Fluchthilfe-Tagung zieht Vergleiche zur NS-Zeit

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Staaten sehen Flüchtlinge als große Belastung
Staaten sehen Flüchtlinge als große Belastung
Je mehr Menschen aufgrund von Konflikten flüchten, desto eher schotten sich potenzielle Aufnahmeländer ab: Das könne man sowohl im heutigen Europa, als auch historisch während der Zeit des Nationalsozialismus beobachten. Eine Tagung, die ab Montag in Wien stattfindet, befasst sich mit den Parallelen in der Geschichte der Fluchthilfe, wie Organisatorin Gabriele Anderl im APA-Interview erklärte.


Unter dem Titel “‘Schleppen’, schleusen, helfen. Flucht zwischen Rettung und Ausbeutung” sollen drei Tage lang Fluchthilfe-Phänomene seit 1933 in all ihren Facetten beleuchtet werden. Ähnlichkeiten gebe es im Laufe der Geschichte nicht nur im individuellen Erleben der Flüchtlinge, sondern auch in der politischen Rhetorik und dem Verhalten und der Argumentation der Nationen, so Anderl.

So sei zwar – ähnlich wie heute – auch damals die Dramatik der Situation beteuert worden, etwa 1938 bei der internationalen Flüchtlingskonferenz von Evian, “im Endeffekt überboten sich die Länder aber in Abwehrmaßnahmen”, so die Expertin. Begründet wurden diese nicht nur mit der wirtschaftlichen Situation, sondern oft auch mit der Angst vor den Neuankömmlingen.

“So wie man heute unter den Syrienflüchtlingen Jihadisten vermutet, so argumentierte Großbritannien nach Kriegsbeginn mit der Gefahr, dass sich unter den Flüchtlingen, die nach Palästina wollten, deutsche Spione befinden könnten”, berichtete Anderl, auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung. Es sei daher versucht worden, die Einreise in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina mit immer drastischeren Maßnahmen zu unterbinden.

Während die illegalen Flüchtlingstransporte nach Palästina meist per Schiff organisiert wurden, hatten während der NS-Zeit auch die illegalen Landwege Hochkonjunktur: So befasst sich die Konferenz etwa mit dem “Judenschlepper” Josef Schleich, der mit seinem Netzwerk an der jugoslawischen Grenze rund 1.500 Juden außer Landes brachte – dafür jedoch hohe Preise verlangte. Ähnlich sah es an der Vorarlberger Grenze zur Schweiz aus, wo die lokale Bevölkerung vom Waren- zum Menschenschmuggel wechselte. Andere Fluchthelfer hätten dagegen aus primär humanitären Motiven agiert, so Anderl.

Für die Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich waren vor allem Großbritannien und die USA begehrte Ziele, doch diese Staaten nahmen nur eine begrenzte Anzahl von Verfolgten auf. Auch die Nachbarländer Deutschlands zeigten sich von den Flüchtlingsströmen meist wenig begeistert: Wurden illegale Flüchtlinge – etwa an der Grenze zu Belgien oder Frankreich – aufgegriffen, wurden sie meist nach Deutschland zurückgeschickt oder in Anhaltelagern interniert, schilderte Anderl. Auch hier könne man Parallelen zur heutigen Situation von Flüchtlingen ziehen.

Dabei ortet Christoph Reinprecht, Professor für Soziologie an der Uni Wien und Mitglied des Tagungsbeirats aber vor allem eine “Bedeutungsverschiebung” in der Rolle des Fluchthelfers: Sie würden zunehmend sofort als “Schlepper” kriminalisiert, sodass eine Diskussion kaum mehr möglich sei. Exemplarisch für die aktuelle Problematik der “Festung Europa” wird es auf der Tagung u.a. einen Beitrag zum Prozess gegen “Asyl in Not”-Obmann Michael Genner geben, der aufgrund eines Artikels, in dem er Schlepperei nicht völlig ablehnt, strafrechtlich verfolgt wurde.

Genau diese restriktiven Diskurse würden jedoch illegale Strategien der Fluchthilfe bedingen, ist Reinprecht überzeugt: “Je strenger reguliert ein System ist, desto näher liegen illegale Formen der Flucht.” So sei es problematisch, wenn auf Katastrophen wie das Schiffsunglück vor Lampedusa, bei dem im Vorjahr rund 360 Menschen starben, nur mit weiteren Verschärfungen reagiert werde.

Seit zwei bis drei Jahrzehnten gebe es aber auch beim Begriff der Migration deutliche Diskursverschiebungen: “Früher haben alle an Gastarbeit gedacht, heute denkt man an Asyl, verknüpft mit Schlepperdiskursen”, so der Soziologe. Innereuropäische Migration werde dagegen meist positiv als Mobilität wahrgenommen.

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