Salzburger Glücksforscher Anton Bucher im Sonntags-Talk: “Die Melancholie zeigt den Weg zum Glück”

Akt.:
Glücksforscher Anton Bucher im Gespräch mit Nicole Schuchter.
Glücksforscher Anton Bucher im Gespräch mit Nicole Schuchter. - © Bilderbox/SALZBURG24
Am 20. März begehen wir den internationalen Tag des Glücks. Dieser Welttag wurde von Bhutan, einem buddhistischen Königreich mit eigenem Glücksministerium am östlichen Rand des Himalayas, initiiert. Doch was bedeutet Glück überhaupt? Wie wird man wirklich glücklich, warum ist die Melancholie entscheidend, um Glück zu empfinden und welche Rolle spielen Religion und Spiritualität? All diese Fragen beantwortet uns der Salzburger Glücksforscher Anton Bucher (57) im heutigen Sonntags-Talk.

Mit dem Internationalen Tag des Glücks will die UN „Anerkennung gegenüber Staaten zum Ausdruck bringen, die Wohlstand auf eine Art und Weise messen, die über den materiellen Wohlstand hinausgeht“, heißt es in der offiziellen Definition. Aber was ist Glück und welche Faktoren machen Menschen glücklich und welche sind hinderlich?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Theologe und Erziehungswissenschaftler Anton Bucher von der Universität Salzburg seit vielen Jahren. „Glück ist eine Sehnsucht, die nicht altert“, sagt der gebürtige Schweizer, der seit 25 Jahren in Salzburg lebt und sich auch als Buchautor dem Thema voll und ganz verschrieben hat. Im Sonntags-Talk anlässlich des Weltglückstags spricht der 57-Jährige mit uns über die aktuellsten Ergebnisse der Glücksforschung und zeigt auf, wie wichtig Melancholie und Traurigkeit sein können, um glücklich zu sein.

SALZBURG24: Würden Sie sich selbst als glücklichen Menschen bezeichnen?

ANTON BUCHER: Ich bin manchmal glücklich, euphorisch oder zufrieden, manchmal aber auch melancholisch oder traurig. Glück ist eine Kontrasterfahrung. Jedoch leben in der von Amerika geprägten Lebenswelt, in der wir immer glücklich sein sollten. Ganz nach dem Motto: „Always be happy“. Das ist zwar schön, aber zumindest ich kann nicht immer glücklich sein.

Was ist Glück eigentlich?

Glück ist etwas sehr Subjektives. Wir haben 7,6 Milliarden Menschen auf diesem Planten und wahrscheinlich gibt es 7,6 Milliarden verschiedene Glücke. Menschen können bei Tätigkeiten glücklich sein, von denen es andere nicht nachvollziehen können. Als Beispiel fällt mir diese Geschichte ein: Meine älteste Tochter, pubertierend, wollte eine Ratte als Haustier haben, weil die anderen das auch hatten. Das war für mich ganz entsetzlich. Aber Sie wissen, pubertierende Töchter setzten sich durch. Also kam die Ratte ins Haus, krabbelte auf der Schulter herum und aus für mich unerfindlichen Gründen, war dieses Mädchen glücklich.

Was macht glücklich?

Das ist bereits vielfältig untersucht worden. Lassen Sie uns damit beginnen, was einen Menschen nicht glücklich macht. Viele Menschen glauben, sie wären glücklicher, wenn sie mehr Geld hätten. Das stimmt jedoch nur bedingt. Zu wenig Geld kann durchaus unzufrieden oder unglücklich machen. Aber zu viel oder noch mehr Geld macht nicht glücklicher. Was Menschen wirklich unglücklich macht, ist das Grübeln oder das Denken in Konjunktiven. „Hätte ich doch damals etwas anderes gemacht, hätte ich doch einen anderen Partner geheiratet“ und so weiter.

