Sexuelle Belästigung im Sport: Exhibitionisten-Causa in Rif zeigt Missstände in Österreich auf

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Das Hallenbad in Rif.
Das Hallenbad in Rif. - © Youtube/Screenshot
Im Fall um den angeblichen Exhibitionisten im ULSZ Rif (Tennengau) hat nun die Staatsanwaltschaft das Ruder übernommen. Indes kritisiert die Salzburger Psychologin und Obfrau des Vereins KIMI, Chris Karl, den Umgang mit dem Thema als „politische und emotionale Schlammschlacht“ auf dem Rücken der Kinder. Der Skandal aus einer anderen Perspektive.




Die Wogen gingen hoch als bekannt wurde, dass ein angeblich nackter Mann sein Unwesen im Landessportzentrum Rif trieb. Öffentlich gemacht wurde der Skandal von SPÖ-Sportsprecherin Niki Solarz. Sie warf ULSZ-Rif-Geschäftsführer Wolfgang Becker schwere Versäumnisse vor. Sein Anwalt bestreitet die Vorwürfe, ein Schlagabtausch war die Folge. Schließlich wurde das Thema auch noch im Landtag behandelt. Die Freude bei Sportlandesrätin Martina Berthold (Grüne) über die Schlagzeilen hielt sich in Grenzen. Denn Vorfälle wurden bei ihr keine gemeldet, sagte sie vergangenen Mittwoch.

Exhibitionisten-Causa liegt bei Staatsanwaltschaft

Solarz bleibt dabei: Der Mann sei mindestens 50 Mal nackt von Kindern in Rif gesehen worden. Vier Kinder hätten mittlerweile die Vorfälle zu Protokoll gebracht. Der Fall liegt jetzt bei der Staatsanwaltschaft. Die Daten des vermeintlichen Nacktbaders wurden am 31. Mai nach einem Zeugenhinweis von der Polizei aufgenommen und an die Staatsanwaltschaft Salzburg übermittelt, bestätigt ein Polizeisprecher am Dienstag gegenüber SALZBURG24. Bei dem Mann soll es sich um einen 77-jährigen Einheimischen handeln. Soweit der Stand der Dinge.

Die Besonderheit dieses Falls liegt zweifelsohne in seiner Seltenheit – zumindest was die öffentliche Debatte angeht. Sexuelle Übergriffe im Sport sind kaum präsent. Das Thema werde massiv unterschätzt, sagt die forensische Psychologin und Sportwissenschaftlerin Chris Karl im Interview mit SALZBURG24. Es gebe weit mehr Fälle, als man glauben mag.

Sexuelle Belästigung im Sport ein Tabu-Thema

Aussagen zur körperlichen Entwicklung, anzügliche Blicke und Bemerkungen, eine sexistische abwertenden Sprache, Missachten des Schamgefühls, Verletzung der Intimsphäre oder unerwünschter Körperkontakt – all das kann mit dem Oberbegriff „sexuelle Belästigung“  zusammengefasst werden. Sexuelle Übergriffe im Sport – vor allem bei Kindern – sei in Österreich nach wie vor ein großes Tabu-Thema, so Karl. Ihr Verein KIMI hat sich der Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern verschrieben.

Chris Karl über die Exhibitionisten-Causa in Rif./KIMI/Christian Maislinger Chris Karl über die Exhibitionisten-Causa in Rif./KIMI/Christian Maislinger ©

Keine Zahlen für Österreich

Wissenschaftliche Zahlen, wie oft es in Österreich zu sexuellen Übergriffen im Sport kommt, gibt es de facto nicht – ein zusätzliches Indiz dafür, wie unbeachtet die Thematik in Österreich ist. Es werde davon ausgegangen, dass die Zahlen für sexuellen Missbrauch bei 2 bis 20 Prozent liegen, hieß es etwa relativ schwammig bei der Sportversammlung der Österreichischen Bundes-Sportorganisation im November 2015. Eine 2016 durchgeführte Befragung unter 1.800 Sportlern in Deutschland ergab, dass zirka ein Drittel der Befragten schon einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erfahren hat. Jeder Neunte erlebte sogar mindesten eine schwerwiegende oder lang andauernde Belästigung.

Exhibitionist in Rif: Keine Regeln zum Schutz der Kinder

Den Fall in Rif beobachtet Karl mit großer Sorge. Er zeige nämlich, dass es in Salzburg keine Regeln zum Schutz der Intimsphäre von Kindern gibt, die Eltern, Trainern und Kinder gleichermaßen bekannt sind. Eltern würden zudem kaum bis nicht aufgeklärt, sagt die Expertin. „Kinder haben das Recht darauf, sich den Anblick eines nackten Mannes im Schwimmbad zu ersparen“. Und aus der Forschung wisse man, dass die Opfer oft Jahre brauchen, um die Vorfälle jemandem zu erzählen. Außerdem sei bekannt, dass Sexualstraftäter so gut wie nie Einmaltäter sind. Deshalb sei es auch durchaus vorstellbar, dass der Mann – wie “Aufdeckerin” Niki Solarz berichtet – 50 Mal nackt von Kindern gesehen wurde.

Karl: “Gang an Öffentlichkeit war notwendig”

Solarz‘ Gang an die Öffentlichkeit wertet Karl als „absolut richtig“ und in Österreich „notwendig“. Denn nur so erreiche man die entsprechende Aufmerksamkeit in dieser Thematik. „Egal, welche Meinungen zu dieser Causa kursieren, die Anzeige musste erstattet werden, damit die Untersuchungen aufgenommen werden. Diese bringen dann die Ergebnisse, aus denen die Konsequenzen gezogen werden können“, so Karl. Schuldige gebe es in einem solchen Fall grundsätzlich nicht – weder Kinder, noch Eltern oder Trainer. ULSZ-Geschäftsführer Wolfgang Becker hätte jedoch nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe anders reagieren können: „Die politische und emotionale Schlammschlacht, die seit einigen Tagen im Gange ist, ermuntert nicht gerade dazu, Missstände aufzuzeigen“, so Karl.

Expertin fordert verstärkte Präventions-Maßnahmen

Ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Prävention sei die von Berthold initiierte Aktion „Wir achten aufeinander“. Das Plakat, das laut der Sportlandesrätin auch in Rif zu finden ist, beinhaltet beispielsweise einen „Ethik-Kodex“ für die sportliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und appelliert an Trainer, Eltern, Kinder und alle anderen Beteiligten, Missstände aufzuzeigen. Doch damit sei es aber noch nicht getan, so Karl: Sie fordert die flächendeckende Einführung der Trainer-Eltern-Kind-Regeln, die Aufklärung über diese Regeln und die Einführung eines Evaluierungsgremiums für Verdachtsfälle. Denn in Österreich gibt es bislang kein anderes System als Anzeige zu erstatten.

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