Hospizbegleiterin Lieselotte Jarolin im Sonntags-Talk: “Der Moment des Sterbens ist friedlich, nahezu heilig”

Akt.:
2Kommentare
Lieselotte Jarolin kümmert sich im Tageshospiz Kleingmain in der Stadt Salzburg um todkranke Menschen.
Lieselotte Jarolin kümmert sich im Tageshospiz Kleingmain in der Stadt Salzburg um todkranke Menschen. - © SALZBURG24/Berger
Der letzte Weg – auf diesen oft beschwerlichen Schritten steht die Salzburgerin Lieselotte Jarolin (70) seit nunmehr 25 Jahren als ehrenamtliche Begleiterin der Hospiz-Bewegung Sterbenden zur Seite. Im berührenden Sonntags-Talk schildert sie, wie das Schicksal einen Menschen verändern, der Moment des Todes aber dennoch ergreifend sein kann.





SALZBURG24: Der Tod ist untrennbar mit dem Leben verbunden. Dennoch gilt das Sterben als Tabuthema in unserer Gesellschaft. Sie kümmern sich seit rund 25 Jahren um sterbende Menschen in Salzburg. Was hat Sie dazu bewegt?

LIESELOTTE JAROLIN: Mich hat ein persönliches Erlebnis in diese Richtung geleitet. Mein Mann ist sehr früh und plötzlich bei einem Arbeitsunfall gestorben. Ich hatte keine Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden. Es hat mich sehr beschäftigt, dass ich ihm nicht Auf Wiedersehen sagen konnte. Er war von einen auf den anderen Moment einfach nicht mehr da. Über die Jahre habe ich gemerkt, ich möchte mich in diesem Bereich engagieren.

In Deutschland gab es damals bereits die Hospiz-Bewegung und als diese schließlich auch in Salzburg (im Jahr 1992, Anm.) Fuß fasste, war mir klar: Das ist etwas für mich. Es ist mir bis heute eine große Herzensangelegenheit, Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Das klingt sehr schön, wenn auch mit traurigem Hintergrund.

Ja, das stimmt. Aber beinahe jeder, der bei uns mitarbeitet, hat seine eigene, persönliche Geschichte, ob in der engsten Familie oder im Freundeskreis. Man denkt nach so einem Schicksalsschlag ganz anders über das Leben und auch über den Tod.

Ab wann beschäftigen sich Menschen mit ihrem eigenen Sterben?

Das ist ganz verschieden. Der Schritt ins Hospiz ist für viele allerdings eine große Hürde. Es heißt leider immer noch: „Du kannst ja nicht ins Hospiz gehen, da sterben die Leute bloß.“ Viele Besucher, die erst recht spät zu uns kommen, bereuen im Nachhinein meist, so lange gezögert zu haben. Unser Verein heißt nicht umsonst „Lebensbegleitung und Sterbebeistand“. Das Sterben an und für sich ist ja eine ganz kurze Zeit, doch der Lebensabend davor dauert viel länger an. Es ist von großem Wert, diese Zeit so autonom wie möglich leben zu können.

Wie schaffen Sie es, mit besonders tragischen Schicksalen umzugehen?

Nach einem Tag im Hospiz treffen wir uns im Schwesternzimmer und dann wird gefragt: „Wie gehst du nach Hause?“. Das gemeinsame Gespräch hilft, nicht alleine mit einer Situation umgehen zu müssen. Ich gehe im Anschluss aber gerne zu Fuß heim, um meine Gedanken ordnen zu können.

Es kommt auch immer darauf an, wen man gerade begleitet, inwiefern einen das selbst mitnimmt. Manchmal spürt man auch, dass man den heutigen Besucher das letzte Mal gesehen hat.

Gibt es Schicksale, mit denen man auch nach Wochen oder Monaten noch zu kämpfen hat?

Ja, gerade wenn man eine enge emotionale Verbindung aufbaut oder diese schon vorher mit den Menschen gehabt hat, weil man sie aus dem Leben vorher kennt.

Ich habe zum Beispiel einmal eine junge Mutter begleitet, die zwei kleine Kinder hatte. Das macht ganz etwas anderes mit einem. Danach habe ich über eine längere Zeit pausiert. Diese Zeit habe ich gebraucht, um zu verarbeiten. Man darf sein eigenes Seelenheil keinesfalls vergessen oder in den Hintergrund stellen.

Haben sich Ihre Ansichten zum Tod durch die Arbeit im Hospiz verändert?

Meine Ansicht zum Tod selbst hat sich nicht verändert, aber meine Achtsamkeit für das Leben und auch wie ich mit mir selbst umgehe. Man merkt recht schnell, wie filigran und zerbrechlich ein Leben ist. Durch eine ärztliche Diagnose kann es von einem Moment auf den anderen plötzlich ganz anders aussehen. Nichts ist mehr, wie es vorher war.