Glücklich machen vor allem Tätigkeiten, die wir um deren Selbstwillen verrichten. Wenn wir im Flow aufgehen, die Zeit vergessen, Eins werden mit dem, was wir tun. Daneben sind es vor allem unsere sozialen Nahbeziehungen wie Familie, Kinder und insbesondere Freunde.

Ein sehr gut gesichertes Ergebnis der Glücksforschung ist etwa auch, dass ehrenamtlich Tätige, überdurchschnittlich glückliche Menschen sind. Zum einen weil sie auch mehr soziale Kontakte haben, weil sie das Gefühl bekommen, etwas Sinnvolles zu tun, gebraucht zu werden und weil sie dann auch Dank bekommen. Wenig macht Menschen glücklicher als ein aufrichtiges „Danke“. Dankbare Menschen sind in aller Regel auch glücklichere Menschen.

Kann man Glück messen?

Ja, und zwar über subjektive Selbsteinschätzungen. Wir fragen Menschen, wie glücklich sie sind. Dafür gibt es verschiedene Skalierungen oder eine Glücksleiter mit zehn Sprossen. Hier geben die Menschen im Schnitt die achte Sprosse an. Mehr als 50 Prozent der befragten wählen Stufe 8, 9 oder 10. Allenfalls fünf Prozent sind zwischen 1 und 3. Das heißt, viele fühlen sich glücklich bis sehr glücklich.

Ist Glück etwas Statisches oder verändert es sich?

Kinder sind mehrheitlich glücklich, die unglücklichste Lebensphase ist die Jugend. Im jungen Erwachsenenalter steigt die Glückskurve wieder an, aufgrund von Selbstständigkeit, Partnerschaften. Dann bleibt die Kurve relativ konstant, bis sie im Alter zwischen 45 und 50 leicht wieder leicht hinunter geht. Interessanterweise beginnt dann im höheren Alter die Glückskurve wieder zu steigen. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Häufig positive Emotionen haben einen für die Gesundheit stabilisierenden Wert. Glückliche Menschen, die weniger Stress, ein stärkeres Immunsystem haben und mehr Melatonin produzieren, erleben dadurch eine lebensverlängernde Wirkung. Und dazu kommt, dass viele ältere Menschen sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen, vom eigenen Ego abkommen und dankbar auf das bisher gelebte Leben sind. Das ist für mich tiefe Spiritualität, tiefe Verbundenheit mit dem großartigen Wunder des Lebens. Ältere Menschen sind dafür sensibler, als Menschen die tagtäglich in ihrem Beruf eingespannt sind.

Welche Rolle spielen Religion und Spiritualität, um glücklich zu sein?

Ich verstehe mich weniger als religiös-kirchlich, sondern spirituell. Für mich bedeutet Spiritualität vor allem die Verbundenheit mit der Natur, mit lieben Menschen und auch mit etwas Übergeordnetem, Größerem. Niemand von uns hat sich das Leben selbst gegeben. Und sich mit diesem Wunderbaren verbunden zu fühlen, kann ein sehr tiefes Glück bescheren. Wir wissen auch aus Hunderten von Studien, dass spirituelle Menschen glücklichere Menschen sind, eine tiefe Geborgenheit, ein tiefes Gefühl des Dazugehörens haben.

Seit einigen Jahren ist ein Trend in mehr Naturverbundenheit zu erkennen. Aber auch Esoterik, Schamanismus oder alternative Medizinformen boomen.

Menschen, die sich mit diesen Dingen auseinandersetzen, suchen letztlich das Glück. Das Wort Esoterik wird vielfach in einem abschätzenden Sinn gebraucht. Für mich bedeutet Esoterik, wie ursprünglich gebraucht, das nach Innen gehen. Ein Mensch kann nur dann nach Innen gehen, wenn er zugleich nach Außen geht. Ich sympathisiere auch sehr mit Bewegungen, wie Schamanismus. Ich sehe diese Entwicklung als sehr positiv und würde mich dagegen wehren, das lächerlich zu machen. Darin stecken viele Sehnsüchte und tiefe Suchbewegungen.

