ÖFB-Kapitän Baumgartlinger: “Ich bin kein Lautsprecher”

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Der gebürtige Mattseer stellte sich den Fragen.
Der gebürtige Mattseer stellte sich den Fragen. - © APA/ROBERT JAEGER
Der Kapitän ist wieder mit an Bord. Die ersten beiden Länderspiele des Jahres hatte Julian Baumgartlinger wegen einer Sperre und einer Verletzung versäumt. Im so wichtigen WM-Qualifikationsspiel in Irland bestreitet der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen am 11. Juni seine 54. Partie für Österreich.

Längst ist der 29-jährige Salzburger in eine Führungsrolle geschlüpft. Mit der APA – Austria Presse Agentur sprach Baumgartlinger vor der Teamzusammenkunft in Stegersbach über seine diplomatischen Fähigkeiten, die Schnelllebigkeit im Fußball und die zuletzt ungewohnt scharfen Worte von Teamchef Marcel Koller.

APA: Sie haben mit Leverkusen eine schwierige Saison hinter sich. Mit welchem Gefühl rückt man da für ein so wichtiges Spiel beim Nationalteam ein?

Baumgartlinger: “Das Jahr war tatsächlich nicht einfach – für die Mannschaft nicht, aber auch für mich persönlich nicht. Die Situation war für mich neu. Aber ich habe jetzt fast alles gespielt. Ich komme fit und in Form. Die Qualifikationsspiele im Sommer sind immer wichtig, das haben wir in den letzten Jahren gesehen, gegen Russland oder Schweden. Das waren pikante Duelle – und besonders jetzt gegen Irland.”

Teamchef Marcel Koller hat zuletzt sehr deutlich die Bedeutung des Spiels und den Wert, Nationalspieler zu sein, hervorgehoben. Die Aussagen haben einige Wellen geschlagen. Wie ist das bei Ihnen angekommen?

“Für mich ist das nichts Neues. Das Spiel ist sowieso wichtig. Dass ich gerne Nationalspieler bin, ist auch klar. Für mich steht das alles nicht infrage. Ich möchte da nicht zu viel interpretieren. Er wird seine Worte weise gewählt haben. Dass es gewisse Wellen schlägt, ist normal. Wenn ein Teamchef etwas sagt, hat das Gewicht. Dessen ist er sich sicher bewusst gewesen.”

Wie würden Sie allgemein Ihre Beziehung zum Teamchef beschreiben? Als Kapitän ist man ja doch oft so etwas wie ein verlängerter Arm.

“Wir kommunizieren natürlich mehr, auch in Fragen abseits des Platzes, wenn er meine Meinung braucht. Ich bespreche mich aber auch mit anderen Spielern wie beispielsweise Marc Janko, Sebastian Prödl oder Robert Almer. Wir versuchen immer, das im Team zu lösen. Dass die Kommunikation intensiviert wird, ist mir wichtig gewesen.”

Wie interpretieren Sie gerade in Phasen, in denen es vielleicht nicht so gut läuft, die Aufgabe des Kapitäns? Wo beginnt Ihr Handlungsspielraum, wo endet er?

“Meine Devise ist es, meine Rolle als Kapitän in guten wie schlechten Zeiten gleich auszuüben. Ich will mit Leistung und Einstellung vorangehen und meinen Mitspielern die Unterstützung geben, die es braucht. Ich bin kein Lautsprecher. Ich bin nicht der, der versucht, mit gekünstelten Gesprächen etwas zu erzwingen. Trotzdem ist Kommunikation das Um und Auf. Mit den Leuten einen guten Draht zu haben, hilft.”

Würden Sie sich als diplomatisch bezeichnen?

“Absolut. Ein bisschen Diplomatie schadet nie. Es gibt auch Dinge, die man einmal in einem ungezwungenen Gespräch klären kann. Es muss nicht immer alles in bedeutungsschwangeren Sätzen passieren. Oft ist ein kleiner Tipp von der Seite, von jemandem, von dem du eine hohe Meinung hast, so viel mehr wert als leere Phrasen. Deswegen halte ich es so: lieber mehr Inhalt und weniger Show.”

Das Team muss in Irland zahlreiche Ausfälle kompensieren. Wie soll das gelingen?

“Der Vorteil in unserem Kader ist, dass wir auf die Kontinuität der letzten Jahre bauen können. Die meisten Spieler kennen das Konzept und den Fußball, den der Trainer fordert. Die Qualität im Kader ist sehr hoch. Dazu kommen neue Jungs, die uns bereichern können. Wir haben es schon öfter geschafft, Ausfälle zu kompensieren. Ich bin auch diesmal zuversichtlich.”

