Pionier der E-Mobilität, Roland Haslauer, im Sonntags-Talk: “Wenn der Alufelgenkult in die Knie geht, sind wir bereit für die Zukunft”

Akt.:
7Kommentare
Roland Haslauer ist nicht nur im E-Auto, sondern auch auf E-Rollern anzutreffen.
Roland Haslauer ist nicht nur im E-Auto, sondern auch auf E-Rollern anzutreffen. - © GFB
Er ist Pionier in Sachen Elektromobilität und zeichnet sich für die weltweit erste freie Solarroute im Bundesland Salzburg verantwortlich: Roland Haslauer. Der 62-jährige Wirtschaftsberater und GFB-Geschäftsführer ist ein Macher. Er wartet nicht auf politische Entscheidungen, sondern setzt seine Visionen um – mit Herz und Kopf, wie er sagt. Im heutigen Sonntags-Talk spricht er mit uns unter anderem über die Entwicklung und Chancen der Elektromobilität und erklärt, warum wir alle in Zukunft keine Autos mehr besitzen werden.




Am 7. Juni 2017 wurde in Salzburg die weltweit erste freie Solarroute präsentiert (SALZBURG24 hat berichtet): 33 mit Solarstrom gespeiste Ladesäulen auf einer Strecke von 550 Kilometern. Die Solarroute gilt als eines der innovativsten und außergewöhnlichsten E-Mobilitätsprojekte in Österreich. Initiiert wurde sie nicht von der Politik, nicht von einem Verkehrsclub, dem Tourismus oder der Autoindustrie, sondern von einem Wirtschaftsberater mit Sitz in Zell am See (Pinzgau). „Es war ein Herzens- und Hirnprojekt“, sagte der engagierte 62-Jährige damals vor der Presse. Sein Ziel: Das Bundesland Salzburg im Bereich der E-Mobilität vorantreiben.

Österreichweit gibt es rund fünf Millionen Pkw, davon fuhren im Jahr 2016 laut Statistik Austria lediglich etwas mehr als 9.000 mit Strom. In Salzburg sind 300.000 Pkw zugelassen, 700 davon sind Stromer.

SALZBURG24: Der Anteil der Elektrofahrzeuge auf Österreichs Straßen ist marginal. Warum ist das so?

ROLAND HASLAUER: Wir wissen, in Österreich gibt es ungefähr eine Million Zweitfahrzeuge, mit denen hauptsächlich Kurz- und Mittelstrecken bis zu 100 Kilometer gefahren werden. Diese könnte man doch sehr einfach umstellen. Denn es ist absurd, dass man für solche Strecken einen SUV einsetzt, nur um im Großstadtdschungel die Bordsteinkante überwinden zu können. Die Umstellung muss in den Köpfen der Menschen passieren. Und wir glauben, dass die Bewusstseinsbildung nur über die Unternehmen und deren Mitarbeiter gehen kann. Der Unternehmer schaut nämlich darauf, ob etwas wirtschaftlich ist und ob er damit etwas für sein Image tut.

In unserer Firmengruppe versuchen wir E-Mobilität vorzuleben: 95 Prozent unserer Flotte ist mit Strom betrieben. Wir haben nur noch zwei Fahrzeuge alter Technologie für Langstrecken im Einsatz. Bei Kurz- und Mittelstrecken greifen wir ausnahmslos auf unsere E-Autos zurück. Das war natürlich nicht immer einfach, weil wir am Anfang oftmals nicht genau gewusst haben, wie wir ans Ziel kommen. Aber wir haben es einfach ausprobiert und heute klappt das wunderbar.

Wie kommt es eigentlich, dass sich ein Wirtschaftsberater dem Thema E-Mobilität verschreibt?

Mein Ziel sind 70 Prozent Innovation und 30 Prozent Tagesgeschäft. Wir haben in unserer Firma rund 30 Wissensgebiete aufgebaut, die nicht vordergründig etwas mit unserem Job zu tun haben. Wenn wir glauben, dass etwas Trend wird, dann probieren wir das in unserer Firma sofort aus.

Unsere Vision zum Projekt E-Mobilität war, die Menschen mit der Kraft der Sonne frei fahren zu lassen. Das ist ziemlich schräg, weil die Leute wissen relativ wenig zur Kraft der Sonne und frei fahren geht schon gar nicht. Ein Pkw samt Betriebskosten und Sprit kostet jährlich zwischen 4.000 und 5.000 Euro, aber das geht auch um drei Viertel weniger – und zwar mit Strom. Deshalb lautete unsere Mission: Das Bundesland Salzburg flächendeckend mit einer Solarroute abzudecken. 2012/2013 haben wir damit gestartet, heute umfasst unsere Solarroute 600 Kilometer und verfügt über 30 Ladestationen, die den Lenkern von Elektrofahrzeugen oder Hybridautos kostenlos zur Verfügung stehen.

Ist das Projekt damit abgeschlossen oder geht es weiter?

