Motorrad-Abenteurer Joe Pichler im Sonntags-Talk: “Ich bin nie weggefahren, weil es mir daheim nicht gefällt”

Von Florian Gann
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Von seinen Reisen hat Joe Pichler jede Menge spannender Geschichten auf Lager.
Von seinen Reisen hat Joe Pichler jede Menge spannender Geschichten auf Lager. - © Joe Pichler
Vor mehr als 30 Jahren packte Joe Pichler das Reisefieber. Seither hat er 320.000 Kilometer auf seinen Motorrädern zurückgelegt und dabei fast die ganze Welt bereist. Ende November wartet das nächste Abenteuer. Im Sonntags-Talk spricht der Elixhausener über das besondere Gefühl am Bike die Welt zu bereisen und was Salzburger von Menschen aus anderen Ländern lernen können.




Um die 60 Vorträge macht Joe Pichler jedes Jahr über seine Motorradabenteuer. Genug, um mittlerweile davon leben zu können. Nebenbei unterstützt der 56-Jährige auch private Hilfsprojekte, um den Leuten in den bereisten Ländern etwas zurückzugeben. Anfang Dezember schwingt er sich wieder auf seine KTM und reist mit seiner Frau Renate durch Mittelamerika. Warum er sich auf jede Reise freut und trotzdem nie aus Salzburg wegziehen würde, lest ihr in diesem Sonntags-Talk.

SALZBURG24: Dich zieht es immer wieder in die Ferne. Kannst du das Gefühl beschreiben, wenn du daheim auf das Motorrad steigst und weißt, du bist jetzt ein paar Monate unterwegs?

JOE PICHLER: Wenn du da unten (vor der Haustür) startest und sagst, jetzt steigen wir auf und fahren zum Beispiel nach Indien, das ist eigentlich nicht zu beschreiben. Das ist ein Hochgefühl, ich möchte nicht sagen unverwundbar, aber du denkst dir, was kann mir eigentlich passieren. Du machst was du willst in dem Moment – was gibt es Schöneres!?

Was sind die Höhepunkte deiner Reisekarriere?

Das ist schwer bis unmöglich zu beantworten. Ich unterscheide zwischen zwei Arten. Das eine sind Landschaften. Da ist mit Sicherheit die Sahara eine der Ecken, die für mich genial ist. Vom Gefühl her bist du winzig. Wenn du dort am Abend die Landschaft vor dir hast, und im Umkreis von 300 Kilometern hast du wahrscheinlich 15 Menschen, das ist schon spannend.

Auf der anderen Seite sind die Begegnungen mit den Menschen. Eine Geschichte war im Amazonasgebiet. Es gibt nur noch ganz wenige Indios dort. Du brauchst eine Genehmigung, damit du überhaupt hin darfst. Mit einer kleinen Propellermaschine sind wir nach Krikretum. Dort war gerade ein Fest mit 700 Indios, die drei Tage lang gefeiert haben. Außer einem Missionar und einer Lehrerin war kein einziger Weißer dort. Diese Kraft, die von den Leuten dort ausgeht: Das ist ein Wahnsinn, wenn du das miterleben darfst.

Es gibt sicher auch ein paar Tiefschläge, wenn man so lange unterwegs ist. Was sind da die Momente, die dir in Erinnerung geblieben sind?

Extrem wenig muss ich Gott sei Dank sagen. Die meisten sind schon lange her. Zum Beispiel hat es mich in der Sahara zwei Mal überschlagen. Einmal war ich komplett allein unterwegs, ungefähr 300 Kilometer liegen dort zwischen den Ortschaften. Ich hatte ein paar Schürfwunden und war ein bisschen verspannt, konnte aber immer mit dem Motorrad weiterfahren. Mir hat Gott sei Dank noch nie jemand ein Gewehr ins Gesicht gehalten und mir ist auch noch nie etwas Wertvolles gestohlen worden.

