Para-Skilangläuferin Carina Edlinger im Sonntags-Talk: “Olympia war immer schon mein größter Traum”

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Carina und Julian Edlinger haben eine erfolgreiche Saison hinter sich.
Carina und Julian Edlinger haben eine erfolgreiche Saison hinter sich. - © FMT-Pictures/NL/S24/Winkler/Julian Edlinger/Facebook
Die 18-jährige Para-Skilangläuferin Carina Edlinger ist stark sehbehindert. Gemeinsam mit ihrem Guide und Bruder Julian (20) hat sie sich dieses Jahr in Finsterau im Bayrischen Wald zur Doppel-Weltmeisterin gekürt und sich auch den Gesamt-Weltcup geholt. Bei der Leonidas-Sportgala ist sie außerdem als beste Nachwuchssportlerin ausgezeichnet worden. Im Sonntags-Talk erzählt die junge Fuschlerin (Flachgau) von den Highlights ihrer Debutsaison, wie sie mit ihrer Krankheit umgeht und über ihre Teilnahme bei den Paralympischen Spielen 2018 in Südkorea.




SALZBURG24: Zwei goldene WM-Medaillen, eine WM-Bronzene und der Sieg im Gesamt-Weltcup. Hättest du dir gedacht, dass deine Debutsaison so verlaufen wird?

CARINA EDLINGER: Ehrlich gesagt hätte ich mir das nie gedacht. Ich habe mir schon Ziele gesetzt, aber es ist besser gelaufen als ich erwartet habe. Das ist echt super gewesen.

Direkt nach deinem letzten WM-Rennen meintest du, du könntest den Erfolg noch gar nicht fassen. Wie sieht es jetzt damit aus?

So ganz realisiert habe ich es immer noch nicht, obwohl ich jetzt in meinem Kastl‘ im Zimmer zwar ein paar Medaillen liegen habe und wenn ich daheim bin, schaue ich sie mir jeden Tag an.

Carina und Julian Edlinger mit dem goldenen Leonidas-Löwen. /Foto: Salzburger Nachrichten Carina und Julian Edlinger mit dem goldenen Leonidas-Löwen. /Foto: Salzburger Nachrichten ©

Du und Julian, ihr seid zu zweit sehr erfolgreich unterwegs. Wie hat es sich ergeben, dass ihr ein Geschwister-Team bildet?

Wir (Familie Edlinger, Anm.) haben eigentlich ziemlich knapp vor Saisonbeginn angefangen alles zu organisieren. Dann haben wir bemerkt: Einen Guide brauche ich auch noch. Und da ist uns die Zeit davongelaufen. Julian hat dann gesagt: Was ist, wenn ich das mache?

JULIAN EDLINGER: Carina ist vorher bei den normalen Rennen gestartet. Ich war in Eisenerz (Nordisches Ausbildungszentrum, Anm.) und bin selbst Rennen gelaufen. Dann ist ihre Sehleistung immer schlechter geworden und ich habe überlegt, was ich nach Eisenerz machen soll. Wir haben sozusagen unsere beiden Karrieren in einer verbunden.

Hast du als Guide eine spezielle Ausbildung machen müssen?

JULIAN: Als Guide musst du dich an den Athleten anpassen. Da gibt es keine Ausbildung, das musst du im Gefühl haben. Es gehört auch viel Übung und Training dazu.

Ihr habt euch also euer eigenes System gesucht, damit ihr möglichst gut zusammen funktioniert.

JULIAN: Ja genau. Andere Athleten halten sich zum Beispiel beim bergab fahren am Stecken des Guides an. Wir machen das nicht. Carina fährt im Windschatten ganz nah an mich heran, dann gehe ich aus der Spur und sie kann nach vorne pfeifen. Dadurch hat sie mehr Schwung und kann sich länger ausrasten. Wir sind eigentlich die einzigen die das so machen, aber es bringt sich mehr, wie man sieht.

