“Name: Sophie Scholl” im Wiener Landesgericht

Akt.:
Am Nationalfeiertag geht die Ausstellung “175 Jahre Gerichtsbarkeit in der Josefstadt” im lokalen Bezirksmuseum mit mehreren Veranstaltungen ins Finale, doch im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts wird einige Tage später ein neues Kapitel aufgeschlagen: Am 29. Oktober feiert das Stück “Name: Sophie Scholl” von Rike Reiniger im Grauen Haus seine Uraufführung.


Seit Langem interessiert sich die Menschenrechtlerin Anna Müller-Funk für die Themen NS-Verbrechen und Erinnerungskultur, mit dem Theaterkollektiv werk89 und in Kooperation mit dem Dschungel Wien hat sie nun einen Weg gefunden, den Stoff an (junge) Menschen heranzutragen. Wie sie im Interview mit der APA wenige Tage vor der Premiere erzählt, war Landesgerichtspräsident Friedrich Forsthuber der ideale Partner für die Realisierung ihrer Idee. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass das Stück rund um eine Jus-Studentin, die ausgerechnet den selben Namen wie die berühmte deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl trägt, im Großen Schwurgerichtssaal stattfinden kann. “Beim Bau des Saals hat man sich bewusst die klassische Antike zum Vorbild genommen”, so Forsthuber. “Er hat etwas Bühnenhaftes.”

“Was würden wir machen, wenn wir in Sophie Scholls Rolle wären?” – Diese Frage nimmt die deutsche Autorin Rike Reiniger zum Ausgangspunkt des Auftragswerks, das “nicht bloß aus einer Collage historischer Dokumente besteht”, so Regisseurin Melika Ramic, sondern mithilfe einer heutigen Figur in einer Konfliktsituation “eine Reibung” mit der historischen Heldin erzielen will. “Es ist für uns eine Art Versuchsanordnung, ein Experiment”. Wichtig ist den Macherinnen von “Name: Sophie Scholl”, die beiden Frauen nicht miteinander vergleichen zu wollen. Während Sophie Scholl 1943 vom NS-Regime hingerichtet wurde, nachdem sie als Urheberin von zum Widerstand aufrufenden Flugblättern entdeckt worden war, geht es bei der Sophie Scholl im Jahr 2014 um den Zwiespalt zwischen einer moralischen und einer karrieretechnischen Entscheidung.

Im Schwurgerichtssaal wartet sie als Zeugin auf ihre Befragung zu einem Betrugsfall in Zusammenhang mit Prüfungsfragen für die Abschlussprüfung an der Uni. Sie könnte die Sekretärin, der die Weitergabe der Fragen unterstellt wird, entlasten. Dann aber kann sie – unter dem Druck des schuldigen Professors sowie zahlreicher Studienkollegen – ihren Abschluss mit Auszeichnung und das folgende Leben als gut bezahlte Staatsanwältin vergessen. Ihr Name ist ihr dabei eine Bürde. Kann man als Sophie Scholl eine ausschließlich eigensinnige Entscheidung treffen und vor Gericht die Aussage verweigern?

Die Architektur des Stückes ermöglicht es, den inneren Konflikt mithilfe von Rückblenden auf die Vorgeschichte sowie Schlaglichter auf Lebensstationen der historischen Sophie Scholl zuzuspitzen. “Das Stück besteht aus mehreren Blöcken, in denen sich die Gedanken der Jus-Studentin mit Szenen aus dem Leben der historischen Sophie abwechseln”, erklärt Ramic. Gespielt werden alle Figuren des Stücks von Suse Lichtenberger. “Das, was sie aus diesem Namen lernt, ist die Auseinandersetzung mit sich selbst”, so Lichtenberger, die noch einmal betont, dass die beiden Schicksale nicht verglichen werden. “Vielmehr geht es uns um zivilcouragiertes Handeln, einen aufrechten Gang”.

Das Stück selbst sei absichtlich nicht lokal verortbar, so Müller-Funk. Sophie Scholl wurde in München hingerichtet, derselbe Henker habe unter anderem auch in Wien Todesurteile vollstreckt. Im Wiener Landesgericht waren es zwischen 1938 und 1945 insgesamt 1.200. An sie erinnert die im Herzen des Landesgerichts befindliche “Weihstätte”, die durch eine kleine Ausstellung zu Einzelschicksalen der hier ermordeten Menschen ergänzt ist. Sie kann am Nationalfeiertag im Rahmen einer Führung durch das Landesgericht besichtigt werden. Um 17 Uhr wird der Große Schwurgerichtssaal für einen Vortrag zu “175 Jahren Rechtsentwicklung in Österreich” geöffnet. Danach gehört der Saal ab dem 29. Oktober für sechs Vorstellungen der Erinnerung an Sophie Scholl.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- E-Auto-Ladestationen und schne... +++ - Schädliches Babyspielzeug: Sec... +++ - Kinderspielzeug: Bei Kugelbahn... +++ - Nach Leichenfund in Mattsee: K... +++ - Schussattentat in Ungarn: Verl... +++ - Weihnachtsbaum-Vergleich: Prei... +++ - So geht die perfekte Rettungsg... +++ - Weiße Weihnachten 2017: So ste... +++ - Neue Krampuspass in Berndorf m... +++ - Bereits 30.000 Unterstützer fü... +++ - Wetter: Föhnsturm sorgt in Sal... +++ - Autoeinbrecher schlagen mehrma... +++ - Föhnsturm: Baum stürzt in St. ... +++ - Mann durch Blechdach schwer ve... +++ - Föhn: Baum stürzt auf Auto +++
0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen