Schriftstellerin Birgit Birnbacher im Sonntags-Talk: „Bücher können die Welt verändern“

Von Florian Gann
Birgit Birnbacher erregte mit "Wir sind Wal" viel Aufmerksamkeit.
Birgit Birnbacher erregte mit "Wir sind Wal" viel Aufmerksamkeit. - © APA/Leberbauer/MARK.freizeit.kultur/SALZBURG24
Erst seit eineinhalb Jahren betreibt die Salzburgerin Birgit Birnbacher das Schreiben so intensiv, dass man es einen Beruf nennen könnte. Die Liste der Veröffentlichungen ist noch kurz, jene der Auszeichnungen verhältnismäßig lang. Nun sorgt ihr Debütroman „Wir ohne Wal“ für Aufsehen. Wir haben uns mit der Salzburgerin im Sonntags-Talk über die Leiden eines Schriftstellers, weltverändernde Bücher und ihre eigentliche Leidenschaft unterhalten.




Birgit Birnbachers Schriftstellerkarriere ist noch jung. Trotzdem hat sie schon Spuren in der Literaturszene hinterlassen. Die 31-Jährige, die in St. Veit und Goldegg (Pongau) aufgewachsen ist, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2015 bekam sie den Autorenpreis „Irseer Pegasus“ und erhielt den Förderungspreis der Rauriser Literaturtage.

Dazu ermöglichte das Startstipendium für Literatur, das Schreiben neben dem Brotberuf Sozialarbeit als Halbtagsjob zu betreiben. So entstand ihr Debütroman „Wir ohne Wal“, der schon vor dem Verkaufsstart mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung prämiert wurde. Zehn Protagonisten Mitte bis Ende 20 erzählen darin ihre Geschichte, gespickt mit Problemen und Sorgen der jüngeren Generation. Wer mehr über das Buch erfahren will, kann das am 22. November im Zuge einer Lesung in der Stadt:Bibliothek Salzburg tun.

SALZBURG24: Birgit, wie gehst du an ein Buch heran? Einfach hinsetzen und drauf los schreiben?

BIRGIT BIRNBACHER: In der Entstehungsphase des Buchs habe ich mich häufig täglich zum Schreiben hingesetzt, auch wenn ich wusste, ich kann gerade nichts schreiben, womit ich zufrieden wäre. Trotzdem ist es wichtig, dass du dir am Ende des Tages sagen kannst, du hast nicht nichts getan, auch wenn du natürlich weißt, es ist nichts.

Verwertest du die Sachen oder landen sie in der Tonne?

Natürlich Tonne! Aber das ist ja alles sowieso eine riesige Tonne. Die Extrameilen sind beim Schreiben viele, zumindest bei mir. Einem Text gehen zehn voraus, die einfach schlecht sind. Aber das Verzweifeln gehört dazu, die Angst, es nie wieder hinzukriegen, auch. Ich kenne das jetzt schon, das sind Phasen, und meistens nehme ich sie nicht mehr so schwer, sondern halte einfach den Mund und arbeite.

Das hört sich nach viel Leiden an. Braucht man einen Hang zum Masochismus, damit man Schriftsteller sein kann?

Ja. Ich habe noch nie einen Schriftsteller sagen hören, ich schreibe, weil es mich glücklich macht. Warum man schreibt, ist vielleicht sogar eine der Fragen, für die es (noch) keine Antwort gibt. Ich habe zumindest noch nie eine gehört, die mir gefallen hätte, und kann schon gar keine geben.

Wie weißt du dann, was ein guter Text ist und was nicht?

Das weißt du nie. Im Schreibprozess selber glaubst du an ihn, sonst würdest du ihn ja nicht schreiben. Dann gehst du ins Bett in dem Glauben, er ist okay. Schaust du ihn am nächsten Tag voll Vorfreude an, denkst du nicht selten, was ist das denn? Ist das mein Ernst? Dann muss gelöscht werden!

Dein Buch „Wir ohne Wal“ klingt nach einer eher pessimistischen Weltsicht, Leute die auf der Suche nach sich selbst sind, etc. Wie siehst du das?

Ich finde es spannend, wie das beschrieben wird. Weil das für mich eher normale Leute sind, normal in dem Sinn, dass man sie genauso im Leben findet, ohne sie suchen zu müssen.

Hast du die Phase, die du im Buch abhandelst, schon hinter dir gelassen?

Ich schreibe in dem Buch ja nicht über mich. Aber würde ich, ja, dann hätte ich sie längst hinter mir gelassen (lacht).