Auf der Strecke siehst du, Julian, ja quasi für euch beide. Könnt ihr kurz erklären, wie die Kommunikation zwischen euch bei einem Rennen abläuft?

CARINA: Wir gehen vor dem Rennen jeden Zentimeter der Strecke durch. Da sind wir auch die Extremsten, aber das macht viel aus.

JULIAN: Auf der Strecke hat Carina nichts zu sagen (beide lachen). Das haben wir von Anfang ausgemacht. Am Tag vorher besprechen wir alles, unter dem Rennen wird nicht mehr geredet. Ich greife ein, wenn sie von der Lauf-Technik her schlechter wird und bei starken Kurven oder heftige Abfahrten sage ich ihr, wie sie fahren muss. Und am Ende, wenn sie körperlich nicht mehr so frisch ist, feuere ich sie an.

Die Sehbehinderung hat sich bei dir erst mit der Zeit entwickelt. Wann hat das genau angefangen?

CARINA: Vor etwa sieben Jahren habe ich gemerkt, dass es mir immer schwerer fällt, auf der Tafel in der Schule etwas zu erkennen. Der Augenarzt meinte dann, es schaut nicht gut aus. Ich habe eine Erbkrankheit, einen Gendefekt, bei dem sich die Netzhaut abbaut und der Sehnerv abgedrückt wird. Vor zwei Jahren ist es noch einmal um einiges schlechter geworden und es geht leider nicht bergauf.

Kannst du beschreiben, wie die Welt jetzt für dich aussieht?

CARINA: Das ist schwierig. Ich habe bessere und schlechtere Tage, über den Winter habe ich gemerkt, dass es um einiges schlechter geworden ist. Mein Sichtfeld ist wie ein Tunnel eingeschränkt und trüb, grau und verschwommen. Ich sehe nichts genau und tue mir sehr schwer etwa Gesichter zu erkennen.

Und da denkst du dir nichts dabei, beim Rennen eine Abfahrt hinunterzufahren, obwohl Julian plötzlich nicht mehr vor dir ist?

CARINA: Nein eigentlich nicht. Ich habe das früher auch immer gemacht. Von dem her denke ich mir da weniger.

Durch die Krankheit hat sich in deinem Leben einiges verändert. Wie bist du damit umgegangen?

CARINA: Gut gegangen ist es mir teilweise wirklich nicht mehr. Da haben wir schon wilde Geschichten durchgemacht. Ich muss auch jetzt immer wieder Wege finden, wie ich aus dem Tief rauskomme. Aber ich bin auf einem guten Weg und will das Para-Langlaufen durchziehen.

Hast du mit dem Skilanglaufen zwischendurch mal aufgehört?

CARINA: Nein, aufgehört habe ich nie. Ich war aber schon ziemlich am Zweifeln. Ich wusste nicht, wie es weitergeht. Aber eigentlich hat mir das Langlaufen immer so eine Freude gemacht, dass ich mir gesagt habe, ich versuche es nochmal. Und der Erfolg zeigt mir, dass es richtig war weiterzumachen.

Was macht das Skilanglaufen für dich so besonders?

JULIAN: Der Blick nach vorne, dass der Bruder vor dir läuft. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.

CARINA: (lacht) Nein, also für mich ist das Schöne, dass ich draußen in der Natur bin. Für mich sind die Momente unbezahlbar, wenn ich merke, dass ich gerade wie von selbst laufe. Die Emotionen und Gefühle, die ich bei dem Sport habe, die würde ich schon sehr vermissen.

Und mit viel Willen, Training und Einsatz, habe ich es dahin geschafft, wo wir heute stehen. Es war viel harte Arbeit. /Foto: SALZBURG24/Winkler Carina Edlinger: “Mit viel Willen, Training und Einsatz habe ich es dahin geschafft, wo wir heute stehen. Es war viel harte Arbeit.” /Foto: SALZBURG24/Winkler ©

Fühlt ihr euch in Salzburg gut aufgehoben was Förderungen und Unterstützung für euren Sport betrifft?

