Islam-Smalltalk als Partykiller: “Geächtet” im Burgtheater

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Viel Applaus für die österreichische Erstaufführung
Viel Applaus für die österreichische Erstaufführung - © APA
Es gibt in Zeiten wie diesen kaum ein schlechteres Thema für eine Dinnerparty als den Islam. Vor allem, wenn einer der Anwesenden Muslim ist. Und erst recht, wenn man es mit lauter Intellektuellen zu tun hat. “Geächtet” von Ayad Akhtar gilt als das derzeit meistgespielte Theaterstück im englischen Sprachraum. Am Freitag feierte es seine österreichische Erstaufführung im Burgtheater.

Akhtar, selbst Sohn pakistanischer Einwanderer, leuchtet in seinen schnörkellosen, zielgerichteten Dialogen, die ihm den Pulitzer gebracht haben, den Islam-Diskurs in einer ebenso aufgeklärten wie aufgeschlossenen westlichen Gesellschaft als unentrinnbare Sackgasse aus, in der es zu erstarkenden Identitätsbekenntnissen, muslimischer Selbstbezichtigung und esoterischem Orientalismus keine echten Alternativen gibt.

Fabian Krüger ist Amir: muslimisch aufgewachsen, hat er sich von der Religion seiner Geburt losgesagt, ist erfolgreicher Anwalt in einer von jüdischen Partnern getragenen Kanzlei und mit der Künstlerin Emily (Katharina Lorenz) verheiratet, die ihrerseits gerade dabei ist, mit ihrer von uralter islamischer Kunst inspirierten Arbeit endlich zu reüssieren. Sie bekommen Besuch – er wichtiger Museumskurator und Jude (Nicholas Ofczarek), sie Arbeitskollegin aus der Kanzlei und Afroamerikanerin (Isabelle Redfern) – und der Abend entgleitet von ohnehin schon verlegenem Niveau in die maximale Beziehungsimplosion.

Ja, er habe einen Hauch von Stolz verspürt, als die Twin Towers einstürzten, gibt Amir irgendwann zu, als er nicht mehr weiß, wie er seinen liberalen, differenzierenden Gesprächspartnern, die von seinen Pauschalurteilen über die rückständige “muslimischen Seele” nichts hören wollen und lieber Rumi zitieren oder auf mögliche Übersetzungsfehler im Koran hinweisen, sonst vor Augen führen soll, wie tief er sitzt, der Hass und der Zorn “seiner” Leute.

“Geächtet” wurde viel und kontrovers diskutiert. Die einen reduzieren das Stück auf die harsche Islamkritik eines Muslimen, die auch einen gemäßigten, “westlichen” Islam mit Hinweis auf den Koran als Illusion wegwischt. Die anderen sehen eine Kritik des westlichen Islambildes, dem der Argwohn so tief eingeschrieben ist, dass “assimilierten” Muslimen nur die Wahl bleibt, ob sie die dadurch zugefügte Kränkung durch ein trotziges Bekenntnis zu ihrer muslimischen Identität kompensieren wollen, oder durch eine vehemente Abkehr davon.

Amir hat sich für die zweite Option entschieden – hat sogar seinen Namen geändert und vieles unternommen, um als Muslim unerkannt zu bleiben. “Du musst begreifen, dass die Welt da draußen nicht neutral ist – nicht für dich”, beschwört er seinen Neffen Abe. Gelungen ist ihm der Befreiungsschlag von seiner Identität freilich nicht – sie kehrt nur, mit leichter Verzögerung, als Bumerang mit umso größerer Wucht zurück. Und zerstört alles.

Tina Lanik hat “Geächtet” als nüchternes Konversationstheater inszeniert. Vor allem anfangs haben ihre Darsteller darin gewisse Rhythmusschwierigkeiten mit dem eindeutig zum Amerikanischen gehörenden Textduktus, der mitunter stolpernd und künstlich im Deutschen ankommt. Doch das legt sich. Auch die Überspanntheit, mit der Fabian Krüger und Katharina Lorenz schon vor dem eigentlichen Entfalten der Ereignisse agieren, bekommt mit zunehmendem Drama mehr Sinn. Vor allem Fabian Krügers Darstellung des Amir besticht durch rührende, abstoßende, nervös machende, sympathische Vielschichtigkeit. Nicholas Ofczarek brilliert mit subtiler Herablassung, Katharina Lorenz und Isabelle Redfern geben die sensible Künstlerin und die toughe Anwältin etwas schablonenhaft. Viel Applaus für ein kluges Stück am Nerv der Zeit.

SERVICE: “Geächtet” von Ayad Akhtar, Regie: Tina Lanik. Mit: Fabian Krüger, Katharina Lorenz, Nicholas Ofczarek, Isabelle Redfern und Christoph Radakovits. Weitere Termine am 27. und 30. November, sowie am 1., 10., 13., 21. und 27. Dezember. )

(APA)

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