Leben mit Aids: “Es ist kein Honiglecken”

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Aids ist zwar kein Todesurteil mehr, verändert das Leben aber radikal (Symbolbild)
Aids ist zwar kein Todesurteil mehr, verändert das Leben aber radikal (Symbolbild) - © APA/GEORG HOCHMUTH
Etwa 400 Menschen im Bundesland sind laut Aidshilfe HIV-positiv, die Dunkelziffer liegt wohl höher. Einer davon ist Gerhard Raxendorfer. Der Salzburger lebt mittlerweile seit 20 Jahren mit Aids. Sein Leben hat sich durch die Infektion radikal verändert. Er erzählt von Vorurteilen, der Liebe und, welche Erlebnisse er trotz der Krankheit nicht missen möchte.




Gerhard Raxendorfer geht ganz offen mit seiner Krankheit um. “Ich wollte mich nicht mehr verstecken. Und mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als ich mich geoutet habe”, schildert der 55-Jährige im Gespräch mit SALZBURG24. Angesteckt hatte er sich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit seiner damaligen Freundin, die selbst HIV-positiv war. Die Diagnose war ein Schock, die eigene Reaktion hat Raxendorfer überrascht. “Wenn man fünf Jahre mit einer HIV-positiven Partnerin zusammen ist, ist man ja dementsprechend informiert. In dem Moment war das aber so irrelevant”, erinnert er sich.

Berufliches Outing war “Todesurteil”

Die unmittelbaren Auswirkungen der Krankheit spürte er im Arbeitsleben und in der Gesellschaft. Raxendorfer war als Koch in der Gastronomie tätig, durch die Krankheit wurde er unvermittelbar. “Es herrschte Panik, dass ich mich in den Finger schneide und Hunderte Menschen anstecke”, erklärt der 55-Jährige. Da er damals schon in Therapie war und der Virus unter der Nachweisgrenze, wäre das laut ihm aber gar nicht möglich gewesen. Das berufliche Outing war ein “Todesurteil”, rückblickend würde er das nicht mehr machen.

Auch Freunde haben sich abgewandt. Viele sähen die Krankheit nicht als chronische Erkrankung, sondern etwas, an dem man selbst Schuld sei: “Natürlich war ich selbst Schuld, keine Frage, aber ich will trotzdem mit Respekt behandelt werden.”

“Glaubt nicht, wie schwach man wird”

Als Aids dann neun Jahre später ausbrach, haben sich die körperlichen Symptome bemerkbar gemacht. “Man glaubt nicht, wie schwach man wird, wenn Aids ausbricht. Ich hatte nur mehr 60 Kilo, habe 20 Stunden am Tag geschlafen”, sagt er. Auch die Nebenwirkung bekam er zu spüren: Kopfschmerzen, chronische Durchfälle, Schweißausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten. Seinen Job konnte er nicht mehr machen, er ging in Frühpension: “Der soziale Abstieg ist schnell gegangen. Mir wäre es lieber, ich könnte arbeiten gehen, mit der Mindestpension musst du wirklich schauen, dass du über die Runden kommst.

“Fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse”

Während dem Gespräch verliert er hin und wieder den Faden, sich zu konzentrieren fällt ihm schwer. Doch Jammern liegt ihm nicht, Vorurteilen und Diskriminierung begegnet er mittlerweile mit Sarkasmus: “Da musst du drüberstehen.” Raxendorfer erzählt seine Geschichte ruhig und sachlich, zündet sich im schattigen Gastgarten eine Zigarette an. Was denn die größte Einbuße sei, die er durch die Krankheit erfahren hat? “Die Liebe. Ich bin ein Beziehungsmensch und wünsche mir eine Partnerin auf Augenhöhe”, erklärt er. Die letzte Beziehung hielt drei Jahre.

Aids würde viele Menschen immer noch verschrecken: “Die Leute sind zwar aufgeklärt, richtig glauben tun sie es aber noch nicht”. Die Vorurteile halten sich hartnäckig, immer noch gebe es Menschen, die ihm nicht die Hand geben wollen. Auch Ärzte würden offen eine Betreuung verweigern. “Man fühlt sich dann ein bisschen wie ein Mensch zweiter Klasse”, weiß der 55-Jährige.

“Ich kann mich an Kleinigkeiten erfreuen”

Damit ihm in der Pension nicht langweilig wird, engagiert er sich bei der Salzburger Aidshilfe, war mit einem Aufklärungsprojekt auch drei Jahre in Tansania. Dort hat er gemeinsam mit einem befreundeten Arzt ein Dschungelkrankenhaus aufgebaut. Das Afrika-Projekt zählt zu jenen wenigen Dingen, die er ohne seine Erkrankung nicht gemacht hätte und die er auch nicht missen möchte. Dazu gehört ebenso seine neue Lebenseinstellung. “Ich kann mich an Kleinigkeiten erfreuen, die sieht jemand anders wahrscheinlich gar nicht. Ich bin letztens aus meinem Haus gegangen, da hat sich ein 70-jähriges Paar einen innigen Kuss gegeben. Mein ganzer Tag war gerettet”, erzählt er und lacht. Kraft geben ihm auch die Natur und seine Haustiere.

“Nicht so deppert sein wie ich”

Mit der Krankheit könne man zwar relativ “normal” leben, sie sei kein Todesurteil mehr, aber auch kein “Honiglecken”. Jenen, die gerade die Diagnose HIV-positiv erhalten haben könne er nur das mit auf den Weg geben, was ihm selbst geholfen habe: Mit anderen Betroffenen reden. “Man darf auch ruhig in eine Selbstmitleidskrise fallen, diese Phase darf aber nicht zu lange dauern, sonst kommt man da nicht mehr raus.” Wichtig sei auch umfassende Information und sich sofort behandeln zu lassen.

Abschließend rät er jedem: “Nicht so deppert sein wie ich. Lieber ein Kondom zu viel, als eines zu wenig.”

 

Hilfe, Beratung und anonyme Tests bietet die Aidshilfe Salzburg an. Infos zum Thema Aids und HIV findet ihr auch HIER.

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