“Lady Macbeth” als unterkühltes Psychogramm in Salzburg

Akt.:
Es geht um Sex und Lust
Es geht um Sex und Lust - © APA
Während Glamour-Salzburg der “Aida”-Premiere mit Anna Netrebko am Sonntag entgegenfiebert, ist in deren Windschatten dem Team der “Lady Macbeth von Mzensk” am Mittwochabend ein veritabler Glanzpunkt der Festspiele gelungen: Andreas Kriegenburg platziert Dmitri Schostakowitschs düsteres Psychogramm in einem monumentalen Bühnenbild, in dem Wagner-Sopran Nina Stemme ein umjubeltes Rollendebüt feiert.

Die 54-jährige Stemme singt ihre Katerina schnörkellos und beinahe vibratofrei – und spielt sie ebenso, ohne die wuchtigen Ausschläge der Gefühlsregungen. Ihre junge Figur wandelt beinahe wie eine Zuschauerin durch ihr Leben und ihren Abstieg ins Verderben. Dabei handelt es sich eigentlich bei dem 1934 entstandenen Werk um eines der sexuell aufgeladensten der Operngeschichte, in dessen Zentrum das Begehren einer jungen Frau steht – nicht in sinnlicher Weise, sondern aller Direktheit. Es geht um Sex und Lust, nicht um Romantik, um dunkle Wünsche und die Angst vor der emotionalen Leere, welche die mit einem desinteressierten, reichen Ehemann verheiratete Katerina in der kleinen Provinzstadt Mzensk dazu treibt, eine Affäre mit dem ungehobelten Arbeiter Sergej einzugehen und dafür ihren Gatten und ihren Schwiegervater zu ermorden.

In der Deutung von Andreas Kriegenburg ist “Lady Macbeth” jedoch kein vor Leidenschaft brodelndes Stück, sondern das kühle Psychogramm einer Frau, die zugleich Opfer und Täterin ist. Selbst der berühmte, von Schostakowitsch auskomponierte Sexualakt auf offener Bühne bleibt letztlich bewusst stilisiert, unterkühlt.

Überraschend konkret, beinahe naturalistisch präsentiert sich dabei das von Harald B. Thor verantwortete Bühnenbild, das ein postapokalyptisches und zugleich zeitloses Ambiente schafft, eine monumentale Betonszenerie zwischen sowjetischer Tristesse und Salzburger Festspielbezirk. Dabei gelingt das seltene Kunststück, die riesige Bühne des Großen Festspielhauses beinahe gänzlich auszufüllen – in der Höhe wie der Breite. Wenn dann aus den rohen Wänden im Industrialdesign auch noch zwei Seitenbühnen ausfahren, ist die Spielfläche voll.

Den vermeintlichen Naturalismus bricht Kriegenburg zugleich immer wieder mit klug eingesetzten Projektionen, die Katerinas traumwandlerische Episoden, ihre Dämonen und Tagträume versinnbildlichen, in dem sich die Wände in scheinbare Zeichnungen verwandeln, schwanken, die Konturen verlieren. Dies sind auch die einzigen Momente, in denen sich die dominanten Erdtöne der Szenerie ins Blaue verschieben. Ansonsten hebt sich einzig Katerina im farbigen Kleid von ihrer grauen Umgebung ab – bis sie nach ihrer Verurteilung zur Zwangsarbeit in Sibirien schließlich mit der Monochromie ihrer Umwelt verschmilzt. Der einzige Missgriff in dieser hochästhetischen Arbeit ist Katerinas letzter Mord mit anschließender Selbsttötung: Anstelle des Sprungs in die Wolga baumeln am Ende zwei billige Puppen am Galgen.

Das zynische, satirische Potenzial des Werks nutzt Kriegenburg hingegen nur, wenn dies von Schostakowitsch etwa mit der Figur des betrunkenen Entdeckers eines Mordopfers explizit und überdeutlich vorgesehen ist. Der deutsche Regisseur nimmt die ganze Tragik einer Welt ernst, in der die Frau von Gesellschaftswegen her vollkommen in der Gewalt des Mannes steht – sei es des Ehemannes oder des Schwiegervaters, letzterer grandios als schmieriges Ekel von Dmitry Ulyanov interpretiert. Da stellt auch der attraktive Proletarier Sergej als Liebhaber keine Ausnahme dar. Brandon Jovanovich ist hier mit schneidendem Bariton primär der rohe Gewaltmensch, ein hemmungs- und gefühlloser Weiberheld.

Ulyanov und Jovanovich feierten mit ihrer Leistung am gestrigen Abend ihr Salzburg-Debüt – und waren dabei nicht die Einzigen: Auch der 74-jährige Altmeister Mariss Jansons war erstmals in Salzburg am Pult einer Oper zu hören. Dabei führte der Lette die Wiener Philharmoniker zu einem transparenten, schneidend metallischen Klang analog zur Atmosphäre des Stücks und ließ jegliche Basswärme beiseite. Dafür konnte er sich am Ende wie die übrigen Beteiligten die verdienten, lang anhaltenden Lobpreisungen des Publikums abholen. So fiel nach der klirrenden Kälte der Stückinterpretation immerhin der Applaus warm aus.

(APA)

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