorbeischauen

Man müsse vielmehr hinterfragen, was das Establishment so lange falsch gemacht habe, um so viele Menschen in eine kopflose Emotionalisierung zu treiben. “Die Politik hat zehn, fünfzehn Jahre lang konsequent und verbissen an Problemen vorbeigeschaut und statt Lösungen oft nur Sprechblasen produziert”, so Kastner. Extremisten würden sich in ihrer Persönlichkeitsstruktur, in ihrer Disposition, wie ein Ei dem anderen gleichen. “Die Ideologie ist völlig austauschbar. Gemeinsam ist ihnen die Wut, dass sie nicht mehr wichtig sind, dass ihre Position nicht mehr gehört wird.” Für Dialog und Konsens brauche es die gegenseitige Bereitschaft zuzuhören. “Ich habe den Eindruck, dass viele nicht mehr zuhören wollen.”

Diese Hilflosigkeit kennt auch die Kristin Klaudia Kaufmann (Die Linke). Sie ist Sozialbürgermeisterin in Dresden, wo jeden Montag 2.000 bis 3.000 Menschen bei Pegida-Demonstrationen gegen Flüchtlinge mitmarschieren. “Wir haben Bürgerdialoge in Kirchen durchgeführt, um Pegida-Anhänger in einem unverbrämten Raum zu überzeugen. Die wollten sich aber nicht informieren, die wollten nicht diskutieren. Die wollten schimpfen, diskreditieren, verleumden, Fakten infrage stellen.”

Unter ein Prozent Asylsuchende

Dabei mache die Zahl der Asylsuchenden in der Stadt weit unter ein Prozent der Bevölkerung aus. “Man sieht sie kaum, wenn man durch die Straßen geht. Doch da wird etwas medial überhöht, da wird Angst gemacht. Das ist der perfekte Nährboden für Rechtspopulisten.” Nicht berichtet werde hingegen über die 550.000 Menschen, die nicht mitmarschieren. “Den sogenannten besorgten Bürgern, die mit Fackeln und Transparenten auf die Straße gehen, stehen in der Stadt rund 15.000 Ehrenamtliche gegenüber, die als Paten, Deutschlehrer oder Begleiter Flüchtlinge unterstützten. Und trotzdem berichten die Medien weiter, wie schlimm es in Dresden ist.”

Virtuelle Realitäten über soziale Medien

Vor allem über die sozialen Medien würden Blasen und virtuelle Realitäten entstehen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. “Wir hatten noch nie so wenig Arbeitslosigkeit und haben eine objektiv stabile Ökonomie mit steigender Tendenz. Die Menschen haben dennoch Angst.” Auch in Dresden würden sich nun Versäumnisse aus der Vergangenheit bemerkbar machen: “Man hat zu wenig in soziale Infrastruktur, in politische Bildungsarbeit, in Jugendklubs investiert. Es fehlte die Weitsicht, die jungen Menschen so zu sensibilisieren, dass sie nicht für Populismus und einfache Lösungen anfällig werden”, sagte Kaufmann. “Ich glaube nicht, dass man heute mit 160 Zeichen komplexe gesellschaftliche Probleme diskutieren kann.”

(APA/SALZBURG24)

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