Du hast mehrere anerkannte Auszeichnungen bekommen und einiges an Medienaufmerksamkeit. Nimmst du einen Hype um dich wahr?

Nein, das nicht. Was die Medienaufmerksamkeit betrifft, habe ich auch ein paar Fehler gemacht. Interviews gegeben, bei denen sich der Journalist nicht einmal Notizen macht, mich dann aber „wörtlich“ mit Sätzen zitiert, die ich niemals sagen würde. Jetzt wird häufig auf genau dieses Interview Bezug genommen. Klar ärgert mich das. Die Auszeichnungen, die ich bekommen habe, waren viel Zuwendung für erste Texte und einen ersten Roman. Ich weiß, dass es vielen Schreibenden anders geht. Das ist ungerecht. Preise und Stipendien sind ungerecht, weil es immer so viele andere gibt, die sie bekommen hätten sollen. Von „verdienen“ würde ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst reden. Bekommen hab ich sie halt, und in großer Dankbarkeit angenommen. Jetzt mache ich eben das daraus, was mir möglich ist: Ich arbeite.

Wie schaut die Salzburger Literaturszene aus? Gibt es einen größeren Kreis an aussichtsreichen Schreibern in Salzburg?

Ich glaube, dass es genug Leute gibt, die viel können. Viele davon kriegen nicht die Beachtung, die sie verdienen. Andere wieder wollen sie auch gar nicht. In Salzburg und darüber hinaus kennt man Marko Dinic, Lisa Viktoria Niederberger, Mercedes Spannagel, Christian Lorenz Müller, und einige mehr. Jeder macht halt so sein Ding und ich weiß gar nicht, ob es so sehr darum geht, was aussichtsreich ist. Oder was „aussichtsreich“ im Literaturbetrieb überhaupt heißt. Erfüllend ist wahrscheinlich, das zu machen, woran man glaubt, und dann auch noch einen Verlag zu finden, der das teilt und unterstützt.

Glaubst du, dass Bücher die Welt verändern können?

Ich glaube schon. Bücher lassen uns Dinge erfahren, die uns sonst verborgen geblieben wären. Gefühlswelten, Länder, Mentalitäten, Milieus, von denen wir ohne sie keine Ahnung hätten. Wenn wir ein Buch lesen, wissen wir im Idealfall danach mehr als zuvor. Es macht uns weitsichtiger, vielleicht sogar empathischer. Ein Buch erlaubt uns ja eine Gesamtausgabe, einen Panoramablick der Innenperspektive eines anderen Menschen, sowas erleben wir sonst ja nicht einmal in der Liebe.

Wie wird das Buch ausschauen, mit dem du die Welt veränderst?

Das wird es nicht geben. Ich werde die Welt nicht verändern. Aber das ist auch nicht mein Ziel.

Was sind deine Leidenschaften und Laster abseits des Schreibens?

Laster gibt es genug, das Rauchen ist vielleicht eines, wenn ich es im Moment auch nicht auslebe. Und Leidenschaften ebenfalls, aber da heißt die größte ganz klar Familie, unser Sohn ist erst sechs Monate alt.

Hast du einen Lieblingsort zum Entspannen und Abschalten in Salzburg?

Ich habe viele Lieblingsorte. Den Kapitelplatz im spätsommerlichen Sonnenlicht zum Beispiel. Der ist dann so weit und groß, dass ich das Gefühl habe, gar nicht in Salzburg zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist der einzige Ort in der Stadt, an dem man normal Luft kriegt.

Dann hätte ich noch ein paar Entweder-Oder-Fragen für dich zum schnell Beantworten.

Buch oder E-Book: Buch

Bier oder Wein: Bier

Christine Nöstlinger oder Thomas Bernhard: Beide.

Frühaufsteher oder Langschläfer: Das ist mit einem so kleinen Kind eine schwierige Frage: Ich weiß es gar nicht mehr. Wahrscheinlich Langschläfer.

Spontan oder Durchgeplant: Durchgeplant

Zeitung oder Online-News: Zeitung

Fleisch oder Gemüse: Gemüse

Radl oder Auto: Radl

Schreibmaschine oder Laptop: Laptop

Faulenzerurlaub oder Abenteuertrip: Seit ich Mutter bin, Faulenzer. Ruhe, ein gutes Buch nach dem anderen. Abenteuer im Kopf sind mir im Moment lieber als die am eigenen Leib.

 

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an: nicole.schuchter@salzburg24.at.

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