Transhumanistische Bewegung in Polen: Politik für Smartphone-Liebhaber, Cyborgs und ein besseres Leben?

Menschen verbinden sich immer mehr mit Maschinen, Maschinen werden gleichzeitig immer menschlicher. Was heißt das für uns?
Menschen verbinden sich immer mehr mit Maschinen, Maschinen werden gleichzeitig immer menschlicher. Was heißt das für uns? - © APA/AFP/Lawrence
Roboter können uns ungeliebte Tätigkeiten abnehmen oder arbeitslos machen, künstliche Intelligenz kann uns das Denken erleichtern oder uns alt aussehen lassen. Kurz: Der technische Fortschritt kann uns weiterbringen oder bedrohen. Unternehmen arbeiten daran, diese Technik immer mehr mit dem menschlichen Körper zu verbinden, sie unter die Haut gehen zu lassen. Sie hätten es nur auf eine rasche Entwicklung abgesehen, ohne Risiken ausreichend zu bewerten, lautet die Kritik. Eine weltweite Polit-Bewegung der Transhumanisten will dafür sorgen, dass die Menschheit den Mittelweg findet: Einen Einsatz von Technik, der allen ein besseres Leben ermöglicht. Wir haben Mitglieder der Bewegung in Polen getroffen — und darüber gesprochen, ob wir in Zukunft zu Cyborgs werden müssen, um dieser Entwicklung standzuhalten und ob man die Transhumanistische Partei Polen auch bald wählen kann.




Tadeusz Dybowski ist mit forschem Schritt unterwegs. Er wirkt wie jemand, der keine Zeit zu verlieren hat. Er fängt an zu reden und ist sofort im Thema: Transhumanismus. Lebensverlängerung, intelligente Augenprothesen, künstliche Intelligenz, er hat zu allen Themen etwas zu sagen. Und sieht viele Vorteile in diesen Technologien. Aber fangen wir von vorne an.

Dybowski hat vor vier Jahren die Transhumanistische Partei Polen (TPP) ins Leben gerufen. Die TPP ist zwar keine Partei im eigentlichen Sinn und ihre Mitglieder keine Politiker. Ihre Mitglieder sind eher das genaue Gegenteil, Anti-Politiker, die das politische System verachten, es am liebsten abschaffen würden. Aber sie sind politisch und haben eine Agenda: Mit Technik das Leben besser machen. Sie sind keine bedingungslosen Technik-Optimisten, aber wollen Smartphones, künstliche Intelligenz und vielleicht auch smarte Implantate dort einsetzen, wo es Erleichterung für Menschen bringt. Sie sind aktiv, weil sie die konventionellen Parteien bei technischen Fragen für unfähig und unwillig halten.

Was ist Transhumanismus?

Die Idee des Transhumanismus geht mehr als 100 Jahre zurück, richtig aktuell ist sie erst seit dem Internetzeitalter. Ein Transhumanist ist ein Mensch, der seine menschliche Natur überwindet. Jemand, der Dinge kann, die über das menschlich Normale hinausgehen. Viele führen die Idee auf den „Übermensch“ des Philosophen Friedrich Nietzsche zurück, eine Art Idealtyp, der alles Negative am Menschen hinter sich lässt. Nietzsche sah es als Aufgabe der Menschheit, so einen Übermenschen zu schaffen. Die Idee hatte seither immer Anhänger, im Technologiezeitalter findet sie aber technische Möglichkeiten, einen solchen Übermenschen zu schaffen.

Ein Chip unter der Haut oder eine Schnittstelle, die ein Gehirn mit einem Computer verbindet: Die Bandbreite, woran im Transhumanismus gearbeitet wird, erlaubt es etwa mit einem Fingerschwenk über die Bankomatkasse zu bezahlen oder per Gedanken eine Suchmaschine zu steuern, ohne mit den Fingern am Smartphone tippen zu müssen. Das eine gibt es bereits, am anderen wird intensiv gearbeitet. Das menschlich Normale wird überschritten, indem der Körper zunehmend mit Maschinen verschmilzt. (Dieses Video gibt einen guten Überblick über verschiedene Technologien, in Englisch, Anm.)

