Landesfeuerwehrkommandant Leopold Winter im Sonntags-Talk: “Wertschätzung nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in der Gesetzgebung”

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Leopold Winter ist seit acht Jahren Landesfeuerwehrkommandant.
Leopold Winter ist seit acht Jahren Landesfeuerwehrkommandant. - © LMZ/Neumayr/MMV, LFV Salzburg/Hollaus
Leopold Winter ist seit über acht Jahren Landesfeuerwehrkommandant in Salzburg, seine Feuerwehrkarriere begann aber bereits vor knapp 40 Jahren beim Löschzug Thumersbach in Zell am See (Pinzgau). Im Sonntags-Talk spricht der 59-Jährige über das Freiwilligensystem in Österreich und wie man es als Feuerwehrmann schafft, mit tragischen Einsätzen umzugehen.




SALZBURG24: Rund drei Millionen Menschen in Österreich sind in ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig. Was macht das heimische Freiwilligensystem ihrer Ansicht nach so besonders?

LEOPOLD WINTER: Wir haben ein Freiwilligensystem, das nahezu weltweit einzigartig ist. Durch die Feuerwehren und Löschzüge in jeder Gemeinde sind wir in Salzburg sehr schlagkräftig und schnell vor Ort. Und betrachtet man die letzten Hochwasserereignisse, bei denen Großarl komplett abgeschlossen war. Wären in der Gemeinde keine Feuerwehrleute gewesen, hätte niemand helfen können.

Man kann da schon sagen: Österreich lebt von seinem Ehrenamt – egal ob Feuerwehr, Rotes Kreuz, Berg-, Höhlen- oder Wasserrettung. In diesem System arbeiten die Leute sehr effizient auf höchstem Ausbildungsniveau und das äußerst kostengünstig. Denn Personalkosten braucht niemand zu bezahlen.

Allein die Freiwilligen Feuerwehren leisten in Österreich im Jahr über eine Million Stunden. Da kann man schon zum Überlegen anfangen, was ist so eine Arbeitsstunde wert? Oder ein anderer Ansatz: Was sind die Menschenleben wert, die durch den Einsatz ehrenamtlicher Helfer gerettet werden?

Braucht es hier Vergünstigungen, wie etwa Pensionsanrechnung oder Ähnliches?

Die eine Sache ist die gesellschaftliche Anerkennung. Die ehrenamtlich Tätigen sollen meiner Ansicht nach aber auch konkrete Benefits haben. Einer unserer Vorschläge war zum Beispiel, für zehn Jahre aktive Mitgliedschaft ein paar Monate für die Pension angerechnet zu bekommen. Es muss natürlich auch eine entsprechende Absicherung über eine Versicherung geben. Wir haben auch jahrelang für eine kostenlose Hepatitis-Impfung gekämpft. Die jetzige Lösung ist für uns aber immer noch nicht zufriedenstellend.

Es sollten des Weiteren nicht nur die Freiwilligen selbst, sondern auch deren Dienstgeber entschädigt werden. Eine Forderung war hier, wenn ein Arbeitgeber einen Mitarbeiter in einen Katastropheneinsatz schickt, dann sollte dieser pro Tag bezahlter Freistellung einen gewissen Betrag steuerlich absetzen können.

Während meiner bisher achtjährigen Dienstzeit hat sich hier punktuell etwas getan, aber in vielen Fällen sind wir noch weit entfernt von einer Lösung. Da ist aus meiner Sicht vor allem die Bundespolitik gefordert. Die Wertschätzung soll nicht nur in Worten bei Sonntagsreden übermittelt werden, sondern auch in der Gesetzgebung sichtbar sein.

Wie viele aktive Mitglieder haben die Salzburger Feuerwehren denn derzeit?

In Summe haben wir in Salzburg aktuell 16.500 Mitglieder, davon sind rund 10.000 Aktive, die im Ausbildungs- und Einsatzdienst stehen. Dazu kommen noch einmal rund 200 Kameraden von der Berufsfeuerwehr in der Stadt Salzburg sowie den Betriebsfeuerwehren im Land. Und an die 1.000 Burschen und Mädchen in den Jugendfeuerwehrgruppen.

Immer wieder ist von einem Nachwuchsproblem die Rede, die Feuerwehr St. Johann suchte heuer mit einem Video nach neuen Mitgliedern. Warum glauben Sie, fällt es schwer, Nachwuchs zu finden?

Da gibt es verschiedene Gründe. Es besteht auf jeden Fall ein gewisses Stadt-Land-Gefälle. Je größer die Gemeinde, desto weniger Mitglieder sind prozentuell bei der Feuerwehr oder den Vereinen insgesamt. Ein Punkt dabei ist natürlich das Angebot an anderen Freizeitmöglichkeiten.