In Nordkenia habe ich ein neues Malaria-Mittel probiert. Da bin ich mit dem Motorrad gestürzt, weil ich nicht mehr fahren konnte. Ich habe mich dann vor das Motorrad hingelegt und mich kurz ausgeruht, und bin sieben Stunde später um Mitternacht wieder aufgewacht. Aufgrund der Medikamente war ich psychisch total hinüber. Wenn ich da eine Verletzung gehabt hätte und der Kopf sagt ich will nicht mehr… Da hat’s mir einen leichten Schock gegeben.

Einige Eindrücke aus Pichlers letzter Reise von Salzburg nach Indien.


Dann würde ich gerne ganz zurück gehen. Wie bist du zum Motorradfahren und -reisen gekommen?

Das ist eine ganz eigene Geschichte. Mein Bruder hat sich 1983 eingebildet er muss sich ein Motorrad kaufen. Er ist dann draufgekommen, dass er studiert und eigentlich kein Geld dafür hat, hatte es aber schon bestellt. Ich habe es dann gekauft. Damals bin ich mit dem Motorrad, gemeinsam mit Freunden, im Sommer nach Italien gefahren, bis nach Neapel. Wir hatten eine Landkarte dabei, auf der ganz Italien und das Mittelmeer drauf war und der Norden von Afrika. Irgendwo am Weg nach Neapel hab ich gesagt: Einmal im Leben mit dem Motorrad nach Casablanca fahren, so Humphrey-Bogart-mäßig und so, das wär’ eine coole “Gschicht”.

1984, ein Jahr drauf, hab ich meinen Job aufgegeben und bin rund um das Mittelmeer gefahren. Da war ich total gut drauf, ich war vier Monate weg und fühlte mich als Hero of the day. Irgendwo in Algerien triffst du aber Leute, die fahren nach Mali, Kamerun, Südafrika. Und du denkst dir, verdammt, die fahren da runter und ich muss heim.

Als ich dann zurückgekommen bin und wieder gearbeitet habe – ich war damals in einem Ingenieurs-Büro – habe ich die ganze Zeit dran gedacht. Bei jeder Zeitung mit einem Afrikaner drauf, die ich gesehen habe, hab’ ich mir gesagt, da muss ich einfach hin. 1986 habe ich dann komplett gekündigt, die Wohnung und alles aufgegeben, und bin dann 13 Monate komplett rund um die Welt gefahren. Danach kamen die ersten Vorträge, noch im kleinsten Rahmen im Gasthaus in Ramingstein (im Lungau, Anm).

So nach drei Jahren bin ich dann wieder für drei Monate mit dem zusammengesparten Urlaub weggefahren. So habe ich alle Kontinente bereist. Irgendwann ist das mit den Vorträgen mehr geworden. Seit 2002 leben wir von dem Vortragsgeschäft.

Wie viele Bikes hast du in deiner Karriere verschlissen?

Ich schätze elf oder zwölf Motorräder. Ich bin irgendwas in der Gegend von 320.000 Kilometern außerhalb Europas gefahren. Das kannst mit vier oder fünf Motorrädern auch machen, da brauchst du keine elf.

Gibt es einen Flecken Erde wo du noch nie warst und noch unbedingt hinmusst?

Momentan wo wir hinfahren. Ich war noch nie in Zentralamerika (die Reise startet im Dezember, Anm.)

Und dann ist die Weltkarte abgedeckt?

Nein, nein. Es gibt ein paar Ecken. Aber was mich nicht besonders interessiert, ist zum Beispiel Nordamerika. Es gibt aber schon noch andere Plätze, wo ich gern noch hinmöchte oder schon dort war und wieder hinmöchte. Vieles ist aufgrund der politischen und sicherheitstechnischen Lage aber gerade nicht möglich.

Deine Mittelamerika-Reise ist nur grob geplant. Bist du immer ohne genauen Plan unterwegs?

Immer! Wenn du zu viel planst, nimmst du dir die Freiheit des Reisens. Deswegen plane ich nur die Hauptgeschichte, wichtige Termine wie einen Flug oder was ich mir anschauen möchte. Aber ob ich überhaupt hinkomme, das ergibt sich alles erst. Du triffst unterwegs ja viele Leute. Manchmal kriegst du in irgendeiner Kneipe Infos, dass es wo anders viel besser wäre. Und dann fährst du dort hin. Wenn du vorher alles geplant hast, geht sich das nicht aus.

