Lukas Müller im Sonntags-Talk: “Der Sport verlängert mein Leben”

Von Aleksandar Andonov
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Ex-Skispringer Lukas Müller im bewegenden Sonntags-Talk.
Ex-Skispringer Lukas Müller im bewegenden Sonntags-Talk. - © APA/Hans Punz/Barbara Gindl/SALZBURG24/Andonov
Der im Jänner beim Skifliegen am Kulm schwer verunglückte Skispringer Lukas Müller befindet sich auf dem Weg in ein eigenständiges Leben. Wir haben den querschnittsgelähmten Wahlsalzburger zum Sonntags-Talk getroffen und mit ihm über seine Genesungsfortschritte, die Probleme im Alltag und seinen großen Traum gesprochen.




Turbulentes Jahr für Lukas Müller? Der ehemalige Skispringer sitzt seit seinem Sturz mit inkompletter Querschnittslähmung im Rollstuhl. Doch der 24-Jährige nahm sein Schicksal gleich von Beginn weg an, versuchte in jeder noch so schweren Situation das Beste daraus zu machen.

SALZBURG24: Luki, nach deiner folgeschweren Verletzung hast du immer wieder Kämpferherz und Durchhaltevermögen bewiesen. Wie haben sich deine Prioritäten zu früher geändert?

LUKAS MÜLLER: Die Reha in Bad Häring galt als Vorbereitung in den Alltag, obwohl die richtigen Herausforderungen erst zu Hause ersichtlich wurden. Des Öfteren musste ich meine Kreativität und Improvisationskünste unter Beweis stellen um das Erlernte anzuwenden. Es tauchen immer wieder  – für andere unsichtbare – Probleme wie zum Beispiel Harnwegsinfektionen und Fieber durch Überhitzung auf. Man kann einen Querschnittsgelähmten durchaus mit einem Baby vergleichen.

Wie selbstständig bist du mittlerweile? Welche alltäglichen Aufgaben bereiten dir Probleme?

Trotz der momentan noch großen Herausforderungen ist es mein Ziel, so selbstständig wie möglich zu werden. Lästig wird es, wenn einfache Sachen drei Mal so lange dauern wie früher. Ganz simple Dinge wie Türen öffnen wurden plötzlich zur Challenge. Ich bin sehr oft auf jemanden angewiesen, versuche allerdings so viel wie möglich alleine zu meistern. Wenn einem dann noch Steine in den Weg gelegt werden, wird es umso schwerer.

Was genau meinst du damit?

Die einzig wirklich schlimme Geschichte, die mir in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich mit einem Salzburger Taxiunternehmen. Als ich vom St. Leonharder Kirtag heimfahren wollte, wurde ich vom Taxifahrer abgelehnt. Der Fahrzeuglenker und auch später die Geschäftsführung haben mit dann mitgeteilt, dass sie nicht verpflichtet sind, Rollstuhlfahrer mitzunehmen. Eine Frechheit, dass es in der heutigen Zeit noch zu solchen Diskriminierungen kommt. Ansonsten gab es keine vergleichbaren Vorfälle…

Erste „kleine“ Erfolge sind auf deinen sozialen Kanälen bereits sichtbar. Wie sehen deine Genesungsfortschritte momentan aus? Besteht laut aktuellem Stand Hoffnung auf weitere Verbesserungen?

Mit dem Verlauf bin ich soweit zufrieden. Ich kann kurze Strecken selbständig gehen, aber es lassen sich keine Prognosen diesbezüglich erstellen. Mir ist es jedoch bewusst, dass ich das ganze Leben im Rollstuhl verbringen könnte. Jetzt geht es darum, so viele Muskeln wie möglich wieder zu aktivieren. Irgendwo gibt es einen Weg, ich weiß aber nicht was sich hinter der Ecke befindet.

Wie schaut deine Therapie im Detail aus?

Eigentlich kann jeder Tag als Reha bezeichnet werden. Gezielt absolviere ich zwei Mal pro Woche Physiotherpaie in Rif und ein Mal Hippotherapie, eine Form des Therapeutischen Reitens für Erkrankungen des zentralen Nervensystems, des Stütz- und Bewegungsapparats. Diese drei Einheiten sind vor allem mental brutal anstrengend. Nur durch 100-prozentiger Willenskraft ist es mir möglich, sie durchzuziehen. Danach brauche ich immer zwei Tage Ruhe, um die Akkus wieder aufzuladen. Auch Mentaltrainings mit Biofeedback und Entspannungsreisen stehen ab und zu auf dem Programm.

Wie lange wird dieser Plan durchgezogen? Kommt auch in naher Zukunft was Neues dazu?

Ich werde im Frühjahr eine Zweitreha mit dem Schwerpunkt Neurorehabilitation absolvieren.

Da fallen ja enorme Kosten an? Wie lässt sich das finanzieren?

Da gibt es noch einige Probleme. Der Fall liegt seit August bei der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt). Es wurde noch nicht geklärt, ob es sich in Kulm um einen Arbeitsunfall gehandelt hat. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es sich nicht um einen privaten Unfall handelt. Das würde einen enormen Unterschied bei der Übernahme der Heilkosten ausmachen. Nicht vorzustellen, wenn er nicht als Arbeitsunfall durchgeht.

Auf einer Reise: Lukas Müller hat das Fliegen noch nicht verlernt. ©

Beschäftigst du dich anderweitig auch noch mit Sport?

