Sonntags-Talk mit “Kräuterhexe” Heidi Friedberger: “Altes Wissen um heilende Wirkung von Pflanzen geht immer mehr verloren”

Heidi Friedberger (rechts im Bild) am Tag der Heilkräuter mit Verena Reisinger und Uwe Büttner (Seewald).
Heidi Friedberger (rechts im Bild) am Tag der Heilkräuter mit Verena Reisinger und Uwe Büttner (Seewald). - © Neumayr/LEO
Die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Altem und Traditionellem scheint bei den Salzburgerinnen und Salzburgern immer stärker in den Vordergrund zu rücken. Gerade im Bereich der Gesundheit geht es immer mehr um Ganzheitlichkeit. Dabei eröffnet das Wissen um die Heilkraft der Pflanzen eine neue Perspektive. Im Sonntags-Talk beschreibt uns Heidi Friedberger, Geschäftsführerin der Akademie für Naturheilkunde in Salzburg, die Wirkung verschiedenster Pflanzen und Kräuter und ruft längst vergessene Heilpflanzen wieder in Erinnerung.




Heidi Friedberger leitet seit etwa vier Jahren die Akademie für Naturheilkunde in Salzburg. Im Sonntags-Talk nimmt sie die Leser mit auf einen Weg durch die Welt der Pflanzen.

SALZBURG24: Liebe Frau Friedberger, was genau ist eigentlich Klosterheilkunde?

HEIDI FRIEDBERGER: Die Klosterheilkunde verbindet traditionelles Wissen aus der Epoche der Klostermedizin mit moderner Pflanzenheilkunde. Die Klosterheilkunde setzt im Vergleich zur Phytotherapie aber viel mehr an einem seelischen Aspekt an. Es geht um ein „In-Beziehung-Treten“ mit sich selbst, dem Gegenüber, den Menschen im Allgemeinen, mit Familie und Freunden und natürlich auch mit den Pflanzen. Pflanzen tragen Wirkstoffe in sich, die für den Menschen heilend sind – sowohl auf körperlicher, als auch auf seelisch-geistiger Ebene.

Wie kann ich mit den Pflanzen in Beziehung treten?

Am besten gelingt das natürlich in der Natur und der Frühling bietet die ideale Zeit dafür. Jetzt sprießt und wächst alles. Dabei ist es sehr wichtig seine Sinne bewusst einzusetzen: Schmecken, riechen, fühlen und genau hinschauen – und das in jeder Wachstumsphase der Pflanze. Bevor ich mich mit den Pflanzen beschäftigt habe, war für mich vieles Unkraut (lacht). Jetzt merke ich auf einmal, dass Vieles, was als Unkraut bezeichnet wird, das größte Potential zur Heilpflanze hat.

Wie alt ist das Wissen um die heilende Wirkung von Pflanzen eigentlich?

Das Wissen über die Pflanzen hat sich von den Steinzeitmenschen über die Hochkulturen stark entwickelt. Die Griechen, später die Römer, haben Kräuter und Heilpflanzen genauestens studiert. Diese Kenntnisse wurden dann von den Klöstern übernommen, die in weiterer Folge versucht haben, dieses alte Wissen, das durch die verlorene Schriftkultur ebenfalls mehr und mehr zu verschwinden drohte, zu erhalten. In den Klöstern wurden die alten Bücher gesammelt und abgeschrieben. Gleichzeitig hat man das Wissen aber auch mit eigenen Erkenntnissen erweitert und ergänzt. So haben zum Beispiel die Benediktiner auch Kranke gepflegt, hatten eigene Kräutergärten und schrieben auf, was den Leuten gut tat.

Die Hochblüte der Klosterheilkunde war das Mittelalter bis zu Hildegard von Bingen. Mit den Universitäten wurde dieses Fachgebiet immer weiter zurückgedrängt. Auch die klösterliche Krankenpflege gab es durch die Ärzte kaum noch. Und nach Maria Theresia ging auch die Zahl der Klöster immer mehr zurück.

Bis heute ist da schon sehr viel Wissen verloren gegangen.

Ja. Und genau deswegen gibt es auch viele Vereine und Initiativen, die sich stark bemühen, das heutige Wissen zu erhalten. Auch wir von der Akademie für Naturheilkunde veranstalten Kurse, halten Vorträge und arbeiten mit dem Kloster Gut Aich in St. Gilgen, das sich sehr intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, zusammen.

