Morde im Jugoslawienkrieg nicht immer ethnische Säuberung

Ist es im Jugoslawienkrieg zu ethnischer Säuberung gekommen? Der Buchautor und Historiker Andrej Zgonjanin sieht das nur teilweise verwirklicht, der Menschenrechtler Manfred Nowak glaubt hingegen an einen Masterplan zur ethnischen Säuberung, zeigte sich in einer Diskussion anlässlich der Buchpräsentation über den Umgang mit Kriegsverbrechen in Exjugoslawien am Dienstagabend in Wien.

“Ich habe vor allem Mordübergriffe untersucht und wie die Generäle der jugoslawischen Armee auf diese reagiert haben”, sagte Zgonjanin bei seinem Vortrag am Juridicum. Morde, Plünderungen und Brandstiftungen seien oft verübt worden, um die Flucht der Bevölkerung zu befördern. Oder es habe sich um einen Racheakt der paramilitärischen Einheiten gehandelt, welche hohe Verluste erlebt hätten. Wie im Fall von Vukovar habe es nicht unbedingt einen “Masterplan” in Form einer ethnischen Säuberung gegeben. “Vukovar ist ein Idealfall der Vergangenheitsbewältigung. In einem 600-seitigen Bericht ist alles aufgeklärt und dokumentiert”, so Zgonjanin.

“Es klingt, als wäre das ein normaler Krieg, in dem man sich einfach anschauen kann, wer wofür verantwortlich war. Das war im Fall von Exjugoslawien nicht der Fall”, betonte hingegen Manfred Nowak, Jurist und Leiter des Ludwig Boltzmann Institutes für Menschenrechte. “Die jugoslawischen Kriege waren ein Mittel zum klaren Ziel – ethnische Säuberung, und zwar auf allen Seiten. Da waren viele Akteure miteinbezogen”, erläuterte Nowak. Vukovar war aus seiner Sicht ein klares Beispiel der ethnischen Säuberung. “Die Jugoslawische Armee hat mit paramilitärischen Einheiten zusammengearbeitet und hat dann versucht, die Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschlichkeit abzuwälzen”, so Nowak.

Zgonjanin hat sich in seinem Werk um Ausgewogenheit bemüht, wie er versicherte. “In Medien wurde so oft und so viel über serbische Verbrechen berichtet. Ich wollte nicht nur auf das fokussieren.” Untersucht wurde die Verantwortung eines kroatischen und von drei serbisch-jugoslawischen Generälen. Auf Nowaks Frage, warum im Buch keine bosniakischen Generäle unter die Lupe genommen wurden, erklärte Zgonjanin: “Ich bin davon ausgegangen, dass dort eine vollkommene Straflosigkeit geherrscht hat und das wäre nicht interessant für die Forschung.”

Das Buch “Der Umgang mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien 1991-1999” behandelt drei Fälle aus den jugoslawischen Kriegen: Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Vukovar, in der Krajina und im Kosovo. Das Buch ist auf öffentlich zugänglichen Archiven des internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) aufgebaut.

(APA)

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