Unser Zugang, um Nachwuchs zu finden, geht am ehesten über die Mundpropaganda. In vielen Fällen, geraden in kleineren Gemeinden, sind bereits mehrere Familienmitglieder aktiv. Da ist dann der Schritt für die Söhne und Töchter oft ein leichter. Auch bei der Feuerwehrjugend funktioniert es meist über die Gruppendynamik. Es ist selten, dass ein Kind alleine kommt. Meist meldet sich ein ganzer Freundeskreis gleichzeitig.

Punktuell haben wir aber mit Nachwuchsproblemen wirklich zu kämpfen, das ist schon richtig. Es gibt Gemeinden, da ist es vor allem unter Tags akut. Vor Ort gibt es wenige Arbeitsplätze und so pendeln die Feuerwehrmitglieder wo anders hin. Im Einsatzfall müssen dann die Nachbarwehren mitalarmiert werden. So können wir Engpässe bei Notfällen vermeiden.

Wäre es für Sie eine Option das sogenannte „Pensionsalter“ für Feuerwehrleute von derzeit 65 Jahren anzuheben, um die Knappheit tagsüber zu überbrücken?

Da sind wir bereits dabei. Im neuen Feuerwehrgesetz soll das Höchstalter für Aktive auf 70 Jahre erhöht werden, denn gerade die Älteren haben ein großes Know-how, sind bereits in der Pension und somit untertags zuhause. Und die heutigen Ü-60er sind in vielen Fällen noch absolut fit. Bei den Funktionären wird die Altersgrenze aber bei 65 Jahren bleiben. Auch ich als Landesfeuerwehrkommandant muss dann spätestens aufhören. Überalterung wollen wir klar vermeiden.

Was wir auch noch in einem gewissen Maß ändern, ist die Regelung, dass ein Feuerwehrler nur in einem Ort Mitglied sein kann. Grundsätzlich bleibt sie, aber zukünftig soll jemand der beispielsweise in Fusch wohnt und dort bei der Feuerwehr ist, aber in Zell am See arbeitet, auch mit der dortigen Feuerwehr ausrücken dürfen. Voraussetzung ist, dass sich beide Ortsfeuerwehrkommandanten einig sind. Da die Ausbildung standardisiert ist, ist jeder in Salzburg auf dem gleichen Stand und so kann das auch ortsübergreifend funktionieren.

Frauen sind bei der Feuerwehr immer noch in der Minderheit. Warum glauben Sie, ist das so?

Aktuell haben wir ca. 400 aktive Feuerwehrfrauen in Salzburg, das sind etwa vier Prozent. Bei der Feuerwehrjugend liegt der Anteil bereits bei 18 Prozent. Es steigt sukzessive an.

Als ich meine Feuerwehrkarriere begonnen habe, hat es bei uns schon Funkerinnen gegeben. Heute sind die Frauen im Dienst voll integriert. Und das ist gut so! Sollte eine Frau einmal Probleme haben, mehrere Schläuche einen Berg hinaufzutragen, wird ihr natürlich von den Kameraden geholfen. Aber auch nicht alle Männer schaffen das allein.

Sie selbst sind im Jahr 1978 der Freiwilligen Feuerwehr beigetreten. Warum haben Sie sich damals dazu entschieden, ihre Freizeit einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu widmen?

Ich war während meiner Schulzeit in der Handelsakademie bei verschiedenen Vereinen aktiv. Die Feuerwehr hat mich aber immer schon begeistert, zum einen weil man die Möglichkeit hat, anderen zu helfen, andererseits habe ich es als Junger mit Kameradschaft und Geselligkeit verbunden.

Das Faszinierende ist, dass man generationsübergreifend zusammenarbeitet. Man findet es nur selten, dass ein 15-jähriger Jugendlicher mit einem 60-Jährigen beieinander sitzt, diskutiert und Erfahrungen austauscht. Aber auch die verschiedenen Berufsgruppen finden zusammen, ob Hilfsarbeiter oder Geschäftsführer, bei der Feuerwehr ist das Nebensache. So entsteht ein eigener Feuerwehr-Freundeskreis über das Alter und die sozialen Schichten hinweg. Das finde ich toll.

Man hat zudem die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln, egal ob eben auf sozialer Ebene oder im technischen Bereich.

Gab es auch Momente, an denen sie bereut haben, zur Feuerwehr gegangen zu sein?

In Frage gestellt habe ich meinen Entschluss zur Feuerwehr zu gehen sicher nie, weil das keine Entscheidung ist, die du heute spontan triffst und morgen widerrufst.  Es hat aber in der langen Zeit, nächstes Jahr sind es bereits 40 Jahre, sicherlich Momente gegeben, in denen ich dachte, so habe ich das nicht erwartet. Das sind aber keine Situationen, in den etwas nicht funktioniert oder schief läuft, sondern eher, wenn du bei Einsätzen von den persönlichen Schicksalen betroffen bist.