Heute weiß man zum Beispiel, dass schon die Ägypter mit Balsamen aus Myrrhe oder Weihrauch gearbeitet haben. Das wurde dann in die Tradition übernommen. Warum? Weihrauch wirkt desinfizierend. Wenn also in der riesigen Wallfahrtskirche in Santiago de Compostela hunderte Menschen verschmutzt, nass und geschwächt von der Pilgerreise auf engstem Raum zusammentrafen, wurde ein riesiger Weihrauchkessel geschwenkt.

Der Seewald-Klostergarten im Kloster Gut Aich in St. Gilgen./Neumayr/LEO Der Seewald-Klostergarten im Kloster Gut Aich in St. Gilgen./Neumayr/LEO ©

Weihrauch ist altbekannt und dürfte jedem ein Begriff sein. Welche Pflanzen und Kräuter sind denn in Vergessenheit geraten?

Da gibt es einige. Zum Beispiel die Königskerze oder auch Wollblume genannt. Das ist eine alte Pflanze, die mannshoch werden kann und bei Husten zum Einsatz kommt. Als magisches Kraut kam es früher zur Abwehr von Unheil zum Einsatz. Herzgespann ist auch etwas Vergessenes. Diese Pflanze ist wie der Name schon sagt, eine Herzpflanze, und vor allem für die Frau in der Lebensmitte interessant. Sie wirkt gegen leichtes Herzklopfen. Vergessen sind aber auch die Engelwurz, die Meisterwurz und der Beifuß. Der ist noch am ehesten zum Würzen von fetten Gerichten, wie dem Gänsebraten, bekannt, weil er verdauungsfördernd wirkt. Er war früher auch ein Frauenkraut, das bei Menstruationsstörungen zum Einsatz kam. Hebammen nutzten ihn zur Anregung der Wehen. Heute wird er bei Schwangeren nicht mehr verwende. Beifuß ist eine milde Form des Wermuts, nur nicht ganz so bitter.

Bitterstoffe sind überhaupt sehr gesund, heißt es.

Das stimmt. Auf den Wermut hat auch schon Hildegard von Bingen geschworen. Wermut (in der Illustration unten, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei) reinigt Magen und Darm und aktiviert Leber und Galle. Überhaupt sind all diese Bitterpflanzen für den kompletten Stoffwechsel zuständig – vom Speichel über den Magensaft, die Leberaktivität, den Gallenfluss bis hin zum Magen-Darm-Trakt. Sie stärken und reinigen und sollen sich auch positiv auf die Psyche auswirken. Es empfiehlt sich ab 40 mehr Bitterstoffe zu sich zu nehmen, um den Körper, der ab der zweiten Lebenshälfte mehr und mehr abbaut zu stärken und aktivieren.

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Neben einer Bitterpflanze wie Wermut, welche Pflanzen und Kräuter sollten in keinem Garten fehlen?

In jedem Fall Salbei und Melisse. Salbei ist ein probates Mittel gegen Hals- und Rachenentzündungen. Einfach als Tee aus frischen oder getrockneten Blättern so oft wie möglich gurgeln. Die Melisse riecht einfach gut und kann man gut in den Alltag einbauen. Sie hat beruhigende Wirkung auf das Herz, die Verdauungsorgane und soll auch zu guter Stimmung verhelfen. Johanniskraut ist beruhigend und unterstützt höher dosiert die Nerven. Es wächst jetzt langsam und wird bis zum Johannestag in voller Blüte stehen. Wichtig zu wissen ist: Johanniskraut ist eine Sonnenpflanze, die uns diese Sonnenengenergie dann im Herbst als Tee verarbeitet in der dunklen Jahreszeit abgibt. Der Wirkstoff hilft gegen leichte Depressionen, macht uns gleichzeitig aber auch lichtempfindlicher. Das heißt, im Hochsommer sollte man das Johanniskraut eher meiden.

Auch für jeden Garten zu empfehlen ist Rosmarin – eine gute Gewürzpflanze und befeuernd. Wenn man einen niedrigen Blutdruck, kalte Hände oder kalte Füße hat, empfiehlt sich in der Früh ein Rosmarinbad oder Rosmarintee.

Bei Hals- oder Kopfschmerzen greift man lieber oft zur Mittelchen oder Pillen aus der Apotheke. Gibt es denn auch Kräuter und Pflanzen die dagegen wirken?

Das Um-und-Auf bei Halsweh ist der Salbei – entweder als Tee oder man nimmt den Spray aus der Apotheke. Da braucht man keine Pille. Die braucht man eigentlich erst dann, wenn es schon zu spät ist und man Angina bekommen hat.