Das Spiel gilt als richtungsweisend, wie es mit der Nationalmannschaft in naher Zukunft weitergeht. Halten Sie diese öffentliche Wahrnehmung für übertrieben?

“Uns ist bewusst, wie wichtig das Spiel ist. Vor dem Heimspiel gegen Moldau (2:0) hat es aber schon dieselbe Überschrift gegeben. Man muss ein bisschen die Balance finden. Man darf nicht nur alles auf dieses Spiel ausrichten, sonst läuft man Gefahr, den Blick für das große Ganze zu verlieren. Es geht auch darum, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wir haben im vergangenen Herbst gesehen, wie eng die Ergebnisse in unserer Gruppe waren.”

Im Fußball kann es sehr schnell gehen. Rapid zum Beispiel könnte mit nur einem einzigen Sieg im Cupfinale eine verpatzte Saison retten und alles ist gut. Ist diese Schnelllebigkeit Fluch oder Segen?

“Es ist beides zugleich. Es gibt Phasen, da funktioniert alles. Wir haben das in der vergangenen EM-Quali gesehen. Dann ist es bei der EM nicht gelaufen und alles, was davor gewesen ist, war vergessen. Im Vereinsfußball ist es vielleicht noch dankbarer, da kann man Scharten oft schneller wieder auswetzen.”

Sie sind seit Jänner Vater. Inwiefern hat das Ihre Sicht auf gewisse Dinge verändert?

“Es hat das Leben verändert – aber rein ins Positive. Die Prioritäten haben sich verschoben, Dinge im Beruf und Privaten relativieren sich. Das heißt aber nicht, dass ich mich jetzt nicht mehr ärgere, wenn ich ein Trainingsspiel verliere.”

Ändert sich so etwas nie?

“Nein, ich bin ein furchtbarer Verlierer. Schon als kleines Kind habe ich immer gebitzelt. Das ist eine meiner schlechtesten Eigenschaften.”

Der Körper ist das Kapital eines Spitzensportlers. Wie gehen Sie mit Ihrem um?

“Sehr bewusst. Je länger man im Profifußball ist, desto fordernder wird er. Englische Wochen oder die EM im letzten Jahr voll durchzupowern, das geht nicht von heute auf morgen. Das muss eine Lebenseinstellung werden. Je älter ich werde, desto mehr Zeit muss ich mir für Pflege und Regeneration nehmen und noch genauer auf meinen Körper hören. Am Anfang glaubt man ja, man ist unzerstörbar. Aber auch das widerlegt die Erfahrung.”

Wie lange können Sie es sich vorstellen, Profifußball zu spielen?

“Es macht so lange Sinn, wie die Leidenschaft und die mentale Stärke da sind. Dazu kommt die körperliche Fitness. Wenn ich merke, dass ich nicht mehr das leisten kann, was notwendig ist, um auf hohem Niveau Fußball zu spielen, sollte Schluss sein. Das rechtzeitig zu erkennen, braucht Kopf und Verstand. Ich lasse das auf mich zukommen.”

Was ist das Schönste am Fußball?

“Zum einen ist es ein Mannschaftssport, zum anderen verbindet und bewegt er ganze Nationen. Ich bin sehr dankbar, wie viele verschiedene Charaktere und Kulturen ich durch den Fußball schon kennengelernt habe.”

Dennoch haben in den vergangenen Monaten Spieler, die nicht viel älter sind als Sie, Ihren Rücktritt aus dem ÖFB-Team bekanntgegeben. Wie schwer fällt es, die Beweggrunde zu verstehen?

“Das fällt überhaupt nicht schwer. Diese Gedanken macht sich keiner leichtsinnig. Ich kenne Markus Suttner schon lange, und auch den Rambo Özcan habe ich in den letzten Jahren sehr intensiv kennengelernt. Es gibt Dinge, die über dem Fußball und der Meinung anderer stehen, und damit Entscheidungen sind, die es zu respektieren gilt.”

Durch die Rücktritte und Ausfälle kommen andere Spieler zum Zug. Sieht die Mannschaft das Spiel in Irland – nachdem zum Jahresauftakt eine Art Neustart ausgerufen worden ist – auch als Chance?

“Das ist genau der Ansatz. Wir gehen das Jahr mit Positivität an. 2016 ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben, 2017 haben wir noch in der Hand. Jetzt kommt Stegersbach, wir treffen uns und geben Vollgas. Wir wollen dieses Spiel gewinnen und haben die Chance, mit einem guten Gefühl in die Sommerpause und den Länderspiel-Herbst zu gehen. Auch das lernt man in einer langen Karriere: Eine positive Herangehensweise – und sei es auch nur eine positivere Formulierung – hilft.”

(Das Gespräch führte Florian Haselmayer/APA)

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