Fragen der Menschlichkeit: 9. “this human world” in Wien

Ein entfernt an den Todesstern erinnerndes Flugobjekt schwebt über Damaskus, einzelne Wolken schieben sich davor. Die Collage des syrischen Künstlers Ayham Jabr dient als Sujet von Wiens 9. Internationalem Filmfestival der Menschenrechte “this human world” – und fordert laut der neuen Festivalleitung eine Blickverschiebung, die die von 1. bis 11. Dezember laufende Ausgabe “ideal repräsentiert”.

115 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme zu Menschenrechten und deren Durchsetzung stehen in den vier Kinos Gartenbaukino, Filmcasino, Top Kino und Schikaneder auf dem Programm; hinzu kommen Workshops, Lectures und Partys in verschiedenen Standorten, darunter der Brunnenpassage und dem Curtain im Werk X Eldorado. Zu ihrem Einstand haben die neuen Festivalleiterinnen Julia Sternthal und Djamila Grandits sichtlich aufgestockt, ist doch das Filmprogramm um rund 40 Beiträge und die Wettbewerbssektion um zwei Sparten angewachsen: Mit der Wettbewerbssparte “exp:An:ded shorts” will man verstärkt Animation- und Experimentalfilm eine Plattform bieten, mit “up and coming” junges Kino fördern. Die Jugendschiene, die bisher einen Schülerwettbewerb und Schulvorstellungen umfasste, wurde um eine eigene Jugendjury und einen Trickfilm‐ und Soundworkshop in Kooperation mit dem ZOOM Kindermuseum erweitert.

Unverändert bleibt der Anspruch, “this human world” als Plattform für gesellschaftspolitisches und sozialkritisches Kino zu positionieren. Gemeinsam will man etwa die Frage verhandeln, was man unter Menschlichkeit versteht – “in einer Zeit, in welcher aus Gründen, so bürokratisch und willkürlich wie geografische Grenzziehungen, vielen Rechte, Schutz und Grundversorgung verwehrt werden”, so Sternthal und Grandits im Programmheft. Dem kommt man nicht zuletzt im Schwerpunktprogramm nach, das neben neun Themenbereichen auch die umfassende Panorama-Reihe “360°” umfasst. Bei “borders” etwa geht es um physische und metaphysische Grenzen, bei “cinema & human rights” um Flucht und Exil, bei “institutions” um Macht und deren Missbrauch und bei “future perspectives” um Utopien.

In letzterer Sektion feiert Werner Herzogs neuester Dokumentarfilm “Lo and Behold, Reveries of the Connected World” Österreich-Premiere. Der deutsche Doku-Altmeister spürt darin durchaus eigenwillig den Folgen des Internets für die Gesellschaft nach. Wer sich danach um die eigene Autonomie über seine persönlichen Daten sorgt, kann sich im Workshop “Digital bewusst leben” im Metalab im Wiener Rathaus Tipps für Selbstbestimmung im Netz holen.

Zu den vier Filmen im Themenschwerpunkt “Far Away So Close”, die Krieg als gemeinsamen historischen Ausgangspunkt haben, wird der diesjährige Eröffnungsfilm gezählt: Der syrische Filmemacher Avo Kaprealian, der beim Auftakt im Gartenbaukino anwesend ist, hat für “Houses Without Doors” die Kämpfe auf den Straßen Aleppos vom Balkon aus gefilmt und verwebt die Aufnahmen mit dem Alltag in der elterlichen Wohnung zwischen Detonationen und Stromausfällen, Archivmaterial sowie Szenen aus Alejandro Jodorowskys surrealem Western “El Topo”. Zu erwarten sei ein “experimenteller und durchaus auch sperriger, unbequemer Film, gleichzeitig ein realistisches, brisantes und dringliches Stück mit enormer Sogkraft”.

Den Schlusspunkt bildet die Preisverleihung am 10. Dezember im Badeschiff, bei der fünf Jurypreise und ein Publikumspreis vergeben werden. Je acht Arbeiten sind im Rennen um die mit jeweils 2.000 Euro dotierten Hauptpreise im internationalen sowie im Österreich-Wettbewerb. Chancen aus heimischer Sicht haben etwa Julia Gutweniger und Florian Kofler, die für “Brenner” ein Jahr lang den Alltag im Grenzort beobachtet haben, Christian Tod, der sich in “Free Lunch Society” mit dem vieldiskutierten bedingungslosen Grundeinkommen auseinandersetzt, oder Georg Tiller, der in “White Coal” Arbeitswelten in und um Kohlekraftwerke ohne Worte, Dialoge oder Musik kontrastiert.

(APA)

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