Selbst Domingo konnte “Macbeth” nicht retten

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Domingo stirbt zuletzt auf eigenen Wunsch
Domingo stirbt zuletzt auf eigenen Wunsch - © APA (THEATER AN DER WIEN/HERWIG
Da kann selbst Placido Domingo nichts mehr retten: Roland Geyers “Macbeth” im Theater an der Wien bescherte bei seiner zweiten Premiere – mit anderem Schluss und anderen Sängern – am Sonntagabend zwar ein eifrig beklatschtes Wiedersehen mit dem Publikumsliebling. Für seine platte und unausgegorene Inszenierung erntete der Hausherr und Regisseur allerdings ein zweites Mal lautstarkes Missfallen.

Mit diesem düsteren, sprödesten Verdi hat der Intendant Geyer dem Regisseur Geyer eine Herausforderung aufgebrummt, an der schon viele gescheitert sind. Mit der reinen Quantität an Ideen ist der Sache nicht beizukommen – vor allem, wenn die meisten davon nicht besonders gut und keine einzige tragfähig ist. Ihre Bebilderung kommt grell daher, bleibt aber ein diffuser Wust an Symbolen – ein Kindertotenschädel, echte Ratten, Zwitter-Hexen im Glitterlook, Animationen aus Hieronymus Boschs brutalen Fantasien, ein rotierendes Spiegelkabinett und eine nackte Tänzerin. Nichts fügt sich zusammen. Dazu kommt die handwerkliche Umsetzung elementarer szenischer Lösungen erschreckend amateurhaft daher.

Von dem versprochenen Fokus auf die Liebesbeziehung der Macbeths ist völlig knisterfreies erotisches Getue übrig, ein Striptease, der auch im übertragenen Sinn nur die äußersten Hüllen fallen lässt. Gleichzeitig werden die Charaktere an sich so arg von der Regie vernachlässigt, dass Davinia Rodriguez als Lady Macbeth über drei Stunden nicht ihren Gesichtsausdruck zu variieren weiß. Die exponierte Partie bewältigt ihre Stimme mit viel Power, aber auch mit unschöner Inhomogenität, schwankend zwischen metallener Patina in den Tiefen und oftmals schrillen Koloraturen in der Höhe.

Domingo hatte schon im Vorfeld verkündet, dass er sich als ehemaliger Tenor noch immer mit den Bösewichten des Baritonfachs plage. Und wirklich, sein Macbeth ist weniger ein Verbrecher als ein getriebener Melancholiker, und Domingo singt sich wie üblich mit seinem warmen, empathischen Timbre und unfehlbarem Schmelz in die Herzen des Publikums – was für langen Szenenapplaus, aber nicht für eine überzeugend tyrannische Titelfigur taugt.

Vokal Erfreuliches gab es von Stefan Kocan als Banco, Arturo Chacon-Cruz lieferte nach eher schwachen Szenen eine überraschend ergreifende Arie des Macduff ab, Julian Henao Gonzalez sang sich als Malcolm nur knapp über die Hörbarkeitsschwelle. Der Schoenberg Chor – gestraft mit Tanz- und Kampf-Choreografien an der Grenze zur unfreiwilligen Komik – sorgte für den musikalischen Feinschliff. Um den bemühte sich auch Bertrand de Billy redlich und leitete die Wiener Symphoniker durch scharfe, bedrohliche Kontraste in Verdis blutrünstiger Partitur – mangels Präzision in der Umsetzung kommt da aber manche Phrase auf Abwege.

Die Frage, warum man wegen weniger Minuten am Ende – Domingo stirbt auf eigenen Wunsch in der Schlussszene aus der älteren Fassung von 1847 coram publico – zwei “Fassungen” und verschiedene Besetzungen brauchte, ist eine von vielen, die unbeantwortet bleiben. Wohl kaum, um den Hausherren gleich zweimal ausbuhen zu lassen. Ein erfolgsspüriger Intendant, wie es Roland Geyer zweifellos ist, hätte bei dieser Arbeit von einem anderen Regisseur möglicherweise rechtzeitig die Notbremse gezogen. So ein Korrektiv hat schon seinen Sinn.

(APA)

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