JULIAN: Bis jetzt haben wir nichts bekommen, aber die ersten Anträge für Förderungen haben wir gestellt, damit für die Olympiasaison was herausschaut.

CARINA: Vom ÖSV sind wir schon mit Kleidung ausgestattet worden, auch Flüge und Unterkünfte hat der ÖSV bezahlt. Die könnte man sich auch nicht selber bezahlen, das geht finanziell einfach nicht. Das ist wirklich super, weil sonst hätten wir die Saison so nicht machen können. Der Rest ist jetzt erst am Anlaufen.

Seid ihr auch beim Training zu zweit oder in einem größeren Team?

JULIAN: Carina trainiert hauptsächlich in Schladming in der Ski-Akademie, wo sie zur Schule geht. Am Wochenende machen wir so viel Techniktraining wie möglich und üben das Hintereinanderfahren. Das hört sich blöd an, ist aber eine wichtige Sache. Den richtigen Abstand zu finden, Dinge richtig einzuschätzen, das ist gar nicht so leicht.

Ihr seid diesen Winter viel gereist. Wo hat es euch am besten gefallen?

CARINA: Die letzten Reisen nach Pyeongchang in Südkorea und Sapporo in Japan waren sicher die besten. Es war für mich schon immer ein Traum, bei Olympia teilzunehmen. Als ich in Pyeongchang gestartet bin, dachte ich: “Nächstes Jahr ist Olympia und du bist dabei.” Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich.

Über welchen Erfolg habt ihr euch diese Saison am meisten gefreut?

JULIAN: Über die erste Medaille in Finsterau habe ich mich zwar riesig gefreut, aber nicht so sehr wie bei der Zweiten. Da haben wir einfach einen riesengroßen Vorsprung herausgearbeitet.

CARINA: Das war ein 15-er (Rennen über 15 Kilometer, Anm.). Ich bin erst das dritte Mal einen 15-er gelaufen und ich habe das auch nie extra trainiert. Sonst ist mir immer mittendrinnen der Saft ausgegangen. Dort habe ich es dann durchgezogen. Wenn ich nur daran denke bekomme ich schon wieder eine Gänsehaut.

JULIAN: Das nächste Rennen, das mir besonders getaugt hat, war der 15-er in Pyeongchang. In der letzten Runde habe ich zu Carina gesagt, lass dir Zeit, sonst kommen wir mit so viel Vorsprung ins Ziel. Trotzdem sind es vier Minuten geworden.

CARINA: Ich habe das Rennen dann genossen. Die Sonne schien, es war echt ein Hammer.

Ihr habt jetzt in sehr kurzer Zeit viel erreicht. Was ist euer nächstes großes Ziel?

CARINA: Ein wahnsinnig großes Ziel ist, nächstes Jahr eine Medaille in Pyeongchang zu machen. Das ist ein großer Traum von mir.

JULIAN: Möglichkeiten gibt es noch genug, vielleicht machen wir auch noch Biathlon. Nächstes Jahr wollen wir uns aber vor allem bei Olympia gut platzieren.

Danke an euch zwei für das spannende Gespräch. Zum Abschluss habe ich noch ein paar Entweder-Oder-Fragen an dich Carina:

Berg oder Strand? Ich bin wahnsinnig gerne auf den Bergen, aber ein Strandurlaub darf auch nicht fehlen.

Natur- oder Kunstschnee? Ich mag Naturschnee um einiges lieber.

Frühaufsteher oder Langschläfer? Wenn ich ehrlich bin, eher Langschläfer.

Spontan oder Durchgeplant? Spontan.

Olympia oder Weltmeisterschaft? Mein Ziel war eigentlich immer Olympia.

Dein Lieblingsplatz in Salzburg? Salzburg ist wunderschön und ich bin hier überall gern.

 

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

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