Deine Frau ist auf deinen Reisen meistens dabei. Was für eine Rolle spielt sie?

Renate ist die beste Sozia der Welt! Und sie macht sämtliche Bilder, bei denen ich mit dem Motorrad fahre, die gäbe es sonst ja nicht. Und sie macht den Großteil der Videoaufnahmen.

Der Beziehung schaden die Monate auf engstem Raum nicht?

Es kommen immer wieder Punkte an denen sie sagt, sie fliegt zwischendurch mal heim (lacht). Theoretisch, praktisch ist das aber noch nie passiert.

Gibt es einen Ort, von dem du dir vorstellen könntest dort zu bleiben?

Nein, definitiv nicht. Ich hab mir wirklich genug angeschaut mittlerweile, und es gibt genug Ecken, wo ich gerne wieder hinfahre. Aber ich bin nie weggefahren, weil es mir hier nicht gefällt. Der Alltag holt dich überall ein. Den hast du hier wie dort, mit allen Vor- und Nachteilen. Und wenn du dir hier den Alltag nicht richten kannst, wie du willst, warum sollst du ihn dir dann anderswo richten können.

Die Mischung aus ‘heiler Welt’, die wir bei uns noch haben, mit einem funktionierenden Sozialsystem, mit einer intakten Natur, da musst schon lange schauen, bis du das findest.

Unterwegs dreht Pichler gerne mal ein bisschen fester am Gashahn./Joe Pichler Unterwegs dreht Pichler gerne mal ein bisschen fester am Gashahn./Joe Pichler ©

Gibt es Dinge, die man sich in Salzburg von Leuten aus anderen Teilen der Welt abschauen kann?

Absolut. Das ist eine gewisse Gelassenheit. Ich merke schon, wenn ich von so einer Reise zurückkomme, dass sich die Leute viel zu wichtig nehmen.

Und eine Offenheit anderen gegenüber. So ein bissl ein Kastldenken haben wir schon. Und wenn du das nicht hast, das macht das Leben schon leichter.

Hast du einen Lieblingsort in Salzburg, wo du richtig abschalten kannst?

Im Sommer bin ich normalerweise ziemlich viel im Büro. Dann setze ich mich auf das Rad, fahre nach Seekirchen und eine Runde um den Wallersee, und da gibt es hinten das Wenger Moor. Das ist ein Traum. Wenn du von Neumarkt in Richtung Zell fährst, da hast du den Blick auf das Moor, auf den Wallersee, hinten siehst du den Watzmann und den Untersberg. Dort komme ich total runter. Und im Winter gehe ich gerne Skifahren.

Ich mag auch die Stadt am Morgen gerne. Samstag in der Früh gehe ich ins Bazar, und um acht oder halb neun gehe ich durch die Altstadt, wenn sie munter wird.

Dann sind wir fast am Ende. Ich hätte noch ein paar Entweder-Oder-Fragen für dich.

Wann nicht mit dem Motorrad reisen, dann Auto oder Fahrrad? Puh. Das ist eine gemeine Frage. Ich hab mir schon überlegt, dass das Fahrrad cool wäre, aber es wäre dann doch eher das Auto.

Bier oder Wein? Beides. Auf Reisen eher Bier, weil der Wein meistens nicht gut ist.

Fleisch oder Gemüse? Fleisch, da brauch ich nicht nachdenken.

Berg oder Meer? Berg.

Straßenküche oder Fünf-Sterne-Restaurant? Straßenküche.

Buch oder E-Book? Buch.

Lederhose oder Anzug? Eigentlich weder noch. Aber ich habe mir gerade eine Lederhose gekauft. Also doch eher Lederhose.

Rock oder Schlagermusik? Schlager muss ich nicht haben. Ich bin aber auch nicht der typische Rocker.

Frühaufsteher oder Langschläfer? Langschläfer.

Süß oder sauer? Süß.

KTM oder BMW? KTM, gibt es keine Alternative momentan dazu.

 

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