Hirschflüsterer Thomas Tscherne Sonntags-Talk: “Ich bin der Anwalt der Hirsche”

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Wir haben Hirschflüsterer Thomas Tscherne (rosa Hemd) bei der Wildtierfütterung im Angertal besucht.
Wir haben Hirschflüsterer Thomas Tscherne (rosa Hemd) bei der Wildtierfütterung im Angertal besucht. - © SALZBURG24/Andonov
Thomas Tscherne hat vor 22 Jahren seine Berufung gefunden. Der 49-jährige Jäger, Hotelier und Förster ist im Angertal in Bad Hofgastein (Pongau) als Hirschflüsterer bekannt und ermöglicht dem majestätischen Rotwild die Chance, im Winter zu überleben. Welch schier unüberwindbare Hürden der leidenschaftliche Naturliebhaber dabei nimmt, erzählt er uns im Sonntags-Talk auf 1.700 Metern Seehöhe.




Seit über 200 Millionen Jahren leben Hirsche auf unserem Planeten. Durch die ständig wachsende Population der Menschen und der Erweiterung des Tourismus in den Bergen gerät der Lebensraum des größten Pflanzenfressers der Alpen immer mehr in Gefahr. Tscherne hat es sich zur Aufgabe gemacht, von Oktober bis Mai – egal bei welcher Schneelage – 150 Hirsche im Gasteinertal zu füttern.

Hirschflüsterer Tscherne über seine Leidenschaft

“Oans, zwoa, drei, Hirsch herbei”, lautet sein Lockruf bei unserem Besuch seiner eigens eingerichteten Futterstelle im Angertal. Und tatsächlich – knappe sechs Minuten später wagen die ansonst scheuen und vorsichtigen Wildtiere den Weg zum Hirschflüsterer. So wird er nämlich von den Einheimischen im Gasteinertal liebevoll genannt.

SALZBURG24: Thomas, wann hast du gemerkt, dass Hirsche deine Leidenschaft sind?

TSCHERNE: Eigentlich recht früh. Ich wollte mit acht Jahren schon Förster werden und konnte mich schon damals für den Wald und die Tiere begeistern. Mit 20 Jahren bin ich dann nach Kalifornien gegangen, um als Helikopter-Fluglehrer zu arbeiten. Die Verbindung zu meiner Heimat riss allerdings nie ab.

Was hat dich dann wieder dazu bewogen, zurückzukehren?

Im Angertal wird das Rotwild schon seit Beginn der 50er-Jahre mit Futter versorgt. Da bereits zu dieser Zeit durch den Tourismus und der sich ausbreitenden Infrastruktur eine natürliche Verdrängung abzeichnete, war dies die einzige Möglichkeit, die Wildtiere am Leben zu halten. Die Tiere haben keinen Besitzer und sind für sich und ihre Nahrung eigentlich selber verantwortlich. Im Winter ist das allerdings nicht möglich und so habe ich mich für sie verantwortlich gefühlt.

Erzähle uns bitte ein wenig von deinen Anfängen.

Begonnen habe ich vor exakt 22 Jahren mit der Pachtung des Jagdgebiets und der Errichtung von zwei Futterscheunen. Verwendet habe ich dafür mein eigenes Kapital, da meine Verbundenheit zu den Hirschen immer größer wurde. Zu Beginn ließ ich das Futter noch per Hubschrauber hochfliegen oder nahm drei Stunden Gehweg dafür in Kauf. Eine Straße hinauf gab es damals nicht. Diese ließ ich erst Jahre später um 250.000 Euro auf eigene Kosten errichten. In den ersten fünf Jahren war es allerdings eine “Phantomfütterung”, da bekam ich keinen einzigen Hirsch zu Gesicht.

Wie hast du es geschafft, dass die Tiere später zutraulicher wurden?

Ich gehe oder fahre 160 Tage im Winter zur selben Uhrzeit – manchmal auch zwei Mal täglich – zur Futterstelle. Hirsche sind sehr intelligent, sie lernen aus Erfahrungen und kommen in der Regel nur, wenn sie sich absolut sicher fühlen beziehungsweise vor Hunger sterben. Erst als ich mit ihnen zu sprechen begann, näherten sie sich mir an. Dabei durfte ich aber keine schnellen Bewegungen machen und musste immer am selben Platz verharren. Das Wild hat gelernt, dass wir Menschen gefährliche Feinde sind und ihnen nichts Gutes tun wollen. Im Laufe der Jahre bauten sie Vertrauen auf und ich konnte mit meiner Frau Rosina die Fütterung selber übernehmen. Pro Winter benötigen die Hirsche, Hirschkühe und Hirschkälber 150 Tonnen an Futter.

"Luna" hatte sichtlich Spaß bei der Buffet-Eröffnung. /SALZBURG24/Andonov “Luna” hatte sichtlich Spaß bei der Buffet-Eröffnung. Vor zwei Jahren war solch eine Zutraulichkeit “fremden Menschen” gegenüber undenkbar. /SALZBURG24/Andonov ©

Das kostet sicherlich alles eine Menge Zeit und Geld.