Es geht weiter. Zum einen wollen wir die Solarroute erweitern, zum anderen werden wir am 22. September ein kleines zukunftsweisendes Fahrzeug vorstellen. Es ist ja an sich absurd, dass ein Wirtschaftsberater ein Fahrzeug baut, aber mit den aktuellen Technologien ist es relativ einfach geworden. Die Industrie ist viel zu langsam und viel zu träge. Sie wird erst dann handeln, wenn sie unter existenziellen Druck kommt, also wenn die Strafen zu groß werden. Die Innovationen kommen de facto aus kleineren Einheiten, wie man sieht. Es gibt nicht nur Startups, es gibt nicht nur Tesla, es gibt mittlerweile 25 Firmen weltweit, die zwischen 20 und 1000 Leute haben, die hier sehr aktiv sind und unglaubliche Dinge machen.

Eine Studie im April dieses Jahres hat ergeben, dass sich 27 Prozent der befragten Österreicher den Kauf eines E-Autos erst in zwei bis drei Jahren, weitere 31 Prozent in vier bis fünf Jahren und 30 Prozent überhaupt erste in sechs oder zehn Jahren vorstellen können (siehe Grafik). Woran liegt das? Ist das Stromnetz noch zu wenig ausgebaut oder sind die Fahrzeug zu teuer?

Das Stromnetz ist grundsätzlich besser ausgebaut als das Tanknetz. Das heißt, die Grundmöglichkeit, die Fahrzeuge aufzuladen, ist gegeben. Wir brauchen nicht, wie zum Teil in den Medien kolportiert wurde, zwei neue Donaukraftwerke dafür. Das ist völliger Unsinn. Das brauchen wir aus dem Grund nicht, weil wir mit zehn Quadratmeter Solarfläche ein Auto versorgen können. Das bedeutet, dass wir österreichweit nur 50 Quadratkilometer brauchen, um alle fünf Millionen Verbrennungsmotoren umzustellen.

Umfrage - Einstellung zum Elektroauto - Tortengrafik; mšgliche Kaufbereitschaft in den nŠchsten Jahren - Balkengrafik GRAFIK 0362-17, 88 x 86 mm Umfrage, April 2017 ©

Das heißt, würden wir alle Autos in Österreich umstellen, hätten wir kein Problem mit der Stromversorgung?

Richtig. Wir hätten überhaupt kein Problem. Weil wir brauchen dann nur neun Prozent mehr Strom und wenn wir das jetzt verteilen auf neun Jahre, dann hätten wir im Jahr 2025 alle fünf Millionen umgestellt und jedes Jahr ein Prozent zusätzlichen Strombedarf.

Und was sagen Sie zu den Fahrzeugpreisen?

Hier ist die Grundhaltung gegeben, dass die Menschen in der Regel nur den Kaufpreis anschauen und nicht die Betriebskosten, die später kommen. Es ist so, dass bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren nach vier Jahren die Betriebskosten bereits höher sind, als die Anschaffungskosten. Wenn man sich bei den Elektroautos die Betriebskosten, wie Sprit und Reparaturen, zum Kaufpreis mitrechnet, spart man sich pro Jahr ungefähr 2.500 Euro. Also, das ist richtig viel Geld – und steuerfrei. Also eigentlich ist es ein Wahnsinn, dass die Leute nicht umsteigen.

Kann die Politik mehr dazu beitragen?

Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden, dass irgendjemand für uns sorgt. Wir gehen in eine Ära, in der der Mensch wieder wichtiger wird als große Apparate. Und wenn die Menschen sagen, ja, ich spare mir hier viel Geld, ich tue etwas fürs Image oder für die Umwelt, dann soll er das bitte tun, unabhängig von der Regierung.

Was halten Sie von einer Quote, die sich die EU jetzt überlegt?

Zwangsregelungen sind nur kurzfristig wirksam. Das einzige, das für Firmen wirksam sein kann, ist, dass sie wirtschaftlich ein positives Ergebnis einfahren – und dabei spreche ich nicht von der Automobilindustrie, sondern von der Mobilitätsindustrie. Wenn diese Firmen Rahmenbedingungen haben, die positiv sind, dann habe ich keine Sorge. Dann brauchen wir keine Quotenregelung und keinen Zwang.

Und für Private würde ich ein Best-Practice-Konzept vorschlagen: Menschen, die interessiert sind, sollen sich bei Firmen, die bereits umgestellt haben, die Dinge live anschauen, ausprobieren, sich die Zahlen geben lassen und dann ihre Entscheidung treffen.

Würde es bei Ihnen diese Möglichkeit dazu geben?

Absolut. Wir haben ein kleines Green-Team von sechs Leuten und die freuen sich immer, wenn Bürger, Firmeninhaber und auch Politiker kommen und sich darüber informieren, wie weit die Situation tatsächlich ist und bei uns ist sie sehr weit.

