Theatermacher Heribert Sasse 71-jährig verstorben

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Heribert Sasse stand bis zuletzt auf der Bühne
Heribert Sasse stand bis zuletzt auf der Bühne - © APA
Erst vor wenigen Tagen wurde Heribert Sasse im Theater in der Josefstadt für seine Rolle des Patriarchen Joachim von Essenbeck in der Premiere von “Die Verdammten” gefeiert. Samstagmittag verstarb der renommierte Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter im Alter von 71 Jahren völlig überraschend in seinem Haus in Hinterstoder in Oberösterreich, teilte das Wiener Theater der APA mit.

“Wenn es für mich eine Heimat in Wien gibt, dann ist es dieses Theater”, sagte Heribert Sasse erst vergangenes Jahr im APA-Gespräch. Entsprechend “tief betroffen und bestürzt” zeigte sich am Samstag die Josefstadt von der Todesnachricht. An der Traditionsbühne hatte der Kammerschauspieler auch seinen 70er mit “Die Leiden des jungen Werther” gefeiert – jenem Goethe-Solo, das er 1974 am Düsseldorfer Schauspielhaus herausgebracht und seither nach eigenen Angaben über 1.800 Mal gezeigt hatte. “Dieses Werk hat mich mein Leben lang begleitet”, und ihn u.a. nach London, Paris, Lyon und Tokio geführt, sagte der gebürtige Linzer. In den letzten zehn Jahren seines Lebens aber war Sasse vorrangig an Wiener Bühnen zu erleben.

Sasse wurde am 28. September 1945 in Linz geboren und absolvierte nach einer Elektrotechnikerlehre zunächst ein Musikstudium, ehe er am Max-Reinhardt-Seminar Schauspiel studierte. 1968 debütierte er am Wiener Volkstheater und trat danach sowohl an österreichischen als auch an deutschen Bühnen auf. 1969 führte er seine erste Regie in München, ehe er im Folgejahr als Schauspieler an das Berliner Schillertheater engagiert wurde.

In den darauffolgenden Jahren waren auch Graz, Düsseldorf und die Salzburger Festspiele Stationen seiner Schauspielerlaufbahn. Ab 1976 trat er zunehmend mit eigenen Inszenierungen hervor, darunter am Theater in der Josefstadt, am Volkstheater, bei den Salzburger Festspielen und bei den Wiener Festwochen.

Ab 1980 reüssierte er als Intendant des Berliner Renaissancetheaters, das er bis zu seinem nächsten Karrieresprung 1985 leitete: Sasse wurde als Nachfolger Boy Goberts zum Generalintendanten der Staatlichen Schauspielbühnen mit den drei Spielstätten Schillertheater, Schlossparktheater und Werkstatt berufen. Als ihm der Senat 1990 ein Mehrheitsdirektorium beistellen wollte, entschied sich Sasse gegen eine Verlängerung seines Vertrages. Drei Jahre später wurde das Schillertheater nach drastischem Sinken der Auslastungszahlen geschlossen. 1995 eröffnete Sasse das Schlossparktheater erneut und führte es als Privatbühne, bis ihm 2002, trotz guter Auslastungszahlen, die öffentlichen Förderungen entzogen wurden.

2005 ließ sich Sasse wieder in Wien nieder und wurde am Volkstheater zur zentralen Schauspielerpersönlichkeit der Direktion Michael Schottenberg. An der Seite des damaligen Intendanten war er etwa in der Adaption des Kultfilms “Indien” zu erleben. Ab der Spielzeit 2006/07 wechselte er ans Theater in der Josefstadt, wo Direktor Herbert Föttinger ihn sowohl mit großen Schauspiel- als auch Regieaufgaben betraute.

Hier inszenierte Sasse in den vergangenen Jahren “Mich hätten Sie sehen sollen” und die Brecht-Uraufführung “Die Judith von Shimoda” und spielte u.a. den Bankier Natter in “Das weite Land”, den Vilhelm Fodal in “John Gabriel Borkman”, den Kommerzialrat Rauch in “Kasimir und Karoline” oder in den Uraufführungen von Peter Turrinis “Aus Liebe” und Milan Dors “Die Schüsse von Sarajevo”. Seine letzten Rollen hatte er als Uralter Stutzer in Ödön von Horvaths “Niemand” in der Regie von Föttinger sowie als Joachim von Esselbeck in Elmar Goerdens Inszenierung von “Die Verdammten” nach dem Film von Luchino Visconti.

Sasse spielte auch in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit, etwa in “Falco – Verdammt, wir leben noch” (2008), “Jud Süß – Film ohne Gewissen” (2010) oder “Quellen des Lebens” (2011). Auch in TV-Serien wie “Trautmann”, “Tatort” , “Soko Donau” oder “Der Winzerkönig” war er zu sehen. In Franz Novotnys Spionagedrama “Deckname Holec” hatte er heuer einen Auftritt als Polizeipräsident.

In Österreich war Sasse zwar regelmäßig als Direktor für Theater in der Josefstadt, Volkstheater und Burgtheater im Gespräch, erhielt aber keine Leitungspositionen. Geehrt wurde er dennoch vielfach, darunter mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien und dem Berufstitel Professor. Und zu seinem Haus in Hinterstoder in Oberösterreich, in dem er nun plötzlich verstarb, führt seit mehr als zehn Jahren ganz offiziell der “Güterweg Heribert Sasse”.

Der überraschende Tod Sasses hat große Betroffenheit ausgelöst. “Ich bin tief bestürzt über den Tod von Heribert Sasse, das Theater verliert heute mit ihm eine bedeutende Theaterpersönlichkeit”, erklärte Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger wenige Stunden nach dem Ableben des Schauspielers in einer Aussendung. Bewundernswert und beispielhaft seien sein Brennen als Theaterdirektor, als Regisseur und als Schauspieler und sein hundertprozentiger Einsatz für das nächste Projekt gewesen.

Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nannte den Theatermacher einen der größten Bühnenkünstler Wiens. “Heribert Sasse zeichnete sich durch Beliebtheit, Bühnenpräsenz und ein unglaublich breites Rollenspektrum aus”. Sein plötzlicher Tod sei ein Schock. “Was bleibt, ist die Erinnerung an unzählige, wundervolle Theaterabende des außergewöhnlichen Darstellers und Regisseurs im Volkstheater und auf den Bühnen des Theaters in der Josefstadt”, erklärte Mailath-Pokorny.

Kanzleramtsminister Thomas Drozda (SPÖ) zeigte sich ebenfalls “sehr betroffen” und sprach auf Twitter von einem “schweren Verlust für die Bühnenkunst”.

(APA)

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