Stolpersteine in Salzburg: „Wir wollen den Opfern ein Gesicht geben”

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Einer von 389 Stolpersteinen in der Stadt Salzburg.
Einer von 389 Stolpersteinen in der Stadt Salzburg. - © Stadt Salzburg/Killer/Archivbild
Sie sind über die komplette Stadt Salzburg verstreut und dienen der Erinnerung jener, die Opfer des Nationalsozialismus wurden: Die Stolpersteine. Insgesamt 389 der kleinen Messingtafeln gibt es mittlerweile in der Stadt, 26 weitere sollen folgen. Wie das Projekt nach Salzburg kam, wie es von den Nachkommen der Opfer bewertet wird – und wieso die Steine versichert werden müssen: SALZBURG24 hat auf der Suche nach Antworten mit zwei Initiatoren des Projekts, Thomas Randisek und Gert Kerschbaumer, gesprochen.




Begonnen hat alles in den Neunzigern. Der deutsche Künstler Gunter Demnig verlegte am 16. Dezember 1992 den ersten mit einer Messingplatte versehenen beschrifteten Stein vor dem Historischen Kölner Rathaus. Er sollte dem Gedenken jener Roma und Sinti dienen, die an diesem Tag vor 50 Jahren auf Geheiß des NS-Regimes deportiert worden waren.

Europas größtes Mahnmal

Daraus entwickelte sich das Projekt der Stolpersteine, mit dem jener gedacht werden soll, die dem NS-Regime zum Opfer fielen. „Mittlerweile ist es das größte dezentrale Mahnmal in Europa, erzählt Thomas Randisek vom Dachverband Salzburger Kulturstätten im S24-Gespräch. Über 70.000 Steine seien aktuell in ganz Europa und Südamerika verteilt. Nach Salzburg kamen die Stolpersteine eher zufällig: „Eine Bekannte von mir hat davon gelesen und gemeint, dass das Projekt auch für Salzburg interessant wäre“, berichtet Randisek. 2007, vor elf Jahren, ist der Dachverband Salzburger Kulturstätten in Koordination mit der Stadt Salzburg das Projekt angegangen.

Salzburger Schicksale dokumentiert

Der pensionierte Historiker und Germanist Gert Kerschbaumer hatte sich bereits in den Neunzigern auf Spurensuche der Salzburger NS-Opfer gemacht: „Ich habe sämtliche Melderegister und Heimatmatriken durchforstet“, erzählt der 73-Jährige auf SALZBURG24-Nachfrage. Die Biographien jener Salzburger, die unter dem NS-Regime litten, schreibt Kerschbaumer bis heute auf. Ein Stolperstein wird an der letzten dokumentierten Wohnadresse der Opfer in Salzburg verlegt.

Stolpersteine für Lebensretter

Nach welchen Kriterien die Experten entscheiden, ob jemand einen Stolperstein bekommt? „Wir schauen, dass diejenigen, derer mittels Stolperstein gedacht wird, eindeutige NS-Opfer waren“, sagt Kerschbaumer. Neben NS-Opfern werden mittlerweile aber auch für Lebensretter Steine verlegt. Ein wesentliches Auswahlkriterium für den Pensionisten sei die – auch nach dem Ende des NS-Regimes andauernde – Diskriminierung der Opfer gewesen: „Laut österreichischem Opferschutzgesetz werden beispielsweise Roma und Sinti, die keine österreichischen Staatsbürger waren, nicht als Opfer anerkannt. Viele Hinterbliebene hatten daher keinen Anspruch auf Opferfürsorge. Diese nicht oder sehr spät anerkannten Gruppen habe ich immer als erste berücksichtigt.“

Auf dieser Karte finden sich die in Salzburg verlegten Stolpersteine. /Screenshot/Salzburger Stolpersteine Auf dieser Karte finden sich die in Salzburg verlegten Stolpersteine. /Screenshot/Salzburger Stolpersteine ©

Reaktionen aus Israel und Australien

Aufgenommen werde das Stolperstein-Projekt in Salzburg durch die Bank positiv, sagt Randisek, der auch den Grund dafür zu kennen glaubt: „Dass das Projekt auf eine sehr hohe Akzeptanz stößt, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, weil wir die Geschichte der Opfer sehr genau dokumentieren. Wir versuchen die Opfer aus der Anonymität zu holen und ihnen ein Gesicht zu geben.“ Die Biografien der Opfer können online sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch nachgelesen werden. Dies führe dazu, dass viele Nachkommen aus entfernten Ländern wie Israel oder Australien Kontakt zu den Initiatoren aufnehmen. Auch deren Reaktion auf die Stolpersteine falle positiv aus, einige Nachkommen würden sogar nach Salzburg reisen, um den Stolperstein ihres Verwandten aufzusuchen.

Stolpersteine mutwillig zerstört

Besitzerin der Stolpersteine ist die Stadt Salzburg – und diese sind, ähnlich wie ein Kanaldeckel oder ein Verkehrsschild, auch versichert. So ist vorgesorgt, wenn ein Stein kaputt geht. „Ein Stolperstein kann beispielsweise von einem Schneepflug zerstört werden, diesen ersetzt dann die Stadt Salzburg“, klärt der Experte auf. Etwa fünf bis acht Steine werden pro Jahr ersetzt. „Außerdem können Stolpersteine auch mutwillig zerstört werden, das ist 2013 und 2015 in Salzburg passiert“, erinnert sich Randisek.

Namhafte Paten

Finanziert werden die Steine über Paten. „Ein Stein kostet 120 Euro inklusive Verlegung. Wir bekommen von der Stadt Salzburg eine geringfügige Förderung. Ansonsten finanziert sich das Projekt von selbst“, berichtet Randisek. Unter den Paten befänden sich prominente Salzburger wie Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) oder Ex-Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ).

Kampf gegen das Vergessen

Bald sollen 26 weitere Stolpersteine in der Stadt Salzburg verlegt werden, abgeschlossen ist das Projekt aber noch nicht. Bis es so weit ist, wird Kerschbaumer weiter über Salzburger Schicksale nachforschen, denn: „Sollen wir die Menschen vergessen?“ Ins selbe Horn stößt auch Randisek. „Man kann diesen Teil der Salzburger Geschichte nicht wegleugnen.“ Wer mit offenen Augen durch die Stadt Salzburg geht, dem wird bewusst, dass die Stolpersteine genau gegen jenes Vergessen ankämpfen.

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