Roman Haslauer "tankt" an der Solarroute./GFB Roland Haslauer “tankt” an der Solarroute./GFB ©

Können Sie denn derzeit ein E-Auto auf dem Markt empfehlen?

Nein. Denn es gibt ja auch kein Benzinauto, das auf dem Markt ist, das für jeden zu empfehlen ist. Es kommt also immer auf die Anforderungen darauf an. Wenn es um Zweitfahrzeuge geht, können wir fünf bis sechs Fahrzeuge empfehlen. Wenn Sie es als Betrieb nutzen möchten und durchs Bundesland fahren, dann würden wir ein anderes Fahrzeug wählen.

Wir gehen in der Regel so vor, dass wir alle Fahrzeuge, die am Markt angeboten werden, einer sehr kritischen Prüfung unterziehen, vor allem in Bezug auf die Speichervolumen, die die Fahrzeuge bieten. Es gibt nur ganz wenige Hersteller und ganz wenige Fahrzeuge, die jetzt wirklich bereit sind für die aktuellen und zukünftigen Anforderungen. Der Rest ist Marketing.

Der Weg hin zu einem reinen E-Verkehr bedeutet ja nicht weniger Verkehr auf den Straßen – vielleicht sogar noch mehr Verkehr?

Für Österreich sehe ich das Problem überhaupt nicht. Ich würde eher sagen, dass der Verkehr weniger werden wird, sofern wir zu Nutzungskonzepten übergehen. Wenn wir beim Eigentum bleiben, wird es in Österreich bei fünf Millionen Pkw bleiben, außer die Bevölkerung explodiert. Ich glaube aber, dass die Zukunft so aussehen wird, dass die Menschen kein Fahrzeug kaufen sondern Mobilität. Sie kaufen eine Leistung, mit der sie sich an A nach B fortbewegen. Also wir werden weniger besitzen und mehr nutzen. In dem Moment, wo der Alufelgenkult in die Knie geht, sind wir bereit für die Zukunft. Und die Zukunft wird heißen, wir genießen die Dinge, wir nutzen die Dinge, aber besitzen wollen wir vielleicht noch das Einfamilienhaus oder die Wohnung und das war es dann auch schon.

Ist die Gesellschaft denn schon so weit für diese Vision?

In dem Moment, wenn die Menschen die Vorteile von etwas sehen, dann ist es einfach. Wir müssen für den Massenverkehr – also den öffentlichen und privaten Verkehr – einfach zehn Vorteile aufschreiben, durchziehen und das ab morgen leben. Die Welt ist sehr einfach. Sie wird nur von großen Systemen komplex gemacht. Weil dann können diese Apparate uns erklären, dass wir sie brauchen.

Wann wird es denn nur noch E-Autos auf den Straßen geben?

Es wird immer verschiedene Technologien geben. Es gibt ja jetzt auch nicht nur Benzinautos, sondern auch Dieselfahrzeuge. Es gibt ein paar Exoten, die mit Wasserstoff fahren. Wir sind für solare Mobilität. Das heißt, und ist wichtig, dass der Sprit sauber ist. Es wird lediglich die Diskussion über die Art des Treibstoffes geben, es wird Akkus geben, es wird Sonnenenergie, Wind- und Strom und Wasserkraftenergie geben, aber der Elektromotor selbst wird in Zukunft dominant sein.

Und was kommt nach den E-Autos? Werden die dann vielleicht sogar von Drohnen abgelöst?

Mobilität in der Luft? Technisch wird das sicher gehen. Von der praktischen Anwendung sehe ich das skeptisch. Weil wenn man heute schaut, wie die Leute Autofahren, dann wage ich es mir nicht vorzustellen, wie die Leute fliegen. Vielleicht wird es aber auch einmal ein autonomes Fliegen in Korridoren geben.

Wir meinen ja, dass das autonome Fahren kommen wird, aber nicht in dieser Wild-West-Manier, wie es jetzt ist. Sondern, dass in den Innenstädten bestimmte Zonen entstehen, in denen kleine autonome Fahrzeuge fahren.

Herr Haslauer, ich bedanke mich für dieses Zukunftsaussichten und das spannende Interview.

 

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- Feuerwehrjugend Bruck übt 24-S... +++ - Hospizbegleiterin Lieselotte J... +++ - Herbst meldet sich mit Sonnens... +++ - Schauriges Treiben bei der "Na... +++ - Nachbar mit Fußtritten und Fau... +++ - Spektakuläre Show der Untersbe... +++ - Das war das Krampuskränzchen i... +++ - Walser Stefan Schnöll übernimm... +++ - Fallschirmspringer bei Absturz... +++ - Flüchtling nach Drohungen gege... +++ - Rössler geht als Spitzenkandid... +++ - Saalfelden: Polizei forscht Tr... +++ - B99: Einspurige Verkehrsführun... +++ - Brand bei Gasthof in Dorfgaste... +++ - Eugendorf: 78-jährige Pkw-Lenk... +++
7Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel