Salzburger will sich nach dem Tod einfrieren lassen

Von Jacqueline Winkler
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Wie lange Emanuels Körper tiefgekühlt werden wird, weiß er nicht.
Wie lange Emanuels Körper tiefgekühlt werden wird, weiß er nicht. - © Bilderbox
Der Salzburger Carl Wilhelm Emanuel Schicktanz ist 25 Jahre alt und todkrank. Deshalb will er seinen Körper kurz nach seinem Tod einfrieren lassen. Er hofft auf eine Heilung seiner Krankheit in der Zukunft.




Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: Menschen lassen sich einfrieren und hoffen darauf, in der Zukunft wieder aufgetaut zu werden. So wie der Marvel Superheld Captain America oder die Astronauten in Interstellar. Die einen machen es, weil sie einfach neugierig darauf sind, wie die Welt in 100 Jahren aussieht, die anderen, weil sie unheilbar krank sind.

Der Salzburger Carl Wilhelm Emanuel Schicktanz gehört zu den Letzteren. Der 25-Jährige aus Berndorf (Flachgau) hat im vergangenen Jahr 50 Prozent seiner Atemmuskulatur verloren. Dafür gibt es keine Heilung und er wird bald sterben. Ein Jahr gibt er sich selbst noch. Doch er will eine zweite Chance.

„Die Ärzte meinten, da ist nichts“

Schicktanz springt die Treppe zwar noch scheinbar leichtfüßig hinauf, oben angekommen ist er dann aber doch merklich außer Atem. Ansonsten würde man es dem jungen Mann aber nicht auf den ersten Blick anmerken, dass er todkrank ist. “Das Atmen ist schon schwer, das Essen ist erschwert, auch Sprechen ist anstrengend. Das meiste geht aber noch. Nur, ein Laptop fühlt sich für mich mittlerweile an, wie eine 50 Kilo Hantel”, erzählt er.

Genannt werden will er Emanuel, die anderen Vornamen seien ihm zu altmodisch. Angefangen hat alles im Dezember 2015 mit Muskelzuckungen und Krämpfen. “Ich bin dann zum Arzt und habe gefragt, was da los ist, weil ich auch keine Luft mehr bekommen habe.” Der Hausarzt vermutet Asthma und schickt den Berndorfer weiter zum Lungenfacharzt. Der schließt Asthma aus, die nächste Station ist der Neurologe. Wo die Krämpfe herkommen, das konnte keiner der Ärzte feststellen. “Die Ärzte meinten, da ist nichts. Also habe ich das geglaubt”, sagt Emanuel. Doch die Krämpfe sind wiedergekommen, sind schlimmer geworden.

Emanuel Schicktanz hofft auf eine Heilung in der Zukunft. /Foto: Jacqueline Winkler ©

Die halbe Atemmuskulatur ist weg

Ein erneuter Besuch beim Lungenfacharzt zeigte, dass seine Lungenfunktion und auch die Atemmuskulatur nur mehr zur Hälfte vorhanden sind.

Langes Sprechen strengt Emanuel an. Immer wieder massiert er sich seitlich den Kiefer, Schlucken fällt im sichtlich schwer. Die kleine Kaffeetasse zittert, als er sie mit beiden Händen hochhebt. Emanuel hat immer noch keine Ahnung, welche Krankheit er hat. Das frustriert ihn. “Als ich dann gemerkt habe, dass die Muskeln immer weniger werden und der Arzt mich halt irgendwie nicht ernst nimmt, habe ich gedacht, ich schaue selbst mal nach.”

Eigendiagnose ALS

Bei seinen Recherchen hat sich für Emanuel eine Krankheit ziemlich schnell herauskristallisiert, die auf alle seine Symptome passt: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Diese Krankheit ist im Sommer 2014 besonders durch die Ice Bucket Challenge ins weltweite Scheinwerferlicht gerückt.

Heilung gibt es noch keine. Bei ALS verschwinden die Motoneuronen im Rückenmark. In der Folge bauen sich auch bestimmte Hirnareale ab. Das führt zu Lähmungen, Krämpfen und Gewebeschwund, vor allem der Muskulatur in Armen und Beinen, später aber auch im Gesicht. Fortschreitend sind auch Zunge, Gaumen, Rachen und Kehlkopf von den Lähmungen betroffen. Letztendlich ersticken die Betroffenen.

Emanuel glaubt, seine Ärzte trauen sich nicht ihm zu sagen, was er hat. “Der Arzt muss sich wirklich sicher sein. Und für ihn ist es angenehmer, das solange abzustreiten, wie es geht. Bei so Sachen wie ALS, da kannst du nichts dagegen machen und da hat der Arzt glaube ich auch Angst davor, dass sich viele Leute irgendwo runterschmeißen.”