Du kommst zu einem Unfall und plötzlich merkst du, dass das ein guter Bekannter von dir ist, oder sogar ein Freund. Manchmal enden diese Unfälle auch tödlich. In meiner Funktion als Ortsfeuerwehrkommandant in Zell am See musste ich einen Kameraden zu Grabe tragen und dort die Grabrede halten. Das sind für mich persönlich Momente, die in meiner Erinnerung an die Feuerwehr eher bedrückend sind.

Ein Schlüsselerlebnis war für mich auch die Katastrophe von Kaprun. Ich war fünf Tage lang an vorderer Stelle im Einsatz. Wenn du dort die menschlichen Tragödien mitbekommst, es sind auch Bekannte von mir dabei gewesen, dann sind das sicherlich Momente, die du lieber nicht erlebt hättest. Aber auch das gehört irgendwie dazu.

In Kaprun standen im November 2000 unzählige Helfer tagelang im Dauereinsatz. 155 Menschen starben bei der Katastrophe./APA/Robert Jäger/Archiv In Kaprun standen im November 2000 unzählige Helfer tagelang im Dauereinsatz. 155 Menschen starben bei der Katastrophe./APA/Robert Jäger/Archiv ©

Feuerwehrleute sind oft die Ersten, die nach einem Unfall vor Ort eintreffen. Sie müssen auch bei Bränden entscheiden, ob es für die Kameraden sicher genug ist, das Objekt zu betreten – auch wenn sich noch Personen darin befinden. Wie wird feuerwehrintern mit der psychologischen Nachsorge umgegangen?

Grundsätzlich ist es so, dass jeder, der zur Feuerwehr geht, in der Ausbildung zuerst einmal das Grundgerüst erhält. Im Landesfeuerwehrverband gibt es in den verschiedensten Bereichen Lehrgänge, angefangen von der Grundausbildung, Atemschutz und Funk. Es gibt auch weiterführende Ausbildungen im technischen Bereich und für Führungsfunktionen.

Die Leute werden von Anfang an damit konfrontiert, wie man mit negativen Ereignissen umgehen kann. Am besten hilft es aber, wenn man nach einem tragischen Einsatz das Geschehene in der Kameradschaft durchbespricht. Seit vielen Jahren haben wir in Salzburg auch ein sogenanntes Peer-System installiert, das sind speziell ausgebildete Kameraden, die im Bedarfsfall einzelnen Leuten zur Seite stehen – nicht als Fachkräfte, sondern eher auf freundschaftlich-kameradschaftlicher Ebene.

Die Herausforderung ist natürlich, dass jeder, der im Bereich der Feuerwehr tätig ist, egal in welcher Funktion, eine sehr hohe Verantwortung trägt. Man muss schnell vor Ort sein, um Hilfe zu leisten, soll aber auch abwägen, um seine Kameraden sicher hinzubringen. Entscheidungen werden in Sekundenschnelle getroffen, nebenbei müssen auch die Einsatzabläufe tadellos sitzen.

Da gibt es natürlich Entscheidungen, die in der Nachbetrachtung, wenn jemand nach Tagen kommt und sagt, die Feuerwehr hat schlecht gearbeitet oder die haben einen Fehler gemacht, ganz anders erscheinen, weil erst dann Zeit zur genaueren Betrachtung ist.

Wie lange beschäftigen einen solche Einsätze? Kann bzw. muss man damit irgendwann abschließen oder bleiben diese Eindrücke für immer?

Das ist schwer zu beantworten, ich kann es nur für mich persönlich sagen. Im Einsatz selbst ist es eher so, dass man die Dinge pragmatisch abarbeitet. Da baut man sogar eine sprichwörtliche Wand auf und sagt sich, ich lasse mich nicht von persönlichen, subjektiven Emotionen leiten. Da schaut man einfach, dass man die Dinge mit bestem Wissen und Gewissen erledigt. Erst in der Nachbetrachtung, ich nenne jetzt wieder Kaprun, laufen diese Ereignisse im Kopf immer wieder durch. Auch jetzt gerade im Gespräch kommen dazu wieder gewisse Eindrücke hoch und man baut eine Verbindung dazu auf. Solche Sachen bewusst oder unbewusst aus dem Gedächtnis zu streichen, funktioniert bei mir persönlich nicht. Die gravierenden Ereignisse sind gespeichert. Mit der Zeit bekommt man dazu aber einen gewissen Abstand. Man fragt sich nicht mehr, was wäre wenn, sondern kann es aus einer gewissen Entfernung betrachten. Ganz abschließen kann ich für mich damit nicht. Das ist im Endeffekt wirklich von der Persönlichkeit abhängig.

Lieber Herr Winter, wir sagen vielen Dank für das persönliche Gespräch!

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

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