Jüdisches Filmfestival Wien: Brückenbauer seit 25 Jahren

16 Filme waren bei der ersten Jüdischen Filmwoche im Oktober 1991 angesetzt. 25 Jahre später ist das Jüdische Filmfestival ein Fixpunkt im Wiener Festivalkalender und das Programm auf über 70 Filme und zahlreiche Rahmenveranstaltungen angewachsen. Die Notwendigkeit des cineastischen Brückenbaus unterstreicht gleich der Auftakt zur 17-tägigen Jubiläumsausgabe am Dienstag (15. November).

Zur Eröffnungsgala in der Urania, die zum Jubiläum gegen eine freie Spende ab 19 Euro erstmals nicht nur geladenen Gästen offen steht, ist die ungarische Philosophin Agnes Heller als Eröffnungsrednerin geladen. Widmet sie sich “Jüdischer Identität in Europa”, verhandeln gleich zwei Österreich-Premieren auf der Leinwand kritisch bzw. humorvoll den wachsenden Antisemitismus in Europa.

Im Kurzspielfilm “Et puis, la violence” lässt der in Wien anwesende Regisseur Jordan Goldnadel seine Protagonistin, die 22-jährige Jüdin Rebecca, über eine Emigration aus Frankreich nachdenken. Und in “Ils sont partout” inszeniert der in Israel geborene französische Regisseur Yvan Attal den französischen Komödienstar Benoit Poelvoorde als Yvan, der sich vom Antisemitismus bis in seine Träume verfolgt fühlt: Die erträumten stereotypen Situationen werden seinem Psychiater geschildert und von u.a. Charlotte Gainsbourg und Dany Boon in trocken-ironischen Episoden dargestellt.

Den Bogen von verschiedenen Facetten und Herausforderungen des aktuellen jüdischen Lebens in die Vergangenheit spannt das Jüdische Filmfestival gemeinsam mit dem Filmarchiv Austria. Anhand sogenannter “Vorbehaltsfilme” wird die audiovisuelle Sprache der NS-Propagandafilme analysiert und mit heutiger rechtspopulistischer Propaganda verglichen. Bei einer Podiumsdiskussion am 25. November im Metro Kinokulturhaus gehen u.a. die Historiker Fritz Hausjell und Helene Maimann der Frage nach, inwieweit damals gebräuchliche Medien zur Gewinnung neuer Anhänger heute kopiert werden.

Propaganda ist einer von gleich mehreren Themenschwerpunkten, die laut Programmheft “Brücken von der Vergangenheit in die Zukunft, Brücken zwischen Kulturen, Religionen, Generationen und Geschlechtern” schlagen sollen. So widmet man sich in den Festivalkinos Votiv, De France, Metro Kinokulturhaus und Gartenbau bis inklusive 1. Dezember weiters Diaspora und Shoah, Wasser als politischem Faktor, 60 Jahren politischer Beziehung von Israel und Österreich sowie jiddischer Musik. Anlässlich eines Vierteljahrhunderts Festivalgeschichte steht u.a. das legendäre Filmmusical “Yentl” (1983) mit Barbra Streisand auf dem Programm; in memoriam bekannter jüdischer Persönlichkeiten werden u.a. die Imre-Kertesz-Adaption “Fateless – Roman eines Schicksallosen” und der Klassiker “The Frisco Kid” (“Ein Rabbi im Wilden Westen”) mit Gene Wilder gezeigt.

Aktuelle Werke kommen vielfach aus Israel, aber auch aus Österreich, Deutschland, Griechenland oder der Ukraine. Mit “Vor der Morgenröte”, Maria Schraders Episodenfilm über die Exiljahre des jüdisch-österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, ist der österreichische Auslandsoscar-Kandidat noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen. Die deutsche Familienkomödie “Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut” geht selbstironisch mit jüdischen Klischees und Brauchtümern um, die Doku “Ha’mitnahkalim” über die Besiedelung des israelisch besetzten Westjordanlands wirft Fragen auf und der Kurzfilm “Joe’s Violin” (auf der Shortlist für den Kurzdokumentarfilm-Oscar!) erzählt die berührende Geschichte einer 70 Jahre alten Geige und ihres Besitzers, einem Holocaust-Überlebenden.

Jiddische Musik ist auch fernab der Leinwand erlebbar: Caroline Koczan und Florian Schäfer lassen mit “Hello Malkele” (19. November, 19 Uhr, Metro) die jiddische Revue wieder aufleben, der Ausnahmegeiger Aleksey Igudesman verbindet bei einem Konzert klassische Musik und Popkultur (28. November, 19 Uhr, Gartenbau) und das moldawische Duo Efim Chorny/Susan Ghergus bringt bei einem Gesangsworkshop Kindern und Erwachsenen berühmtes bzw. wiederentdecktes jiddisches Liedgut aus Kinofilmen bei (Sonntag, 20. November, 15 bis 18 Uhr, Zentrum im Werd). Ergänzt wird das Festival-Begleitprogramm mit Vorträgen, einer Lesung sowie einer Fotoausstellung des renommierten slowakisch-kanadischen Fotografen Yuri Dojc im Metro Kinokulturhaus.

(S E R V I C E – Jüdisches Filmfestival Wien, 15. November bis 1. Dezember. )

(APA)

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