Es gibt aber auch Pflanzen wie die Kapuzinerkresse, im Volksmund als Bauernpenicillin bekannt, die antibiotische Kräfte hat. Wenn man eine Blüte am Tag davon isst stärkt das das Immunsystem und desinfiziert.

Es gibt so viele kleine Helfer, die wir ganz einfach einsetzen können. Bei Kopfweh hilft das Mädesüß, eine Pflanze, die an Wegrändern oder Bächen wuchert und die Salicylsäure enthält. Diese wurde im Labor nachgebaut und wird heute als Aspirin verkauft. Auch Mädesüß wirkt schmerzlindernd und schweißtreibend. Der Fenchel zum Beispiel ist ein Magen-Darm-Mittel aber auch ein Hustenmittel, die Melisse würden wir alle brauchen. Sie erfreut das Herz und ist ganz sanft.

Ich empfehle Kräuter und Pflanzen präventiv einzusetzen und in den Alltag einzubauen – zum Beispiel beim Würzen.

Tees sind bekannt, aber welche Anwendungen gibt es noch?

Man kann bei Pflanzen entweder das ganze Kraut in oder vor der Blüte oder die Wurzel verwenden. Bei der Enzianwurzel oder bei der Meisterwurz nimmt man nur die Wurzel, weil die Wurzel die Heilkräfte enthält. Der richtige Zeitpunkt um zu ernten ist entweder zeitig im Frühjahr oder sehr spät im Herbst, weil da die Pflanze ihre Kräfte noch in der Wurzel hat oder schon wieder in der Wurzel sammelt.

Früher hat man auch sehr viel in Wein ausgekocht oder man kann Tinkturen machen. Das geht ganz einfach: Eine Pflanze schneiden, mit 38 bis 40 prozentigem Alkohol ansetzen und zwei bis drei Wochen an einem wärmeren Ort stehen lassen. Immer wieder schütteln und darauf achten, dass alles vom Alkohol bedeckt ist. Dann abseihen und schon man hat eine Tinktur.

Man kann aber auch Salben machen wie etwa die Ringelblumensalbe, die Pechsalbe oder die Beinwellsalbe, die bei Verrenkungen, Verstauchungen oder Prellungen gut wirkt. Außerdem gibt es Umschläge, ätherische Öle oder Wickel, Inhalationen und Kräuterkissen.

Präsentation des neuen Buches "Spirituelle Pflanzen Heilkunde" im März dieses Jahres. Im Bild von links: Die Autoren Verena Reisinger, Pater Johannes Pausch, Siegfried Kober und Heidi Friedberger./Neumayr/LEO Präsentation des neuen Buches “Spirituelle Pflanzen Heilkunde” im März dieses Jahres. Im Bild von links: Die Autoren Verena Reisinger, Pater Johannes Pausch, Siegfried Kober und Heidi Friedberger./Neumayr/LEO ©

Wenn man selbst Heilpflanzen sammeln möchte, auf was muss man achten?

Es gibt auch einige giftige Pflanzen und wenn jemand gar keine Ahnung davon hat, sollte er lieber nicht alleine sammeln. Gefährlich kann es da bei gewissen Doldenblütler-Pflanzen wie die Hundspetersilie werden. Die schauen sich alle sehr ähnlich. Ich rate vor dem Sammeln Kurse zu besuchen, Kräuterführungen mitzumachen oder es mir von jemandem zeigen lassen, der sich gut auskennt.

Beim Sammeln selbst sollte man darauf achten, nicht die ganze Pflanze auszureißen und alles mitzunehmen. Am besten nimmt man von jeder Stelle nur ein bisschen etwas. Das Sammeln sollte achtsam mit Vorsicht und Demut passieren. Die Achtsamkeit beim Umgang mit Pflanzen färbt auch auf den Menschen ab und man nimmt gewisse Dinge anders wahr. Man bekommt ein anderes Gemüt, man kommt zu Ruhe.

Liebe Frau Friedberger, in diesem Sinne bedanke ich mich für das Interview und die vielen spannenden Tipps.

Sehr gerne.

Sonntags-Talk auf SALZBURG24

Wir veröffentlichen jeden Sonntag ein Interview mit besonderen Menschen aus Salzburg – egal ob prominent oder nicht. Wir freuen uns über eure Vorschläge an nicole.schuchter@salzburg24.at.

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