Gespannte Ruhe in Mazedonien ein Jahr nach Grenzschließung

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Der Balkan wurde für viele zur Sackgasse
Der Balkan wurde für viele zur Sackgasse - © APA (AFP)
Ein Jahr nach der sogenannten Schließung der Balkanroute für Flüchtlinge ist der mazedonisch-griechische Grenzübergang Gevgelija verwaist. Von dem berüchtigten Flüchtlingslager im gegenüberliegenden griechischen Idomeni ist nichts mehr zu sehen, auch auf der mazedonischen Seite zeugt nichts mehr davon, dass bis vor einem Jahr täglich tausende Flüchtlinge hier vorbei Richtung Mitteleuropa zogen.

Dennoch ist immer noch keine Normalität eingekehrt. Die Ruhe ist gespannt und hält nur, weil die Grenzschützer im Dauereinsatz sind: Mit Wärmebildkameras, Drohnen und Hundestaffeln überwachen Polizeipatrouillen rund um die Uhr die karge Landschaft an der Grenze zu Griechenland, kontrollieren Züge, Lkws und die grüne Grenze. Mit den Wärmebildkameras können sie ein Kaninchen auf drei Kilometer Entfernung ausmachen.

30 Kilometer der Grenze zu Griechenland sind mit einem Drahtzaun abgesperrt. Das große Tor über die Gleise wird nur tagsüber geöffnet, weil die Züge durchfahren müssen. Zur Unterstützung der mazedonischen Grenzschützer sind hier mehr als 130 Polizisten aus sieben Staaten im Einsatz – darunter 20 Polizisten aus Österreich. Täglich werden rund 10 bis 15 Menschen aufgegriffen, erzählen sie. Tausend Kilometer von Wien entfernt schützen sie hier am Balkan für Österreich die Grenze.

Die mazedonischen Polizisten sind zufrieden. “Aus menschlicher Sicht ist es schlimm, aber es ist gut, dass wir wieder die Kontrolle haben”, sagt ein Grenzpolizist. Auch die Menschen in der rund 15.000-Einwohner-Stadt Gevgelija seien froh, dass der große Flüchtlingsstrom gestoppt sei und wieder Ruhe eingekehrt sei.

Die Politiker zeigen sich dankbar für die Unterstützung aus Österreich. Manche Mazedonier meinen aber, dass ihr Land von der EU unfair behandelt wurde. Schließlich ist das arme Balkanland, das stets nur Transitland für die Flüchtlinge war, für Europa in die Bresche gesprungen und hat auf Drängen der nördlichen Nachbarländern – allen voran Österreich – seine Grenzen dicht gemacht. Trotzdem hat das Land wegen des Namensstreit mit Griechenland und der politischen Dauerkrise keine Perspektive in nächster Zukunft Fortschritte im EU-Beitrittsprozess zu machen.

Trotz aller High-Tech-Kontrollen der Grenzen schaffen es immer noch zahlreiche Flüchtlinge mithilfe von Schleppern über die Grenze. Die meisten kommen mittlerweile aber über Bulgarien nach Mazedonien oder direkt nach Serbien. Dort sind die Zahlen der ankommenden Migranten auch deutlich höher. Serbien registriert offiziell täglich zwischen 110 und 140 illegal eingereiste Migranten. 70 Prozent kommen über Bulgarien ins Land, der Rest aus Mazedonien, erklärt der serbische Premier Aleksandar Vucic. Die überwiegende Mehrheit der ankommenden Migranten stamme aus Pakistan oder Afghanistan. 90 Prozent seien junge Männer zwischen 16 und 30 Jahren.

Nicht in diese Gruppe gehört ein 52-jähriger Syrer, der es bis nach Mazedonien geschafft hat. Im Zentrum von Skopje bittet er Passanten um Geld, um seine Weiterfahrt zu finanzieren. Er kommt aus Aleppo, erzählt er in perfektem Deutsch, dort sei alles zerstört, seine Familie an die türkische Grenze geflüchtet und warte nun, dass er sie nachhole. Deutsch kann er, weil er in den 1980er Jahren in Deutschland in einer Druckerei gearbeitet hat. Sein Ziel ist Wien, wo er eine Adresse hat, die ihm Journalisten in Syrien gegeben hätten. “Wenn ich im 14. Bezirk in Wien angekommen bin, dann bin ich gerettet, ich muss nur mehr nach Serbien kommen, von dort nach Kroatien, nach Slowenien dann bin ich schon in einigen Tagen in Österreich”, sagt der Mann optimistisch.

Tatsächlich ist der Balkan seit der Grenzschließungen der nördlichen Nachbarländern für viele Migranten zu einer Sackgasse geworden. Die meisten stranden in Serbien. Fast 7.000 Menschen befinden sich laut offiziellen Angaben in dem Balkanland. Unter desaströsen humanitären Bedingungen hausen viele in Belgrad. Sie warten nur auf eine Möglichkeit, Richtung Norden weiterzureisen. Für die Schlepper ist das Ganze ein blühendes Geschäft. Sobald es wärmer wird, wird es wohl noch mehr florieren.

(APA)

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