Ein wirkliches ideologisches Zuhause hatten Transhumanisten lange Zeit nicht. Ein loser Haufen von Interessierten, ohne Lobby, ohne Organisation. Die kam 1998 durch die World Transhumanist Association (dt.: Weltverband der Transhumanisten), gegründet von den Philosophen Nick Bostrom und David Pearce. Das Ziel der Organisation: Das Thema Transhumanismus auf die Landkarte des öffentlichen Diskurses bringen, es soll sich als legitimer Gegenstand von Wissenschaft und Politik etablieren.

Im Oktober 2014 nahm die transhumanistische Bewegung auch politische Formen an. Der Amerikaner Zoltan Istvan gab damals an, bei der Präsidentenwahl 2016 im Namen der Transhumanistischen Partei antreten zu wollen. Ende 2014 gründete er mit dem Briten Amon Twyman die Globale Transhumanistische Partei. Nach und nach entstanden nationale Ableger, darunter Deutschland, Österreich und Polen. Man sieht sich aber weiter als globale Bewegung, der nationale Gedanke hat hier wenig Platz. Aber nicht in jedem Punkt ist man sich so einig: Die Bewegung der Transhumanisten ist durchsetzt von Widersprüchen, Unterschieden in der politischen Ausrichtung, auch in den Zielen.

Anti-Ager, Cyborg-Verehrer und Digitalisierungsbefürworter

Etwa 10.000 Menschen rechnet Partei-Kopf Tadeusz Dybowski der transhumanistischen Bewegung in Polen zu. Jene miteingeschlossen, die sich das Transhumanismus-Label nicht bewusst aufheften, aber die Ideen teilen. Immerhin knapp 3.000 Mitglieder zählt „Transhumanizm“, die größte einschlägige Facebook-Gruppe in Polen. 500 Mitglieder sind in der Partei, der Vereinigung und anderen Zusammenschlüssen aktiv, schätzt der 30-jährige Dybowski. Logisch, dass die Personen unterschiedliche Positionen einnehmen. Was bedeutet Transhumanismus für sie persönlich?

„Ich glaube, dass wir 120 Jahre alt werden können. Ich wäre auch bereit, gewisse Dinge dafür einzunehmen“, sagt Dybowski bei einer Tramfahrt durch Danzig. Die Ideen aus der Anti-Aging-Bewegung lassen ihn auf ein längeres Leben hoffen. Er ist fasziniert von allem, was die Funktion des Körpers erweitern kann. Die Augenprothese Argus etwa, die manche Blinde wieder sehen lassen kann, aber auch die Sehkraft von Normalsehenden erhöhen können soll. Sein Programm ist aber ein anderes: Transhumanistische Lösungen für die Mainstream-Gesellschaft bekannt machen.

Von Computer-Chips unter der Haut und anderen Verbindungen zwischen Mensch und Maschine hält Pawel Raszeja wenig. „Transhumanismus fängt bei den kleinen Sachen an“, sagt Raszeja, eines der aktivsten Mitglieder der Transhumanistischen Partei Polen, bei einem Treffen in Danzig. „Die Menschheit macht seit 100.000 Jahren die gleichen Fehler: Wir hassen unsere Nachbarn, wir essen Fleisch. Seine eigenen Fehler zu sehen, das ist für mich der tägliche Transhumanismus“, sagt der 42-jährige Internet-Spezialist. Seine Digitalisierungs-Vision: „Maschinen werden für uns arbeiten.“ Wir könnten uns dann den wirklich sinnvollen Sachen widmen – Freunden, der Familie oder dem Reisen etwa, meint Raszeja.

„Die Idee der Cyborgisierung spricht mich an“, gibt Marcin Wozniak zu. Er ist der Sprecher der Transhumanistischen Vereinigung Polen, einem Verein, der als Sprachrohr für Aktivisten und Gleichgesinnte dient, das Politische aber der Partei überlässt. „Wir können uns nicht erlauben, an der selben Stelle stehen zu bleiben“, erklärt Wozniak in einem Retro-Café in Krakau. Eine Mischform aus Mensch und Maschine zu schaffen, sei für ihn die logische Konsequenz aus den derzeitigen technischen Möglichkeiten. Einen Schritt in diese Richtung macht er mit einer App für Gesprächslandkarten. Das sieht ungefähr so aus: Du diskutierst mit Freunden am Stammtisch, hast eine Idee. Die App zeichnet deine Ideen und Gespräche auf. Und checkt, welches Wissen es dazu im Netz gibt. Du musst nicht selbst das gesamte Internet und dutzende Lexika durchforsten, um bestehende Ideen abzuklappern, die App übernimmt das. Damit am Ende nichts rauskommt, was ohnehin nicht mehr neu ist. Eine Verbindung von menschlicher und künstlicher Intelligenz. Oder wie Wozniak es nennt: „Die natürliche Dummheit reduzieren.“

Ein Gegenpol zur Körperindustrie?