Kürzlich habe ich Rollstuhl-Rugby für mich entdeckt und habe sogar schon bei den Staatsmeisterschaften teilgenommen. Man kann es sich wie Autodromfahren mit einem Ball vorstellen – eine riesen Gaudi! Ein Highlight war der Gipfelsturm mit dem Rollstuhl auf das Rossfeld. Da wurde mir erneut bewusst, dass es keine Limits gibt. Im Allgemeinen sollte sich jeder Mensch mit seinem Körper beschäftigen. Denn Sport verlängert nachweislich das Leben, und ich glaube, das ist doch das Ziel von uns allen.

Aus deinem Fanlager und der Gesellschaft hast du sehr viel Zuspruch erhalten. Wie viel Kraft geben dir solche Nachrichten?

Die aufmunternden und ermutigenden Worte waren wie Balsam für die Seele. Vor allem meine Familie, meine Freundin und die Skisprung-Kollegen, die in den Gedanken mehr bei mir waren als beim Springen, standen immer hinter mir. Besonders gerührt hat mich die Nachricht von Stefan Kraft. Ihn habe ich dann als einer der Ersten kontaktiert. Bei dem Fanlager möchte ich mich auf diesem Wege ebenfalls recht herzlich bedanken. Der Zuspruch tut wirklich enorm gut.

Siehst du dich persönlich als Vorbild für andere Personen mit schweren Schicksalsschlägen?

Ob ich als Vorbild gelte, kann ich nicht beurteilen. Ich versuche stets den Menschen in meiner Umgebung daran zu erinnern, dass es viele Leute schlimmer erwischt hat und man auch nach Schicksalsschlägen wieder positiv ins Leben gehen kann. Da ich auch nach dem Unfall in der Öffentlichkeit stehe, möchte ich die Gelegenheit nützen und den Leuten etwas zurückgeben. Das von Hubert Neuper organisierte Charity-Event der GTM-Trophy brachte eine höhere Summe ein, als ein behindertengerchtes Auto für mich kosten würde. Im Rahmen meines Reha-Aufenthalts habe ich Florian Lechner, einen Salzburger Bergsteiger, der nach seiner Querschnittslähmung auch noch einen Schicksalsschlag im nahen Umfeld verkraften musste, kennengelernt. Da bei der Benefizveranstaltung der Erlös in unerwarteter Höhe ausfiel, habe ich mich entschlossen das Geld an Florian weiterzugeben.

Thomas Geierspichler und Kira Grünberg haben ähnliche Schicksale hinter sich. Auch du bist – wie die Beiden – als Frohnatur bekannt. Fällst du nicht ab und zu in ein „Loch“?

Natürlich gibt es Tage, an denen es mich anzipft und ich Krämpfe und Appetitlosigkeit verspüre. Jedoch ist das kein Dauerzustand, da ich mein Schicksal von Beginn weg angenommen habe. Ich bin einfach nur froh, den Sturz überlebt zu haben. Wie bereits erwähnt, kann ich durch die Rückendeckung meiner Familie und Freunde nicht in das “berühmte Loch” fallen. 

Du besuchst deine Kollegen ab und zu auf der Schanze. Was für ein Gefühl entwickelt sich da bei dir?

Bei jedem Treffen entsteht eine gegenseitige Freude am Wiedersehen. Ich bin gerne auf der Schanze und schaue ihnen beim Training zu. Bei den österreichischen Meisterschaften im vergangenen Monat wollte ich unbedingt springen. Das Verlangen danach war davor noch nie so groß wie zu diesem Zeitpunkt. Da hat einfach von Wetter und Stimmung alles gepasst. 

Du hast dir jetzt eine neue Wohnung in Salzburg gesucht. Was schätzt du besonders an deiner Wahlheimat?

Die zentrale Lage in Rif, wo ich im Studentenwohnheim lebe, ist hervorragend. Außerdem hat Salzburg unglaublich schöne Berge und Seen. Es ist ein Geschenk, solch eine schöne Natur genießen zu dürfen. 

Gibt es bestimmte Lieblingsplätze in Salzburg, an denen du am liebsten deinen Akku auflädst?

Ich bin gerne in den Bergen Salzburgs unterwegs. Der Schlenken und der Gaisberg haben es mir besonders angetan.

Lass uns in die Zukunft schauen: Wo siehst du dich in drei Jahren?

Ich habe schon ein wenig vorgesorgt und bin geprüfter Wertpapiervermittler. Momentan mache ich in Wels die Finanzausbildung. Wie meine berufliche Zukunft genau aussehen wird, ist noch unklar. Momentan intensiviert sich die Zusammenarbeit mit meinem ehemaligen Sponsor Manner, was daraus wird, stellt sich erst heraus. Fest steht nur, dass ich mal als Sprungtrainer arbeiten will. Dieses Feuer brennt noch immer in mir.

Welchen Traum würdest du dir gerne noch persönlich erfüllen?

Einer meiner größten Wünsche ist es, meinen zwölf Jahre älteren Bruder in Australien zu besuchen. Vier Tage nach meinem Unfall stand er bei mir auf der Intensivstation – jetzt will ich mal zu ihm!

Lieber Luki, alles Gute für deine Zukunft! Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss noch ein flottes Entweder-Oder:

Imbiss oder Fünf-Sterne-Lokal? Hmm. Eher Imbiss.

Lederhose oder Anzug? Schwierig. Bin mit beiden viel unterwegs. Ich entscheide mich für die Lederhose, weil sie einfacher zum Anziehen ist.

Frühaufsteher oder Langschläfer? Langschläfer

Süß oder Sauer? Süß

Bar oder mit Karte? Karte

Buch oder E-Book? Buch

Strand oder Berg? Strand, da ich den Sand gerne mag.

Bier oder Wein? Bier

Blond oder brünett? Definitiv blond.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

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