Thiem: “Dieses Jahr hat sehr hungrig gemacht auf mehr”

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Der 23-Jährige freut sich schon auf 2017
Der 23-Jährige freut sich schon auf 2017 - © APA (AFP)
Die großartige Saison von Dominic Thiem ist zu Ende. Viel hat am Donnerstag nicht gefehlt, und er hätte sie noch um zwei Tage verlängert. Der Weltranglisten-Vierte Milos Raonic hatte im letzten Match der Gruppe “Ivan Lendl” bei den ATP-Finals in London im ersten Satz große Mühe mit dem jüngsten Teilnehmer am Saison-Showdown der Besten. Das Halbfinale war zu diesem Zeitpunkt in Griffweite.

Nach der ersten Enttäuschung nach dem 6:7(5),3:6 gegen den Wimbledon-Finalisten aus Kanada war Masters-Debütant Thiem aber doch auch zufrieden. “Ich bin sehr glücklich, dass ich überhaupt in die Situation gekommen bin, am letzten Gruppenspieltag noch alle Chancen aufs Semifinale zu haben”, sagte der French-Open-Halbfinalist und vierfache Saison-Turniersieger. Nach schwachen Auftritten in den Wochen unmittelbar vor London war er alles andere als guten Mutes zu seiner Premiere gekommen. “Ich bin nicht mit dem besten Gefühl und mit sehr wenig Selbstvertrauen hergefahren”, gestand der Lichtenwörther.

Seine drei Auftritte mit dem Satzgewinn gegen Novak Djokovic, dem Sieg über Gael Monfils und auch einer guten Leistung gegen Raonic haben jedenfalls bewiesen, dass er den Platz im Kreis der Besten verdient hat. “Ich habe mich als Achter ganz regulär qualifiziert, genauso wie sich die Fußball-Mannschaft für die EM qualifiziert hat. Da gibt es nichts daran zu rütteln”, sagte Thiem. “Der Sieg in der Gruppenphase hat gut getan, die anderen zwei Matches waren auch okay. Natürlich ist es ein großes Ziel, mich wieder dafür zu qualifizieren. Wenn man ein zweites Mal dabei ist, ist es endgültig schwer verdient.”

Ein Saisonabschluss, dem nun bald einen verdienter Urlaub auf den Malediven folgen wird, ist auch ein Grund, noch einmal zurückzublicken. “Das erste Halbjahr bis Wimbledon ist wie im Traum gelaufen. So gut wie keine unnötigen Niederlagen und sehr viele gute Siege gegen absolute Topspieler”, erinnerte sich Thiem. “Das French-Open-Semifinale war jetzt natürlich ergebnis-technisch unfassbar. Sand ist mein Zuhause, da habe ich mich auch sehr gewissenhaft darauf vorbereitet, und das werde ich auch nächstes Jahr wieder machen.”

Allerdings war auch der erste ATP-Turniersieg eines Österreichers auf Rasen in Stuttgart für ihn ein großer Höhepunkt. “Wer weiß, ob das jemals wieder passieren wird? Da hat alles gepasst. Ich bin sehr glücklich, dass ich das in meiner Tasche habe”, sagte er lachend. “Ich war letztes Jahr um die Zeit so weit weg, das war schon ein relativ großer Sprung, den ich da gemacht habe, in diesem Jahr.”

Den Einbruch, den er nach Wimbledon gehabt habe, habe er damals nicht unbedingt verstanden. “Jetzt im Nachhinein ist es klar, dass man so eine erste gute Saison nicht durchspielen kann. Ich denke, dass ich das gute Gefühl doch noch in die letzte Woche gerettet habe, das davor ein bisserl verloren gegangen war.”

Ehe es am 4. Dezember auf Teneriffa schon wieder in die Saisonvorbereitung geht, ist Thiem froh, dass er nun etwas Ruhe haben wird. “Ich gehe mit einem guten Gefühl in die Ferien und dann in die Vorbereitung für das nächste Jahr.” Der Erfolg hat Thiem, der am Montag als Nummer 8 aufscheinen und auf diesem Platz überwintern wird, Lust auf mehr gemacht. “Natürlich hat dieses Jahr auch sehr hungrig gemacht auf mehr.”

Besonders arbeiten will er weiter am Return und Aufschlag, auch wenn er sich da schon Verbesserungen attestiert. “Und dann an ganz banalen Dingen wie einfach im Laufen bei langen Rallys bei hohem Tempo einfach immer weniger Fehler machen.”

Auch im privaten Leben macht Thiem Veränderungen durch, die ihn für seine Zukunft formen. Der siebenfache Turniersieger wird sein Zimmer bei den Eltern in Lichtenwörth, das er ohnehin kaum noch gesehen hat, gegen eine Mietwohnung in der Hinterbrühl tauschen. “Ich denke, dass man nicht ewig zu Hause wohnen kann, und das ist ein ganz normaler Schritt in der Entwicklung eines Menschen.” Der englische Boulevard muss sich in Zukunft also andere Schlagzeilen einfallen lassen, hatten sie doch vom “Millionär, der noch im Kinderzimmer wohnt” berichtet.

Der Erfolg hat Thiem sicher geprägt, bei sich selbst will er aber keine großen Veränderungen feststellen. “Natürlich entwickelt man sich automatisch weiter als Person. Ich versuche immer, dass ich grundsätzlich die gleiche Person bleibe, egal wie gut oder schlecht ich eine Saison spiele”, versichert der Niederösterreicher und ergänzt, “die Saison war sehr gut. Niemand weiß, was nächstes Jahr passieren wird. Sollte ich eine grottenschlechte Saison spielen, will ich auch da sitzen und ein halbwegs zufriedener Mensch sein.” Man sollte den Sportler und den Menschen auch so gut wie möglich trennen, meint er und “das nicht zu sehr überschneiden lassen”.

Ein bisschen mehr “Nein sagen” muss er aufgrund des gestiegenen Interesses von Fans und Medien schon, aber: “Es ist alles nicht so schlimm, dass ich mich abschirmen muss. Ich genieße das alles sehr, was ich da machen darf. Natürlich muss man auch mal Nein sagen, aber das muss man in allen Bereichen im Leben.”

Während so mancher Österreicher vielleicht ans Skifahren im Urlaub denkt, lässt Thiem dies freilich bleiben. “Ich werde mich nur ausrasten. Ich brauche das sehr und freue mich auf den Urlaub.” Nach insgesamt 82 Matches und also 58:24-Siegen hat sich Thiem das auch mehr als verdient.

(APA)

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