Hinter diesen Ideen, den Körper mit Technologie, das Gehirn mit künstlicher Intelligenz verschmelzen zu lassen, sieht der Südtiroler Wissenschafter Roland Benedikter eine mächtige Industrie. Eine, die ihre „Befreiungstechnologie“ als Lösung für alle großen Menschheitsprobleme anpreist. Das Altern, Krankheiten und der körperliche Verfall sollen damit überwunden werden. Er nennt etwa Tesla-Chef Elon Musk, der mit dem Start-up Neuralink daran arbeitet, eine direkte Verbindung vom Gehirn zu einem Computer zu schaffen. Toyota setzt dazu auf intelligente Prothesen, die mit Elektromotoren Bewegungen unterstützen und Firmen wie Hanson Robotics arbeiten an Robotern wie Sophia, die Menschen erstaunlich nahe kommen.

Die Prothese von Toyota hilft der Funktion der Beine nach./APA/AFP/Nogi Die Prothese von Toyota hilft der Funktion der Beine nach./APA/AFP/Nogi ©

Für Benedikter ist diese Körperindustrie, die Mensch und Maschine verbindet, ein unterschätzter Zukunftsbereich. Einer, der durch eine alternde und gesundheitsorientierte Gesellschaft auf immer mehr potenzielle Absatzmärkte trifft. Das könnte den dort tätigen Unternehmen viel Macht verleihen, wie er im Gespräch mit SALZBURG24 meint. Die transhumanistische Bewegung, vor allem Leute aus den Parteien wie Dybowski und Raszeja, sieht er derzeit als Lobbyisten der Industrie. Irgendwann sollten sie aber eine andere Rolle einnehmen: Als politischer Gegenpol, der ethische Grenzen aufzeigt. Eine Rolle, die sich langsam entwickelt.

„Wir ekeln uns vor der Politik“

Hinter den Mauern einer Villa im Danziger Stadtteil Wrzeszcz kommen die Anhänger der Transhumanistischen Partei Polen regelmäßig zusammen. Hier kämpft Gründer Tadeusz Dybowski darum, die Gruppe größer und bekannter zu machen. Als Treffpunkt dient ein Hackerspace, der so manches Computer-Nerd-Klischee bestätigt — es ist chaotisch und gibt Instant-Kaffee, rundherum stehen Spielautomaten à la Space Invaders aus den 80ern, unzählige Kartons deuten einen anstehenden Umzug in ein größeres Büro an. An einem Montag Ende September kommen knapp 15 Leute zum Treffen, manche sind zum ersten Mal dabei, andere regelmäßige Gäste. Lauscht man den Gesprächen dort, merkt man, dass die Bewegung in ihrer politischen Ausrichtung noch ganz am Anfang steht. Die Ideen sind vielfältig, die Meinungen teils gegensätzlich. Dabei geht es nicht darum, wie man Körper mit Technik erweitern kann.

Einerseits geht es viel um Macht und die Einstellung zur Politik.

„Politik wird nicht von Experten gemacht, sondern von Lobbyisten und der Wirtschaft“, sagt Dybowski. Dem will er etwas entgegensetzen.

„Wir ekeln uns vor Politik“, erzählt Pawel Raszeja. „Wir sollten eine Bürgerbewegung sein, keine Partei.“

„Technologie ist subversiv“, ist ein Mann in der Runde überzeugt, der zum ersten Mal dabei ist. Sie werde irgendwann die Politik ablösen.

„Es ist kein Ziel, einen Cyborg zu produzieren“, sagt Raszeja. Viele Probleme ließen sich mit dem Internet lösen. Darauf solle man sich konzentrieren, fordert er.

„An die Macht zu kommen ist nicht das Ziel“, meint Dybowski, er lehnt Hierarchien ab. „Die meisten Leute wissen nicht, dass sie etwas tun können. Wir müssen sie es wissen lassen.“

Beim Treffen der Transhumanistischen Partei Polen; ganz links hinten sitzt Pawel Raszeja, rechts davon Tadeusz Dybowski./SALZBURG24/Gann Beim Treffen der Transhumanistischen Partei Polen; ganz links hinten sitzt Pawel Raszeja, rechts davon Tadeusz Dybowski./SALZBURG24/Gann ©

Andererseits geht es um die Inhalte: Wofür will man eintreten?