Was kann man selbst tun, um glücklicher zu werden?

Glückliche Menschen wissen in der Regel gar nicht, dass sie glücklich sind. Sie denken darüber nicht nach, sie sind es einfach. Und jene Menschen, die dem Glück nachjagen, bewirken oft genau das Gegenteil. Sie werden einsamer und anfälliger für depressive Verstimmungen. Daher sollte man dem Glück nicht willentlich nachjagen. Sondern einfach das tun, was im Alltag geboten ist. Das bedeutet, sich mit Freunden treffen, das Familienleben pflegen, vielleicht neue Hobbys finden, in einen Verein gehen oder sich ehrenamtlich engagieren und vor allem viel in Bewegung sein. Damit meine ich nicht nur die körperliche Bewegung, sondern auch die geistige.

Sie haben vor kurzem Ihr neues Buch „Das Glück des Traurigseins. Über die Vorzüge der Melancholie“ veröffentlicht. Inwiefern kann die Traurigkeit dabei helfen, glücklich zu sein?

Wir wissen aus der Emotionspsychologie, dass jene Menschen, die am glücklichsten sind, bei jeweils angemessenen Anlässen auch traurig, nachdenklich oder melancholisch sein können.

Die faszinierendsten Emotionen, die wir erleben dürfen, sind für mich die gemischten Emotionen. Das ist zu Beispiel dann der Fall, wenn wir glücklich und traurig gleichzeitig sind. Diese Gefühle sind sehr intensiv. Menschen, die in Melancholie geraten – das ist häufiger im Herbst, bei trister Stimmung oder trauriger Musik erkennen plötzlich die Grenzen des Lebens. Und wenn wir uns unserer Sterblichkeit bewusst sind, wird der jetzige Augenblick viel mehr wert, als wenn man permanent im gleichen Trott steckt. Deswegen braucht es manchmal auch die Traurigkeit und die Melancholie, um das Glück zu erkennen.

Dieser Ansatz geht ins Buddhistische

Dalai Lama zählt zu den ausgewiesensten Experten des Glücks. Im Hier-und-Jetzt zu sein, genau in dieser Sekunde, bedeutet auch, dass man die Emotionen, die gerade kommen, akzeptiert. Also wenn ich gerade traurig bin, dann bin ich traurig und ich habe das Recht, traurig zu sein. Ziel sollte nicht sein, das zu unterdrücken, sondern es zuzulassen.

Wie kann man einem anderen Menschen dabei helfen, glücklich zu sein oder das Glück zu erkennen?

Wenn es einem Menschen schlecht geht, dann spürt man das. Es ist schon viel geholfen, wenn man ein offenes Ohr hat und einfach nur zuhört. Wir leben in einer therapeutischen Gesellschaft mit fast 500 Therapierichtungen, aber von einem bin ich überzeugt: Nämlich, dass wir alle – auch wenn wir das nicht studiert haben – Therapeuten sind und dass es viel weniger professionelle Psychotherapeuten bräuchte, wenn in unserer Lebenswelt einfach mehr Freundschaft gepflegt würde.

Mit diesen wunderbaren Worten möchte ich das Interview schließen und bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.

Sehr gerne.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- Salzburg erfüllt Asyl-Quote z... +++ - Intelligente Ampeln sollen Ver... +++ - Salzburger bestellt Drogen-Coc... +++ - Neuer Experte für Katastrophen... +++ - Bayern startet mit flexiblen G... +++ - Einbrecher schlagen fünf Mal i... +++ - Land Salzburg will Besucher-Ma... +++ - Raubüberfall mit Kartoffelschä... +++ - Kritik an Vilimsky: Baumgartne... +++ - Warum Salzburg im Jahr 1920 di... +++ - NEOS sehen Einsatz der bayeris... +++ - Stiegl-Gut Wildshut: Spezielle... +++ - Tief bringt Regen und Gewitter... +++ - Diese Regeln gelten für Schwam... +++ - Polizisten klären Raubüberfall... +++
0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen