Nationalrats-Wahlkampf geht ins Finale: So kommentiert die internationale Presse

Ist das Rennen um den Kanzler-Posten schon entschieden?
Ist das Rennen um den Kanzler-Posten schon entschieden? - © APA/HERBERT NEUBAUER
Der Wahlkampf geht ins Finale. Am Abend treffen die Spitzenkandidaten der Parlamentsparteien zum letzten Mal in einer Elefantenrunde aufeinander. Aber auch in internationalen Pressekommentaren war der Wahlkampf in Österreich am Donnerstag Thema. Ein Überblick.

Rund 50 TV-Diskussionen hat es in diesem Wahlkampf auf ORF und den österreichischen Privatsendern gegeben. Heute Abend, um 20.15 Uhr geht die letzte über die Bühne. Diesmal sind alle fünf Spitzenkandidaten der Parlamentsparteien geladen: Matthias Strolz (Neos), Ulrike Lunacek (Grüne), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Sebastian Kurz (ÖVP) und Christian Kern (SPÖ) und haben zum letzten Mal die Chance ihre Wahlargumente den Wählern am TV-Gerät zu vermitteln. Claudia Reiterer und Tarek Leitner moderieren die Diskussion.

Internationale Pressestimmen zum Wahlkampf in Österreich

Seit Tagen beschäftigt sich auch die internationale Presse den Wahlkampf in Österreich. Dabei ist etwa vom „Wunderkind Kurz“ die Rede, der „zu den zehn Leadern der nächsten Generation zählt“. Mit großer Skepsis und wird mögliche Koalition zwischen ÖVP und FPÖ kommentiert.

  “Il Giornale” (Mailand):

“Jung, schön und konservativ: Österreich liegt Kaiser Kurz zu Füßen. Vergessen Sie Emmanuel Macron: Mit 39 Jahren ist er schon alt. Das neue Wunderkind der europäischen Politik ist Sebastian Kurz. (…) Für die schläfrige österreichische Politik wird seine Wahl zum Kanzler ein beträchtlicher Ruck werden. Wechsel ist der Slogan, um den sich Kurz’ ganze Wahlkampagne gedreht hat. Und Wechsel bedeutet den Abschied von der Großen Koalition aus ÖVP und SPÖ, die jahrzehntelang Österreich beherrscht hat. (…)

Kurz’ Sieg und eine mögliche Allianz mit der FPÖ würden in der EU eine neue Situation schaffen: Erstmals würde eine euroskeptische Partei die Regierung übernehmen. In diesem Fall hätten die österreichischen Falken, die heute schon besonders streng sind, wenn es um die Wirtschaftspolitik der südeuropäischen Ländern geht, keine Bremsen mehr”.

 “Il Fatto Quotidiano” (Rom):

“Das Wunderkind Kurz siegt in den Umfragen, indem es rechts Wählerstimmen stiehlt. Es gibt Leute, die mit 27 Jahren noch nicht das Universitätsstudium beendet haben oder auf Beschäftigungssuche sind. Sebastian Kurz war mit 27 Jahren schon Außenminister. Und jetzt könnte er mit 31 Jahren zum jüngsten Kanzler Österreichs werden. Kurz, der laut ‘Time’ zu den zehn Leadern der nächsten Generation zählt, hat schon einen Fuß am Ballhausplatz. (…) Kurz hofft auf das Bundeskanzleramt dank einer Wahlkampagne, bei der er den Rivalen auf der rechten Seite Themen wie Migration und bessere Grenzkontrollen entzogen hat”.

“La Stampa” (Turin):

In wenigen Monaten hat Kurz die ÖVP wieder vom dritten auf den stabilen ersten Platz unter den österreichischen Parteien geführt. Sollte er bis Sonntag keine eklatanten Fehler machen, wird er zum jüngsten Premier der Welt avancieren. An die Spitze Österreichs wird sehr wahrscheinlich ein blutjunger Konservativer, ein willensstarker Politiker gelangen, der das Heer an die EU-Grenzen schicken und die Flüchtlinge abschieben will. Er verspricht die Pensionierung der Großen Koalition mit den Sozialdemokraten. In Sachen Migranten teilt er die Grundidee der populistischen FPÖ und zwar die Einwanderung auf Null zu drücken. Nur Kurz’ Töne sind weicher”.

 “Haaretz” (Tel Aviv):

“Als Ironie der Geschichte findet in Österreich ein neuer politischer Wettbewerb statt: Wer ist der mutigste Anti-Antisemit. Während des derzeitigen Wahlkampfes haben alle österreichischen Politiker versichert, wie sehr sie die jüdische Gemeinde in Österreich schätzen. Vergangenen Sonntagabend hat Sebastian Kurz, der Chef der vor kurzem reformierten Mitte-Rechts-Partei Neue Volkspartei, Heinz-Christian Strache, Chef der rechtsstehenden populistischen FPÖ aufgefordert, ein klares Statement gegen jede Form von Antisemitismus in seiner Partei abzugeben. Strache tat das vorbehaltlos, vor hunderttausenden Sehern im österreichischen Fernsehen. Ein Schritt, der vor 30 Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. (…) Auch wenn die Wahlen vorüber sind, kann man optimistisch sein, dass das Nutzen von Antisemitismus als politische Waffe in der österreichischen Politik auch weiterhin auf dem Rückzug sein wird. Das ermöglicht eine weitere Normalisierung des jüdischen Lebens in Österreich und eine noch weitergehende Annäherung in den bereits engen Beziehungen zwischen Österreich und Israel.”

“Frankfurter Neue Presse”:

“Falls es so kommt, will sich Österreich von einem 31-jährigen einstigen Jura-Studenten ohne Abschluss regieren lassen, der – wie vor einem Monat der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß schrieb – ‘sein ganzes junges Leben als Erwachsener nichts anderes gewesen ist als Politiker’. Unterstützen soll ihn einer mit umfangreich dokumentierter mindestens Nähe zur Neonazi-Szene als junger Erwachsener. ‘Interessiert niemanden mehr’, finden die Österreicher. Was heißen soll: Das ist Schmutz von gestern. (…)

Die Schlacht der ‘Slim-Fit-Warrior’ – der jugendlichen Krieger Kurz und Kern mit den schlanken, fitten, perfekten Körpern, auf die vor allem Österreichs Jugend abfährt, wie das Meinungsforschungsinstitut T-Factory im Sommer herausfand – tobt klar unter allen Gürtellinien. Es gäbe – wie in Deutschland – genug wirklich wichtige Themen: Steuern, Bildung, Wirtschaft, Arbeitsplätze. Diskutiert wird der Dreck. Und – wie in Deutschland – die Ausländer- und Flüchtlingspolitik”

(SALZBURg24/APA)

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