Die Diskussionen drehen sich um Thorium-Atomreaktoren und Orbital-Satelliten zur Energiegewinnung, um Lebensverlängerung und Überbevölkerung, um die Zulassungsdauer von Medikamenten, um politischen Einfluss in der Wissenschaft, um Energie als alternative Währung und immer wieder um die Frage, wofür die Transhumanistische Partei stehen will. Es wird kontrovers diskutiert, um nach und nach die Partei-Identität herauszuschälen.

Transhumanistische Parteien: Ein „ernsthaftes Momentum“

„Jeder beansprucht für sich, ein Transhumanist zu sein“, sagt Alexandra Przegalinska. „Aber sie sind Transhumanisten auf viele verschiedene Arten“, charakterisiert sie die polnische Bewegung. Die Philosophin, die am renommierten MIT in den USA und der Kozminski Universität in Warschau forscht, kennt die Bewegung. Und Leute wie Dybowski und Raszeja kennen sie: Przegalinska wird als eine Art Aushängeschild der polnischen Transhumanisten wahrgenommen, sie steht viel in der Öffentlichkeit. Bei den Mitgliedern gebe es alle Einstellungen, sagt Przegalinska: links, rechts, techno-libertär und elitenorientiert die einen, techno-demokratisch und auf gleichen Zugang für alle orientiert die anderen. Ihre Beobachtung: „Die Leute haben nur ein gemeinsames Thema — die technologische Zukunft. Aber ich glaube nicht, dass sie übereinstimmen, wie sie den Weg dorthin sehen wollen.“

Können die transhumanistischen Parteien wie jene in Polen als Korrektiv zur Industrie wirken und verhindern, dass sie zu mächtig wird. Und entgegen wirken, wenn Unternehmen bei der Entwicklung von Mikrochips und Geräten, die direkt in Körper und Gehirn eingreifen, ethische Standpunkte beiseite drängen? Die Weiterentwicklung der transhumanen Parteien zu richtigen politischen Parteien finde langsam statt, sagt der Politikwissenschafter Benedikter. Aber: „Es wird zunehmend zu einem ernsthaften Momentum werden.“ Benedikter schätzt das Wählerpotenzial dieser Parteien in den westlichen Ländern auf 20 bis 25 Prozent. Auch wenn das Bewusstsein für das Thema Transhumanismus in Europa noch hinterher hinkt.

Trotzdem: Die Transhumanistische Partei Polen will keine Politik machen, in dem Punkt ist man sich einig. Sondern Politikern mit Expertenwissen zur Verfügung stehen. Und eine Art Medium des Fortschritts sein, Glaubhaftigkeit als Faktenchecker für Zukunftsthemen erlangen. Und ein bisschen das machen, was sie der Wissenschaft nicht mehr zutrauen: Nachrichten und Wissen, wie man ein besseres Leben führen kann, in die Welt tragen, wie Tadeusz meint. Und: „Wir wollen die Leute erziehen.“ Erziehen, um selbst politisch aktiv zu werden. Es sind Botschaften wie diese, die schon stark nach Politik klingen.

eurotours_logo_2017_rgb

Entstanden im Rahmen von eurotours 2017 – einem Projekt des Bundespressedienst, finanziert aus Bundesmitteln.

Leserreporter
Feedback


Aktuelle News

- Salzburger Quehenberger Logist... +++ - Köstendorf: Burschen vorm Kiff... +++ - Salzburg auf Kurs bei selbstge... +++ - Salzburg laut Greenpeace-Umfra... +++ - Koalition: Haslauer von Absage... +++ - Föhnsturm-Bilanz in Salzburg: ... +++ - E-Auto-Ladestationen und schne... +++ - Schädliches Babyspielzeug: Sec... +++ - Kinderspielzeug: Bei Kugelbahn... +++ - Nach Leichenfund in Mattsee: K... +++ - Schussattentat in Ungarn: Verl... +++ - Weihnachtsbaum-Vergleich: Prei... +++ - So geht die perfekte Rettungsg... +++ - Weiße Weihnachten 2017: So ste... +++ - Neue Krampuspass in Berndorf m... +++
0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann.

noch 1000 Zeichen