Man wird durch die Arbeit im Hospiz auch dankbarer. Man lebt mehr im Jetzt und lernt auch ein Stück Demut. Das ist zwar ein Wort, das man nicht gerne hört, doch es hat sehr viel mit Mut zu tun. Man macht sich bewusst, dass das Leben ein Geschenk ist und das Ende unweigerlich näher kommt.

Haben Sie selbst Angst vor dem Sterben?

Weniger Angst vorm Sterben an sich, auch wenn man nicht weiß, wie der Moment sein wird. Nur ich bin überzeugt, wenn ich heute eine endgültige Diagnose bekomme, habe ich genauso Angst.

Lieselotte Jarolin begleitet Menschen in ihren letzten Tagen./Bilderbox (Symbolbild) Lieselotte Jarolin begleitet Menschen in ihren letzten Tagen./Bilderbox (Symbolbild) ©

Wird kranken Menschen in Österreich ein würdevoller Tod ermöglicht oder braucht es andere Wege, wie etwa Sterbehilfe?

Die Entscheidung über Leben und Tod selbst zu treffen, finde ich vermessen. Wo fängt es an und wo hört es auf? Ich halte es für wichtig, dass die Hospizbewegung besser Fuß fasst. Man muss das wirklich erlebt haben, wie viel Lebensfreude Menschen trotz schlimmer Diagnosen noch fühlen können. Das Wichtigste ist für mich die Schmerzbekämpfung und die Symptomlinderung.

Wir wissen nicht, ob jemand noch Zeit braucht, Zeit um Abschied zu nehmen, Zeit um sich mit Dingen auseinandersetzen. Denn nach einer schlimmen Diagnose findet unweigerlich ein innerer Prozess statt und irgendwann kommt meist die Akzeptanz. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Ist diese Zeit sehr kurz, kann es schwer fallen, inneren Frieden zu finden.

Haben Sie in Ihrer Arbeit im Hospiz schon Menschen im Moment des Sterbens begleitet?

Ja, das war schon öfter der Fall. Es klingt vielleicht komisch, aber da herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Es hat dann so etwas Friedliches, nahezu Heiliges, wenn der Mensch gegangen und das Leben ausgehaucht ist.

Sie sehen während Ihrer Arbeit regelmäßig Angehörige und Freunde von Sterbenden. Wie gehen Menschen mit dem bevorstehenden Tod Ihrer Lieben um?

Unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, wie offen die Familie mit dem Sterbenden umgeht, und ob das Thema Tod überhaupt angesprochen wird. Natürlich tut es weh, aber ich halte es für wichtig, auch darüber zu reden. Beide Seiten wissen, dass der Tod naht, doch man schont sich. Das ist sehr schade. Vieles wird nicht ausgesprochen. Die Angehörigen bleiben dann oft mit Schuldgefühlen zurück. Gerade in der Trauerarbeit macht ihnen das dann zu schaffen.

Wir sind heute zudem sehr ritualarm geworden. Als ich Kind war, da sind die Leute über Wochen und Monate schwarz angezogen gewesen oder haben ein schwarzes Band am Arm getragen, um zu sagen: „Ich bin in Trauer“. Heute wird das alles versteckt. Es ist aber so wichtig, Trauer zu zeigen. Jeder hat dabei seine eigene Zeit. Man kann nicht verlangen: „Jetzt ist schon ein halbes Jahr vorbei. Reiß‘ dich zusammen!“. Oft kommt der richtige Schmerz erst nach Monaten, wenn man langsam in den Alltag zurückkehrt.

Möchten Sie den SALZBURG24-Usern noch etwas auf den Weg mitgeben?

Was ich in den letzten Jahren gelernt habe, ist, dass es besonders wichtig ist, seinen sogenannten Lebensrucksack regelmäßig auszupacken und sich die Frage stellen: Was trage ich mit mir mit? Was möchte ich im Leben erreichen? Aber auch: Was hindert mich? Womit möchte ich abschließen? Am Lebensende brauchen wir alle ganz wenig. Dem sollten wir uns bewusst sein.

Ein schönes Schlusswort! Liebe Frau Jarolin, herzlichen Dank für das persönliche Gespräch.

 

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- Arbeiter bei Unfall in der Sta... +++ - Föhnsturm fegt über Salzburg: ... +++ - Salzburgs neuer Bürgermeister ... +++ - Nach Bürgermeisterwahl: Neuord... +++ - dm mit Italien-Debüt: Shop in ... +++ - Pkw-Lenker kollidiert in der S... +++ - Tamsweg: Kraftfahrer verletzt ... +++ - Länder und Hauptstädte zunehme... +++ - Einbrecher verwüsten Dampferal... +++ - Drittes Gleis von Salzburg nac... +++ - Riesige Preisdifferenzen bei I... +++ - Fahrplanwechsel: Bahn hält jet... +++ - Kühe sorgen für Aufregung in S... +++ - Harald Preuner wird Salzburgs ... +++ - 17-Jähriger attackiert Busfahr... +++
2Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel