“Pelleas et Melisande” an der Staatsoper

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Das Stück bietet ein düsteres Szenenbild
Das Stück bietet ein düsteres Szenenbild - © APA
Ein Vierteljahrhundert hat man sie am Ring nicht gespielt, diese Oper, die ganz allein steht in der Tradition ihrer Gattung. “Pelleas et Melisande” von Claude Debussy ist Musiktheater gewordene Malerei, ein Meisterwerk düsteren symphonischen Impressionismus. Am Sonntag feierte die Staatsoper damit die letzte Opernpremiere der Saison und ließ sich vom Publikum dafür zurecht belobigen.

Es ist immer eine gute Idee, wenn das Staatsopernorchester neue oder lange nicht gespielte Stücke zu proben hat. Denn gründliche Probenarbeit – und erst recht mit einem mutigen und enthusiastischen Dirigenten wie Alain Altinoglu – verfehlt auch beim besten Opernorchester der Welt nicht seine Wirkung. Glasklar, schimmernd, satt und lebhaft im Klang: musikalisch war dieser Opernabend eine Entdeckungsreise von großer Kostbarkeit. Daran hatten auch Olga Bezsmertna, Adrian Eröd und Simon Keenlyside in den Hauptrollen kräftigen Anteil.

Dramaturgisch ist das Werk eine Herausforderung – arm an Höhepunkten und dramatischen Bögen, eine mäandernde, zu Szenen lose gepuzzelte Tondichtung mit teils rätselhafter Handlung. Das Mehrgenerationen-Schloss im dunklen Wald am Meer, in dem Krankheit, Eifersucht, Einsamkeit und unerklärliche innere Traurigkeit mit eiserner Faust regieren und die erblühende Liebe der ätherischen Melisande mit dem süßen Pelleas brutal beenden, ist ein Ort, dem mit realistischem Gestus kaum beizukommen ist.

Marco Arturo Marelli, der stets auch für Bühnenbild und Licht verantwortlich zeichnet, bemüht sich mit seiner Deutung um einen Kompromiss zwischen Sinn und Sinnlichkeit. Erläuternd und erzählend ordnet er seine Personenregie und sorgt für eine stimmungsvolle Bebilderung in monochromem Grau, über dem ohne Unterlass die Reflexion des Wassers schimmert. Doch damit gibt er sich zu schnell zufrieden.

Die Oper ist gezeichnet von langen, sprechenden Zwischenspielen, die viel Zeit für Umbauten lassen würden – umso enttäuschender, dass der oft minutenlang geschlossene Vorhang sich jedes Mal über einer unveränderten Bühne hebt. (Wenn er sich hebt, denn ein zusätzlicher schwarzer Vorhang sorgte nicht nur für Zoom-Effekte, sondern durch sein Verheddern auch für eine plötzliche minutenlange Unterbrechung mitten im Auftakt zu einer neuen Szene.) Ein einziges graues Bild für ein Werk von so großer farblicher Intensität und schwebender Collagierung? Das ist einfach schade.

Auch als Erzähler erweist sich Marelli immer wieder als träge. Die Beziehung der Bebilderung zu dem höchst plastischen Libretto von Maurice Maeterlinck ist inkonsistent und darin oftmals mutlos. Die Ausstattung verwechselt Symbolismus mitunter mit plumper Symbolik. Und die Personenregie begnügt sich vor allem im Fall von Melisande Bezsmertna mit schablonenhaft traurigen Posen, mehr blass als bubenhaft ist auch Eröds Pelleas. Großartig dagegen die bedrohliche, verzweifelte darstellerische Präsenz von Simon Keenlyside als Golaud.

Dass das Premierenpublikum trotz der anspruchsvollen, ohrwurmuntauglichen Melodik, trotz der szenischen Tristesse und trotz der technischen Panne mit großer Begeisterung auf den dreieinhalbstündigen Abend reagierte, spricht für sich. Für das Publikum, einerseits. Und für diesen etwas anderen Opernabend.

(APA)

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