Den endgültigen Tod mit flüssigem Stickstoff aufhalten

Auch daran hat Emanuel schon gedacht. “Für mich wäre es halt einfach der bessere Ausweg. Lieber sterbe ich, solange es mir halt noch gut geht, als wenn ich langsam sterbe.” Es ist offensichtlich, dass sich Emanuel bereits mit seinem Schicksal abgefunden hat. Er spricht ruhig über seine Geschichte, sein Leben. Fast schon emotionslos.

Die zufällige Entdeckung der Kryonik hat ihn vom Selbstmord abgehalten. Kryos ist das altgriechische Wort für “Eis”, die Wissenschaft der Kryonik beschäftigt sich mit dem Konservieren von Organen und ganzen Körpern. Doch der eisige Schlaf ist selbst in wissenschaftlichen Kreisen umstritten. Das Risiko ist groß, bislang ist auch noch kein Mensch wieder aufgetaut worden. Niemand kann sagen, welche Schäden der Körper davontragen könnte.

Ist der Patient für tot erklärt worden, wird der Körper für die Kryostase sofort gekühlt, um ihn so gut wie möglich zu erhalten. Als nächstes wird er ausgewaschen. Das bedeutet, die Körperflüssigkeiten werden durch „Cryo-Protectant-Agents“ ersetzt, eine Art Frostschutzmittel. Notwendig ist das, weil durch das Gefrieren sonst Eiskristalle entstehen, die vor allem im Gehirn große Schäden anrichten könnten.

“Ich habe ja nichts mehr zu verlieren”

Doch es gibt die Hoffnung, dass es doch funktionieren kann. Der amerikanische Kryobiologe Greg Fahy hat bereits eine Hasenniere eingefroren und nach einer Woche in flüssigem Stickstoff einem lebendigen Hasen wieder eingepflanzt. Der Waldfrosch “Rana sylvatica” lebt in Kanada und Alaska. Im Winter friert er ein und sein Herz und seine Atmung stoppen. Wenige Wochen später taut er auf und lebt weiter. Kryonik-Forscher fragen also, wieso sollte das nicht auch beim Menschen klappen? Die schwedische Ärztin Anna Bågenholm war schon drei Stunden klinisch tot, ihr Körper praktisch so kalt wie ein Kühlschrank, als sie ins Krankenhaus kommt. Sie hat überlebt.

Die Risiken sind Emanuel bewusst, auch die geringe Wahrscheinlichkeit, dass er jemals wieder aus dem mit eiskaltem Stickstoff gefüllten Container herauskommen wird. Aber: “In meiner Situation hat man ja nichts mehr zu verlieren. Ich denke, man sollte alles versuchen”, begründet Emanuel seine Entscheidung.

Noch nicht bereit zu sterben

Ideal wäre es, in den USA oder Kanada zu sterben, so der 25-Jährige. Zwar gäbe es in Deutschland bereits ein Netzwerk, das die Überstellung von Kryonik-Kunden nach Nordamerika organisiert, doch das dauert eben länger. Und ist er einmal tot, muss alles sehr schnell gehen.

Gegenüber Kritik ist Emanuel mittlerweile immun, wie er sagt. Viele meinten zu ihm, den Tod kann man nicht aufhalten, der gehört zum Leben dazu. “Wenn mir das jetzt ein 20-Jähriger sagt, und dann hält man ihm eine Waffe vor den Kopf, dann wird er auch nicht sagen: ‚Wenn ich tot bin, bin ich halt tot‘. Der denkt dann auch, ich will noch weiter leben”, macht Emanuel seinen Standpunkt klar.

Emanuel startet eine Spendenaktion

In Österreich gibt es keine Möglichkeit für die Kryostase, auch in Deutschland nicht. Deshalb will sich Emanuel in den USA einfrieren lassen. Dort gibt es zwei Kryonik-Anbieter. Beide sind Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und nicht auf Profit ausgerichtet. Trotzdem kostet das Verfahren natürlich einiges. Rund 30.000 Dollar kostet das Einfrieren selbst. Doch Emanuel muss auch noch den Transport in die USA organisieren. Das Geld dafür versucht er mit Hilfe einer Spendenaktion zusammenzubekommen.

Durch die Krankheit haben sich viele Dinge in seinem Leben relativiert. “Vieles, was früher wichtig war, ist relativ schnell unwichtig geworden. Die wirklich relevanten Sachen, also eine Familie gründen, ein Geschäft aufbauen, eine Weltreise machen, die kann ich in dieser kurzen Zeit eh nicht mehr machen.” Seine ganze Energie steckt der gelernte Mechatroniker jetzt in die Umsetzung der Kryostase. “Ich habe ja auch am Anfang viel Zeit in die Recherche der Krankheit gesteckt. Die Zeit die mir bleibt kann ich jetzt auch genauso gut für etwas Sinnvolles nutzen.”

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