Rekrut mit “Nahschuss” getötet: Salzburger wegen Mordes verurteilt

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Zu dem tödlichen Schuss kam es vergangenen Oktober in der Wiener Albrechtskaserne.
Zu dem tödlichen Schuss kam es vergangenen Oktober in der Wiener Albrechtskaserne. - © APA/Hans Punz/Archiv
Jener 22-jähriger Soldat aus Salzburg, der am 9. Oktober 2017 in der Albrechtskaserne in Wien einen um zwei Jahre jüngeren Grundwehrdiener erschossen hatte, ist Donnerstagabend wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Das Motiv bleibt ein Rätsel.

Weshalb sich die Geschworenen mehrheitlich dem Staatsanwalt und seiner Mordanklage angeschlossen hatte, wurde – dem Gesetz entsprechend – nicht begründet. Dazu verwies die vorsitzende Richterin Eva Brandstetter lediglich auf den Wahrspruch der Geschworenen. Bei der Strafbemessung fiel die bisherige Unbescholtenheit des Schützen mildernd ins Gewicht.

Erschwerend war demgegenüber, dass der getötete 20-Jährige keine Möglichkeit hatte, den Angriff abzuwehren. Der Bursch hatte es sich im Ruheraum des Wachcontainers bequem gemacht, indem er sich die Schuhe und die Oberbekleidung ausgezogen und sich auf eine Pritsche gelegt hatte. Er dürfte geschlafen haben, als ihm die aus einem Sturmgewehr StG 77 abgefeuerte Kugel in den Kopf drang. Das stellte der Gerichtsmediziner Daniele Risser fest. Das Sturmgewehr StG 77 wurde dem jungen Mann aber nicht direkt angesetzt.

Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger (Kanzlei Rifaat) meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an. Das Urteil ist damit nicht rechtskräftig.

Schuldspruch mit 5:3 im Sinn der Anklage

Der Schuldspruch der Geschworenen fiel nach zweitägiger Verhandlung mit dem knappest möglichen Abstimmungsverhältnis von 5:3 Stimmen im Sinn der Anklage aus.

Bei Stimmengleichheit wäre der inkriminierte Vorwurf der vorsätzlichen Tötung vom Tisch gewesen. Der aus Salzburg stammende Angeklagte blieb bei der Urteilsverkündung wie während des gesamten Verfahrens ruhig, fast teilnahmslos. Neben etlichen anderen Zuschauern waren auch die engsten Familienmitglieder des getöteten 20-Jährigen bis zur Urteilsverkündung im Gericht geblieben. Vater und Mutter des Burschen hatten sich mit einem Trauerschmerzengeld von jeweils 20.000 Euro als Privatbeteiligte dem Verfahren angeschlossen. Die drei Schwestern machten jeweils 9.000 Euro geltend. Hinsichtlich der Eltern hatte der Angeklagte jeweils 7.500 Euro anerkannt.

Gerichtsmediziner: “Schädel regelrecht aufgeplatzt”

Das Projektil drang dem 20-Jährigen sechs Millimeter schräg über dem Ohr in den Kopf und durchschlug den Schädel. Bei der Obduktion hätte sich auch eine “Aufreißung im Hinterhauptbereich, ein typischer Ausschuss” gezeigt, sagte Risser. Der 20-Jährige hatte nicht die geringste Überlebenschance. “Der Schädel war regelrecht aufgeplatzt. Ein klassischer glatter Durchschuss, der zum sofortigen Tod führt”, berichtete der Gerichtsmediziner.

Salzburger spricht von Unfall

Der Angeklagte behauptet, er habe seinen Kameraden zum gemeinsamen Rauchen einer Zigarette wecken wollen, sei beim Betreten des Ruheraums gestolpert und gestürzt, wobei sich unabsichtlich der Schuss gelöst hätte. Das habe nur deshalb passieren können, weil ihm zuvor die Waffe aus der Hand gefallen sei, wobei automatisch eine Patrone aus dem Magazin in den Lauf gelangt sei. Dieser Version trat der Schießsachverständige Manuel Fließ entgegen. Es gebe “keinen Hinweis, dass sich der Schuss ohne besonderes Zutun gelöst haben kann”.

Gewehr lädt tatsächlich selbst bei Sturz

Der Ballistiker hatte zur Erstellung seiner Expertise mit der Tatwaffe und der vom Bundesheer verwendeten Munition zahlreiche Fallversuche durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass sich das StG 77 ab einer Fallhöhe von 1,25 Metern tatsächlich beim Aufprall auf dem Boden selbst nachlädt. Sechs Mal ließ der Sachverständige die Waffe aus 1,25 Metern fallen, ein Mal fand dabei eine Patrone ihren Weg in den Lauf. Bei Fallhöhen jenseits von 1,5 Metern war dann sogar jedes Mal eine Patrone im Lauf, sofern das StG 77 in senkrechter Position und nicht in Schräglage dem Gesetz der Schwerkraft gehorchte.

Längsriefen fehlten bei Patrone am Tatort

Allerdings zeigten sich in diesen Fällen nach dem anschließenden Betätigen des Abzugs bei sämtlichen Patronenhülsen charakteristische Längsriefen, die bei regulär geladener Munition nicht zu sehen war. Auch auf der am Tatort sichergestellten Patronenhülse fehlten diese Längsriefen, “woraus sich schlussfolgern lässt, dass die Patrone nicht durch Fallen der Waffe in den Lauf gelangt sein kann”, wie Fließ betonte. Demnach müsste – aus welchen Gründen auch immer – der Angeklagte im Vorfeld selbst die Waffe geladen und dann mit dieser den Ruheraum betreten haben. Überdies war das StG 77 entsichert. Der Angeklagte hatte am ersten Verhandlungstag zugegeben, er hätte beim Wacheschieben aus Langeweile öfters mit der Sicherung “gespielt” und diese “hin- und hergeschoben, damit die Zeit vergeht”.

Aus welcher Entfernung der tödliche Schuss abgegeben wurde, war für den Schießsachverständigen nicht mehr genau feststellbar. Es sei davon auszugehen, dass sich der Schütze in einem Bereich von bis zu 1,5 Metern vom Opfer entfernt befand. Die genaue Position des Schützen ließ sich ebenfalls nicht mehr rekonstruieren.

Motiv bleibt ein Rätsel

Offen blieb bis zuletzt die Frage nach dem Motiv, die nicht eindeutig geklärt werden konnte. Der 20-Jährige soll den Älteren aufgrund dessen molliger Statur angeblich gehänselt haben, was jener aber vor Gericht in Abrede stellte. Philipp Winkler, der Rechtsvertreter der Hinterbliebenen, brachte in seinem Schlusswort eine homoerotische Komponente ins Spiel, die eine Rolle gespielt haben könnte. Der 20-Jährige soll den Angeklagten “Schatzi” genannt haben – für zwei junge Männer mit türkischen Wurzeln und einer entsprechenden Sozialisation nicht unbedingt ein naheliegender Spitzname. Der Angeklagte hatte diese Bezeichnung bestätigt, die jedoch keine tiefere Bedeutung gehabt hätte: “Wir haben uns einfach Kosenamen gegeben.”

(APA)

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