Den Aufwand nehme ich in Kauf, vor allem wenn ich in den acht Monaten von acht Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags meine Zeit in der idyllischen und unberührten Landschaft verbringen kann. Die Fütterung pro Winter kostet mich um die 30 bis 50.000 Euro. Was mich das gesamte Vorhaben an Geld gekostet hat, weiß ich nicht. Aus Eigenschutz habe ich nach einigen Jahren aufgehört zu rechnen. Aber es würde sich sicherlich neben unserem Hotel Weismayr auch ein zweites ausgehen. Auf das Geld kommt es mir weniger an, schade finde ich, dass es leider zu viele Feinde gibt.

Was genau meinst du damit?

Kollegen aus den Bundesforsten wollen meinem Vorhaben einen Riegel vorschieben und ein Exempel an mir statuieren. Sie behaupten, dass ich in die Ökologie eingreife und sich die Wildtiere zu stark vermehren würden. Wir Menschen haben den Lebensraum der Tiere schon genug beansprucht. Gäbe es keine Futterstellen, würde das Rotwild aussterben. So wie es im benachbarten Kobernaußerwald bei Ried in Oberösterreich der Fall war. Dort haben sie mit Verboten 50 Hirsche einer Population auf sage und schreibe 15.000 Hektarn ausgerottet.

Ist das auch bei uns in Salzburg zu erwarten?

Die Bundesforste und die Bezirkshauptmannschaft St. Johann versuchen alles, um die Futterstellen zu schließen. Rauris, Mittersill, Saalbach und Wagrain sind Hotspots, die mit gleichen Problemen zu kämpfen haben. Sie verfolgen gleiche Ziele und wollen durch kurzfristige Maßnahmen maximale Gewinne erzielen. Wir nennen sie daher die “Hypo Alpe Adria des Waldes”. Die Forstbehörde hat die BH so beeinflusst, dass Akten und Gutachten gefälscht wurden. Diesbezüglich wird es in naher Zukunft ein Gerichtsverfahren geben. Nach der Unterlassungsklage war dies ihr nächster Schritt. Ich lasse mich allerdings nicht unterkriegen. Ihr Vorhaben, ein Zeichen für ihre Unantastbarkeit zu setzen, wird ihnen nicht gelingen. Da die Tiere keinen Besitzer und Fürsprecher haben, sehe ich mich als Anwalt der Hirsche.

Erwartest du dir dabei Unterstützung aus der Politik oder Ähnliches?

Mich braucht eigentlich keiner unterstützen. Ich mache das aus freiem Willen und mit meinem eigenen Kapital. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich es toll finden, wenn sich der Landeshauptmann oder irgendjemand anderes für den Erhalt unseres Kulturguts einsetzen und unsere Interessen berücksichtigen würde. Beziehungsweise wäre eine Schnittstelle zwischen Jägern, Bundesforsten und Politik wünschenswert. Ansonsten sind wir komplett auf uns alleine gestellt. Ähnlich wie das Wild im Winter.

Über 150 Hirsche füttert Thomas Tscherne den gesamten Winter über - jedes hat einen eigenen Namen. /SALZBURG24/Andonov Über 150 Hirsche füttert Thomas Tscherne den gesamten Winter über – jeder hat einen eigenen Namen. /SALZBURG24/Andonov ©

Im Frühling, genauer gesagt ab Mai, startet die Jagdzeit in Salzburg. Erlegst du auch deine “eigenen” Hirsche?

Es ist unsere Pflicht als Jäger, den natürlichen Kreislauf intakt zu halten. Wenn wir die ethischen Richtlinien einhalten, ist alles in Ordnung. Nur so können wir Seuchenzüge, sozialen und psychischen Belastungen entgegenwirken. Die Jagd soll allerdings keinen heroischen Akt oder Triumph darstellen. Vielmehr ist es für mich ein Moment der Demut. Meine Lederhose stammt von einem von mir erlegten Tier. Meine Futterstelle ist allerdings eine komplett jagdfreie Zone. Das nehmen leider nicht alle Jäger so genau.

Wie hoch ist die Abschussliste für dein Jagdgebiet?

40 Jahre lang waren es zwei bis drei Hirsche. Ab 2015 wurde diese allerdings von den Bundesforsten um das zehnfache erhöht pro Jahr. Letztes Jahr habe ich eine Strafe in der Höhe von 2.500 Euro zahlen müssen, da ich sie nicht einhalten konnte. Ich werde weiter um den verbliebenen Platz der Tiere kämpfen, um ihnen ein Überleben im Winter gewährleisten zu können. Bis Oktober sind sie sowieso auf sich alleine gestellt. Da kommt kein Hirsch mehr zu uns.

Dann mögen deine Vorhaben in Erfüllung gehen. Vielen Dank für den besonderen Moment, Teil einer normalerweise verborgenen Welt gewesen zu sein.

Ich sage danke für den Besuch und wünsche dir ebenso alles Gute.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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